Lesestoff: Film-Konzepte 79: Agnès Varda

Heft 79 der Reihe „Film-Konzepte“ widmet sich der Arbeit von Filmemacherin Agnès Varda. Im umfangreichen Werk der Künstlerin treffen Film, Fotografie und Installationskunst aufeinander. Über sechs Jahrzehnte hat Varda seit den 1950er Jahren eine eigene Handschrift geschaffen, ihre Filme finden irgendwo zwischen dokumentarischer Erzählung und geduldigen Beobachtungen statt – darunter der Klassiker der Nouvelle Vague Mittwoch zwischen 5 und 7 (1962), das Filmdrama Vogelfrei (1985) und Dokumentarfilme wie Die Sammler und die Sammlerin (2000), der Oscar-nominierte Augenblicke: Gesichter einer Reise (2017) oder ihr letzter Film Varda by Agnès von 2019.

© edition text + kritik

Cinécriture, so bezeichnete Varda ihre künstlerische Praxis zwischen dokumentarischem Realismus und poetischer Fiktion. Die Herausgeber*innen Nils Gloistein, Birgit Kohler und Winfried Pauleit versammeln in Film-Konzepte 79: Agnès Varda Texte, die sich dieser „experimentierfreudigen Handschrift“ (Seite 3) der Filmemacherin nähern. Die Verweise zu Literatur, Musik und moderner Kunst, die sich in Vardas Filmen finden lassen, stehen dabei im Vordergrund der Textauswahl. Auch ihr Umgang mit dokumentarischen Formen ist Teil der Beobachtungen von Film-Konzepte 79: Agnès Varda: Selbst die Spielfilme der Regisseurin entstehen oft losgelöst von der Stringenz eines Drehbuchs, setzen auf Beobachtungen von und dem Verweilen in Momenten. 

Kunst, Musik und Literatur 

Auf verschiedene Art und Weise nähern sich die ausgewählten Texte in Film-Konzepte 79: Agnès Varda den Bezügen zu Literatur, Musik und moderner Kunst in Vardas Filmen. Im Kapitel „Spielästhetik und Autorinnenschaft“ schaut Bettina Henzler auf Kippbilder, eine Spielbewegung, die einen Kippmoment zwischen Zwei- und Dreidimensionalität von Bild und Raum erzeugt. Diese Bilder (u. a. zu finden in Menschengesichter (1980), Mittwoch zwischen 5 und 7 (1962) und Jacquot de Nantes (1990)) erlauben es, über das Verhältnis von Kunst und Realität, Gemälde und Film nachzudenken. Stefan Drees nähert sich den Filmen Vardas im Kapitel „Überlegungen zum Einsatz der Musik in den Filmen Agnès Vardas“ mit einem Blick auf Musik als Mittel der Strukturbildung zwischen Agieren und Erinnern. Linda Wack interessiert sich in „Nachlesen in Agnès Vardas Die Sammler und die Sammlerin“ für die mythologischen, rechtlichen, sozialen und ethischen Implikationen der Nachlese, entlang einer Sequenz, die die ästhetischen Konzepte des historischen Gewohnheitsrechts aus Literatur und Kunst um eine audiovisuelle Variante erweitert.

© Cine Tamaris 2018; aus: Varda by Agnès

Thematische Ebene

Es ist Film-Konzepte 79: Agnès Varda auch ein Anliegen, auf die verschiedenen Ebenen des Erzählens der Filmemacherin zu schauen. Neben der Suche nach Ästhetiken ist ebenfalls eine thematische Auseinandersetzung interessant für die Textsammlung des Bandes. In „Imaginationen des Alterns bei Agnès Varda“ sucht Shirley Jordan nach feministischen Sichtweisen auf „das späte Alter und Care“ (Seite 93) bei Varda. Jordan untersucht, wie die Filmemacherin das Altern als Frau darstellt, diese Prozesse sichtbar und erfahrbar macht und so dazu einlädt, diese überhaupt erst zu imaginieren. Ein Zustand, vor dem sich andere Filmemacher*innen eventuell scheuen, bei Varda aber eng mit Kernfragen der Care-Arbeit verwoben ist. Das Kapitel orientiert sich bei diesen Beobachtungen an verschiedenen Phasen des Lebenswerks Vardas, besonders ihren späteren Filmen und Installationen, in denen sie sich mit dem eigenen Alterungsprozess auseinandersetzt.

© Cine Tamaris 2018; aus: Varda by Agnès

Colleen Kennedy-Karpat beschäftigt sich im Kapitel „Mutterschaft in Agnès Vardas Essayfilmen L’opéra-Mouffe (1958) und Documenteur (1980)“ mit Vardas Rolle als Mutter, deren Kinder oft bei Dreharbeiten anwesend waren, und wie Mutterfiguren in verschiedensten Facetten in ihren Filmen erscheinen, dabei aber nicht alleine durch die Eigenschaften einer „Mutterschaft“ charakterisiert sind. L’opéra-Mouffe, aus Sicht einer Schwangeren erzählt, gestaltet sich als Form, die es Varda erlaubt, ihre subjektive Erfahrung mit ihrer ersten Schwangerschaft in den 1950er Jahren erfahrbar zu machen. Documenteur widmet sich einer Mutter-Kind-Beziehung und wird von Kennedy-Karpat als Vardas am stärksten autobiografisch geprägter Spielfilm bezeichnet. Dies spiegelt sich auch darin, dass Varda ihren Sohn Mathieu Demy in der Rolle des 8-jährigen Sohns der Hauptfigur Emilie (Sabine Mamou) gecastet hat.

Film-Konzepte 79: Agnès Varda eignet sich besonders für alle, die sich den Werken von Agnès Varda über das Visuelle nähern, die Ursprünge und Wirkung der Filmbilder ergründen und Varda als Regisseurin, die ihre Erfahrungen als Fotografin und Installationskünstlerin ihre Filmarbeit formen ließ, erfahren möchten.

Film-Konzepte 79: Agnès Varda ist bei edition text + kritik erschienen.

Sabrina Vetter