H wie Habicht – Kurzkritik
Mit H wie Habicht verfilmt Philippa Lowthorpe die gleichnamigen Memoiren aus der Sparte Nature Writing von Helen Macdonald. Dass und wie sich solche Genre-Erzählungen durch Filmsprache gut übersetzen lassen, hat u. a. bereits Nora Fingscheidt mit The Outrun gezeigt. Die Gewerke um Kamera, Musik, Schnitt und Tongestaltung sind bei der Einrahmung von Natur als dominierendem erzählerischem Element wie auch ihrer ästhetischen Faszination besonders gefragt. In diesen Geschichten treffen Reflexion des menschlichen Innenlebens und Naturbeschreibungen zur Visualisierung eben diesem aufeinander.

© 2025 Protagonist Hawk Limited, Saturnia Llc And Channel Four Television Corporation. All Rights Reserved
Auch Lowthorpes Film ist darauf bedacht, beeindruckende Bilder von Flora und Fauna der englischen Natur einzufangen. Zum einen hat der Film der Buchvorlage durch diese intensive Visualisierung etwas voraus, tut sich aber gleichzeitig schwer, die Wucht der Gefühle, die außerhalb der Naturaufnahmen in der Erzählung über Trauerarbeit zum Tragen kommen, konkret zu vermitteln.___STEADY_PAYWALL___
Nach dem Tod ihres Vaters Alisdair (Brendan Gleeson), einem ehemaligen Pressefotografen, überlagert die Trauer um den Verlust des Elternteils Helens (Claire Foy) bisheriges Alltagsleben. Um sich ihrem Vater auch über den Tod hinaus verbunden zu fühlen, erinnert sie sich zurück: an gemeinsame Ausflüge in die Natur, an das Beobachten von Habichten und wie die Begeisterung über die Naturschauspiele Tochter und Vater eint. In der Gegenwart beschließt Helen unüberlegt, den Habicht Mabel in ihrer Wohnung für die Beizjagd abzurichten. Diese initiale Ablenkung von dem Schmerz der Trauer über den Verlust des Vaters schlägt schnell in Obsession um. Die Disziplin, die Helen dem Tier und sich selbst aufzwingt, entfremdet sie von ihrer Umwelt und mündet in Vernachlässigung: Helen isst nicht, wenn der Habicht es nicht tut, bringt ihn mit an ihren Arbeitsplatz als Dozentin in Cambridge, lässt Wunden nicht versorgen, die Mabel ihr zufügt, und ist für ihre Familie und ihren Freundeskreis nicht mehr zu erreichen.

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H wie Habicht trumpft auf, wenn das Drama sich nahe an einer Naturdoku-Ästhetik orientiert. Charlotte Bruus Christensens Kamera fängt Tiere, Pflanzen, Landschaften und Witterungen imposant ein, der Score von Emilie Levienaise-Farrouch sorgt für aufregende Atmosphäre. Claire Foys Darstellung der Helen trägt dabei durch Erinnerungen und Gegenwart, zwischen wissbegieriger Tochter und unsicherer Falknerin. So ganz vermögen diese verschiedenen Ebenen des Films allerdings nicht zusammenfinden, auch weil Helens Weg in die Abgeschiedenheit eher als Wiederholung der immer wieder gleichen Kämpfe mit dem Habicht Form annimmt, anstatt dass er sich als Zuspitzung einer alles überwältigenden Trauer präsentiert.

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Denn was H wie Habicht nicht schafft, ist zu vermitteln, wie es durch den Verlust des Vaters und den Besitz Mabels zu eben solch einem Verlauf für die Hauptfigur kommt. Dafür lässt sich das Drehbuch von Lowthorpe und Co-Autorin Emma Donoghue auf zu wenig komplexe Dynamiken ein, u. a. erscheinen die Rückblenden mit Erinnerungen an den Vater idealisiert, Helens mentale Gesundheit in der Gegenwart hingegen bleibt untererzählt. Sicherlich stecken in Macdonalds echten wie auch Helens fiktiven Erfahrungen Aushandlungen darüber, wie sich Menschen im Angesicht des Verlustes auf etwas Handfestes besinnen, etwas, das den Platz der*s Verstorbenen einnimmt und Erinnerungen bewahrt. Auch das Begehren nach Kontrolle über ein Lebewesen (Kritiker*innen von Macdonalds Buchvorlage stoßen sich u. a. an der fehlenden Verhandlung des Themas Tierquälerei) und der Umgang mit der eigenen körperlichen Unversehrtheit wie auch Fragen um eine metaphorische Elternschaft verbergen sich irgendwo in H wie Habicht. Getraut, sich dieser durchaus großen Themen anzunehmen, hat sich Lowthorpe aber nicht. So beeindruckt H wie Habicht am Ende mit seinen Bildern und seinem Schauspiel und deutlich weniger als Charakterstudie einer Trauernden.
Kinostart: 23. Juli 2026
Dieser Text ist als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.
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