OBSESSION und der Begriff Incel Horror

Spoiler für den gesamten Film

Es ist schon erstaunlich, was der Horrorfilm als kommerzielles Genre in den grob geschätzt letzten zehn Jahren für eine Entwicklung durchgemacht hat. Gab es noch zu Anfang der 2000er-Jahre die Befürchtung, der Erfolg des Genres sei an immer explizitere Gewaltdarstellung und damit einhergehend oft auch menschenverachtende Grenzüberschreitungen geknüpft, wurde das transgressive Potenzial schnell für die Zurschaustellung auch anspruchsvollerer Erzählungen genutzt, in denen Tropen des Genres zu Gunsten psychologischer und philosophischer Fragestellungen umgedeutet wurden. Spätestens mit The Babadook von Jennifer Kent machte dann der Begriff Elevated Horror – gehobener Horror – die Runde und beschrieb damit eine Tendenz, in der die Priorisierung von Schock, Grusel und gewaltvoller Transgression und zu Gunsten von Geschichten über Trauma, Macht und auch Gesellschaft aufgehoben wurde.

Ein Aspekt der vielfältigen Ausdifferenzierung des Genres, die damit einherging und geht ist der jüngst aufgekommene Begriff des Incel Horrors, der weniger eine konkrete Produktionsbeschreibung als mehr das Ergebnis einer spezifischen Betrachtung von Horrorfilmen ist, die sich explizit mit Fragen von männlicher Übergriffigkeit, männlichen Anspruchsdenken und weiblicher Autonomie im Kontext heterosexueller Beziehungen auseinandersetzt. Obsession von Curry Barker, der seit seiner Weltpremiere in Toronto im September 2025 viel und positiv besprochen wird und jetzt schon als zukünftiger Klassiker gehandelt wird, hat die Diskussionen um diesen Begriff und seine Implikationen stark vorangetrieben.___STEADY_PAYWALL___

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Und grundsätzlich ergibt der Begriff Sinn: Obsession handelt von Nikki (Inde Navarrette) und Bear (Michael Johnston), Mittzwanziger und Arbeitskolleg*innen in einem Geschäft für Instrumente und Musikbedarf. Bear ist ein netter Typ, schüchtern und ambitionslos. Er ist schon seit längerer Zeit in Nikki verliebt, aber findet nicht den Mut, es ihr zu sagen. Als er die Gelegenheit für eine Liebeserklärung wieder einmal ungenutzt verstreichen lässt, zerbricht er mehr aus Verzweiflung denn aus Hoffnung, einen One Wish Willow und wünscht sich, dass Nikki ihn über alles andere liebe – was prompt in Erfüllung geht. Ein Traum wird wahr für Bear und entwickelt sich schnell zum Albtraum, als sich Nikkis ‘Liebe’ schnell zu übergriffiger, furchteinflößender und ekelhafter Besessenheit entwickelt unter der nicht nur Bear, sondern auch ihr Freundeskreis zu leiden hat.

Dass Obsession dabei ganz geschickt mit Erwartungen und Stereotypen spielt wird schnell ersichtlich und ist der allgemeine Fokus, um den sich die Diskussionen um den Film und die Zuschreibung Incel Horror hauptsächlich drehen: Denn obwohl Nikki diejenige ist, die mit ihrem erratischem Verhalten die Menschen um sie herum terrorisiert schafft es Curry Barker unmissverständlich Bear als den eigentlichen Antagonisten zu entlarven. Er ist es, der sich Nikki ohne Konsens aneignet, ihr ihre Selbstbestimmung nimmt und spätestens als er lernt, dass hinter der manipulierten Version ihrer selbst immer noch ihr ‘wahres Ich’ existiert, das bewusst aber machtlos alles, was mit ihr und ihrem Körper passiert, miterlebt, die ganze Konsequenz seines Handelns begreift und dennoch nicht bereit ist Verantwortung dafür zu übernehmen. Ganz im Gegenteil: Die Vorstellung, dass die ‘wahre Nikki’ sich lieber den Tod wünscht, als weiter das Spielzeug eines Mannes mit Anspruchsdenken und eines bösen Fluches zu sein, verletzt das männliche Ego Bears so sehr, dass er sich selbst als verschmähtes Opfer wahrnimmt.

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Obsession ist was Bears gesellschaftliche und ideologische Position angeht sehr deutlich: Er kann noch so nett und schüchtern und verliebt sein – sein Handeln macht ihn zum Täter und wohlwollenden Nutznießer des Patriarchats, denn er macht keinen Hehl daraus, seine Anspruchshaltung auf Nikki vor allem aus seinem eigenen, egoistischen Begehr abzuleiten. Dieser Anspruch auf Frauenkörper und romantische Zuneigung ist etwas, was seit Mitte der 2010er-Jahre vor allem mit der Incel-Ideologie verbunden wird. Der Begriff Incel Horror weist als analytisches Tool also vor allem darauf hin, dass die Quelle des Schreckens in Obsession nicht der klassische übernatürliche Fluch ist, sondern das Patriarchat und seine Auswüchse – und das in den heteronormativen Narrativen der Filme natürlich hauptsächlich für Frauen.

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Die Anerkennung dieser gesellschaftlichen Realität im Horrorfilm, den nicht nur von misogyner, queer- und transfeindlicher Gewalt betroffene Fans des Genres interessant finden sollten, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Versteifung auf den Incel-Begriff eine bedauerlich verkürztes Verständnis des ideologischen Überbaus festigt, der dieser Anerkennung zugrundeliegt. Denn die Prämisse des Begriffs legt nahe, dass männliches Anspruchsdenken und daraus resultierender Hass, Übergriffe und Gewalt das Merkmal einer größtenteils geächteten Gruppe von dezidierten Frauenhassern ist, von denen sich Männer leicht abgrenzen können, um nicht darüber reden zu wollen, dass ‘Frauen als Besitz’ ein bestimmender und seit Jahrhunderten in mannigfaltigen Facetten präsenter Grundpfeiler jeglicher patriarchalen Gesellschaft ist. Und von dieser Gesellschaft profitieren auch jene Männer, die Bear wie selbstverständlich als den Bösewicht von Obsession identifizieren und annehmen können.

Grundsätzlich haben die Filme, die im Fandiskurs unter der Bezeichnung Incel Horror subsummiert werden – prominent werden hierbei neben Obsession vor allem Don’t Worry Darling (von Olivia Wilde), Blink Twice (von Zoë Kravitz) oder Companion genannt – natürlich einen feministischen Mehrwert und es ist praktisch einen Begriff zu haben, der einen niedrigschwelligen Zugang zu diesem Narrativ ermöglicht. Für die Analyse von patriarchalen Realitäten als funktionierende Übersetzungen in massentaugliche Horrorerzählungen darf dies aber nur ein weiterer Schritt und nicht die Konklusion sein.

Kinostart: 25.06.2026

Sophie Brakemeier