Internationales Film Festival Innsbruck 2026 – Was kann Kino heute sein?

Zum 35. Mal fand das Internationale Film Festival Innsbruck statt, um Filme aus Lateinamerika, Afrika und Asien in den Westen Österreichs zu bringen. Neben Wettbewerben und Specials im Spiel- und Dokumentarfilmprogramm fand auch ein Fokus auf Lemohang Mosese statt. Der in Lesotho aufgewachsene und zurzeit in Berlin lebende Regisseur präsentierte eigene Arbeiten und wählte zwei weitere Filme für das Programm aus, darunter Dahomey von Mati Diop. Das IFFI vereinte wie auch sonst historische und gegenwärtige Perspektiven auf die Welt – untrennbar miteinander verbunden. “Was kann Kino heute sein – in einer Gegenwart, die von Krisen, Umbrüchen und medialer Überfülle geprägt ist”, regte Festivalleiterin Anna Ladinig das Publikum zur Reflexion an. Das genredurchkreuzende Drama On Becoming a Guinea Fowl, der queere Rodeodokumentarfilm Jaripeo und der surreale Slow-Cinema-Traum Olivia realisieren Antworten auf diese Frage auf ganz unterschiedliche Weise. Formal verschieden vermögen es jedenfalls alle Filme des IFFI uns Lebensrealitäten und Empfindungen außerhalb des eigenen Blickfeldes näherzubringen. Auf seine besondere Weise kann das nur das Kino.

On Becoming a Guinea Fowl von Rungano Nyoni

Der Beginn von Rungano Nyonis zweitem Film – ihr Debüt feierte sie 2017 mit I Am Not A Witch – legt zunächst eine Fährte in alle möglichen Genrerichtungen und Stile: Sci-Fi, Thriller, Afrofuturismus, Komödie, Roadmovie, Drama. Wir sehen eine Person (Susan Chardy) mit Sonnenbrille und silbern funkelnder Maske (eine Anlehnung an Missy Elliotts The Rain (Supa Dupa Fly)) – nachts auf einer verlassenen Straße in Sambias Hauptstadt Lusaka mit ernster Miene ein Auto steuern, der Song Coming Home der Lijadu Sisters dringt dabei aus den Lautsprechern. Auf einmal lässt sie ein Hindernis auf der Straße zum Halt kommen. Sie hält die Leiche im Rückspiegel im Blick, während sie nach ihrem Handy greift. Das Telefonat mit dem Vater macht klar: Es ist die Leiche ihres Onkels, die da liegt. Doch anstatt Besorgnis oder Erschütterung auszulösen, erscheint sie der Person in ihrem ausufernden Kostüm – wir erfahren, dass sie Shula heißt – eher lästig. Widerwillig und pflichtbewusst zugleich richtet Shula im Laufe der nächsten Tage gemeinsam mit den anderen Frauen in der Familie des Onkels und dessen Witwe die Trauerfeierlichkeiten mit aus.

On Becoming a Guinea Fowl entfädelt nach und nach ein dichtes Netz aus unausgesprochenen Gesetzen und patriarchaler Gewalt. Seine anfängliche Absurdität gibt sich allmählich als Tragik einer totgeschwiegenen Realität zu erkennen. Die eher stoische Shula trägt eine Maske, um Distanz zu ihrem Umfeld zu wahren und aus respektvoller Haltung der älteren Generation gegenüber, die ständig in Erinnerung ruft, wie sie sich korrekt verhalten müsse. Ihre Flucht ins Hotel, das nüchterne Beäugen von Gebräuchen und ein Zoomcall mit einer Versammlung alter weißer Männer suggerieren ihre professionelle Laufbahn und ihren Lebensmittelpunkt im Ausland. Sie wird durchgehend von ihrer aufgedrehten, meist betrunkenen Cousine Nsansa (Elizabeth Chisela) begleitet, die den Tod des Onkels mit einem Lachen kommentiert. Passe ja zu ihm, dass er neben einem Bordell tot umgefallen sei, bemerkt sie, als sie zu Beginn des Films nach Shula ebenfalls auf der Straße anhält. Es ist die erste Andeutung, die in die Richtung weist, die die Geschichte nehmen wird. Welche Abschiedsworte hätte Onkel Fred wirklich verdient und wäre es nicht an der Zeit, den Schleier der Ignoranz zu lüften? Warum soll eins die Männer in der Familie davonkommen lassen? Nyoni entlarvt die patriarchale Gesellschaft als dichte Mauer, die den Missbrauch von Männern zulässt und viele Frauen zu Komplizinnen macht.

© A24

Inspiriert zu ihrem Drehbuch haben die britisch-sambische Regisseurin Rungano Nyoni die Begräbnisfeierlichkeiten nach dem Tod ihrer eigenen Großmutter. On Becoming a Guinea Fowl stecke voller „Zambianess“, deren Nuancen ein westliches Kinopublikum nicht verstehen kann, beschreibt Autorin Namwali Semwell ihre Seherfahrung im New Yorker: „When I first went to see ‚On Becoming a Guinea Fowl‘ in a New York movie theatre, I found myself sighing, crying, laughing slightly out of synch with the rest of the audience. It was as if I were watching the film’s shadow, or hearing a frequency that no one else could discern. It made me want to take each person there aside, replay the film scene by scene, and say, ‚There. Did you catch that? That’s so Zambian!’“ Tonalitäten, ein Gefühl für Ironie, die Atmosphäre der Hauptstadt Lusaka, das „Zanglish“ (die Kombination regionaler Sprachen wie Bemba und Englisch) seiner Figuren – all das charakterisiert On Becoming a Guinea Fowl auch – neben seiner präzisen Zeichnung von Figuren und Situationen und seinem Blick auf jene Trauer und Wut, die Generationen begleiten kann. Kann Shula zum Perlhuhn (guinea fowl) werden, um ihre Umgebung vor Feinden zu warnen?___STEADY_PAYWALL___

Das Internationale Film Festival Innsbruck (IFFI) wollte Rungano Nyonis On Becoming a Guinea Fowl schon 2025 in sein Programm aufnehmen, doch der Verleiher A24 rückte ihn nach seinem Festivallauf, der auf die Weltpremiere in der Un Certain Regard-Sektion bei den Filmfestspielen in Cannes folgte, nicht raus. Im Kino gestartet war der Film lediglich 2024/2025 in den USA, Großbritannien und Irland – ein Versäumnis für alle anderen Regionen und Länder. Ein Streaming-Start steht im deutschsprachigen Raum ebenfalls noch aus.

Jaripeo von Efraín Mojica und Rebecca Zweig

„Let’s make it gay“, antwortete Efraín Mojica der langjährigen Freundin Rebecca Zweig, als sie die Idee hervorbrachte, einen Film über die Rodeos (Jaripeos) in Penjamillo zu machen. Mojica selbst mit den Veranstaltungen ums Bullenreiten in Westmexiko aufgewachsen, begab sich mit Zweig in die queere Subkultur der Jaripeos und ihr machistisch geprägtes Umfeld. Mojica ist vor der Kamera zu sehen und filmt selbst auf Super 8 – Aufnahmen, die auch Teil des Films sind. Zwei weitere Protagonisten, Noé und Joseph, erzählen im Gespräch mit Mojica, welche Bedeutung die Cowboy-Kultur für ihr Leben und ihre Sexualität einnimmt. Während es in der Welt des Einzelgängers Noé keine Genderidentitäten abseits starrer binärer Schemata geben kann, verkörpert Joseph den Gegenbeweis, wenn er mit seiner campy, genderfluiden Erscheinung auf dem Rodeo mit anderen Besuchern – nur „Hetero-Männer kommen für Joseph in Frage – flirtet. Mit „Heteros“ meinst du Männer, die nicht geoutet sind, weil „Heteros seien sie doch eigentlich keine, stellt Mojica ihn zur Rede. Ja, genau so. Die Bezeichnungen und Verständnisse gehen im Gespräch mit Mojica oft auseinander. Noés exklusives Begehren für ultramaskuline Männer und Josephs Selektion von Heteros – sind es Kompensationen, um nach außen hin selbst männlich genug zu wirken und nicht sanktioniert zu werden, denkt Mojica nach. Aber Joseph ist Präsident der queeren Kirchengemeinschaft, die ihm genug Anerkennung verschafft. Nicht jede Kategorie ist für jede*n relevant. Für Noé passiert schwules Leben, vor allem Dates,viel im Versteck, das bringe  eigene Spannungsmomente, erklärt er.

© ITVS International

Jaripeo erlaubt seinem Publikum Einblicke in ein Umfeld, das durch die Erzählungen seiner Protagonist*innen nähergebracht wird, aber trotzdem fragmentiert bleibt und nicht ganz greifbar wird. Die Arenen, die Häuser, Straßen, Felder und eine Kirche dienen als Gesprächsorte, ein Verständnis für gesellschaftliche Umfelder außerhalb der Jaripeos ergibt sich nicht zwingend. Fest steht aber: In einer Zeit, in der die politische Rechte traditionelle Normen von Maskulinität wieder aufleben lässt und queere Kultur verdrängen möchte, ist es umso wichtiger, deren Sichtbarkeit in männlich codierten Umfeldern – Cowboyhüte, Rodeos, Westernfilme – zu stärken. Mojicas persönlicher Ansatz und Gespräche mit den Menschen vor der Kamera verleihen Jaripeo eine vertraute Intimität. Mojica gesteht Noé, dass er noch nicht geoutet sei und legt dabei die eigene Verletzlichkeit auf seiner Reise mit und vor der Linse offen. Je mehr Gesprächen wir folgen, desto mehr legen sich die Codes unter den queeren Rodeobesucher*innen frei. Es wird auch klar, was alle drei Protagonist*innen in ihren ersten Erfahrungen mit den Jaripeos eint: Sie kamen anfangs hierher, um Alkohol zu trinken und Leute kennenzulernen. Nach den Kämpfen wird die Arena zum Dancefloor und wirkt wie eine riesige Bar, in der es sich zwischen Queers und Heteros – in Josephs und Mojicas Verständnis derer – bis in die Morgenstunden cruisen lässt. Das Debüt des Regie-Duos Efraín Mojica und Rebecca Zweig hatte seine Weltpremiere auf der Berlinale 2025, auf dem IFFI feierte es eine Österreichpremiere.

Olivia von Sofía Peterssen

Es gibt Filme, die sich eher als impressionistische Kompositionen beschreiben lassen, denn dem Verständnis von Logik zu entsprechen, an das uns die Formsprache des Kinos gewöhnt hat. Olivia schafft eine eigene Welt, die zwischen märchenhaft, surreal, mysteriös und berührend schwebt. Sofía Petersen, ausgebildet an der Universidad del Cine de Buenos Aires, hat sich für ihr Debüt in den argentinischen Teil des Tierra del Fuego (Feuerland) begeben, um dort 45 Tage lang mit einem fünfköpfigen Team auf 16 mm zu drehen: in einem frei stehenden, kleinen Haus, in einem Schlachthaus in Río Grande und im Freien – meist in der Dunkelheit.

© Animitas

Im ersten Teil des zweistündigen Films beobachten wir das ruhige Leben der Protagonistin Olivia (Tina Sconochini) und ihres Vaters. Während er das gemeinsame Häuschen mit dem Spitzdach täglich für den Gang zur Lohnarbeit verlässt, beschäftigt sich Olivia im Haus, beobachtet Dinge, kümmert sich um die Sammlung von Käfern, bereitet Mahlzeiten vor. Doch eines Tages erscheint der Vater nicht mehr auf der Schwelle und seine Tochter begibt sich hinaus, um ihn zu suchen. Zuerst sieht sie im Schlachthaus nach ihm, wo sie zwischen zur Schlacht vorbereiteten Kälbern und Blutlachen wie in einem Albtraum herummäandert. Ihr eigenes Auge und das eines Kalbes starren an verschiedenen Stellen des Films im Close-Up auf das Publikum. Sie wirken Messers Schneide und dem Blick der Kamera ausgeliefert wie das Auge von Simone Marueil bzw. das einer Kuh in Luis Buñuels Un Chien Andalou. Trauer und Schaudern überkommt eins beim Anblick dieser Szenen, die wie ein brutales Märchen überrumpeln. Olivia entkommt diesem Ort, denn als der Feierabend hereinbricht, fährt sie mit den Arbeiter*innen in einem Bus weiter. Sie landet am Strand, begegnet anderen Menschen, einer Frau aus dem Schlachthof, die mal wie eine Mutterfigur und mal wie eine Geliebte wirkt – aber nicht ihrem Vater. Olivias Silhouette trennt sich im analogen Korn weich vom schwach beleuchteten Hintergrund, der in die kräftigen Farben des Sonnenauf- und -untergangs getaucht ist. Streichinstrumente und Klavier begleiten sie auf ihrer unermüdlichen Suche, legen sich kräftig auf Momente des Verlustgefühls, bis alles zu einem Halt kommt. Zwei Stunden lang entreißt uns Sofía Petersen unserer eigenen Welt, um uns dem Rätsel und der Anziehungskraft ihrer Bilder hinzugeben. Die großen Flächen von Dunkelheit und Schatten auf der Leinwand fühlen sich wie eine Pause für unsere alltäglich reizüberfluteten Augen und Gehirne an. Der Weg ist das Ziel: für Olivia und jenen Teil des Publikums, der sich darauf einlässt. Olivia hatte 2025 seine Premiere auf dem Locarno Film Festival und tourtseitdem international auf Festivals, seine Österreichpremiere fand während des IFFI statt.

Bianca Jasmina Rauch