Lesestoff: Marilyn Monroe. 100 Seiten
In Marilyn Monroe. 100 Seiten widmet sich Journalistin Jenni Zylka der Filmografie der amerikanischen Schauspielerin Marilyn Monroe. 14 Jahre dauert Monroes Filmkarriere, zwischen 1948 und ihrem Todesjahr 1962 entstehen Klassiker wie Blondinen bevorzugt! (1953), Der Prinz und die Tänzerin (1957), Bus Stop (1957), Misfits – Nicht gesellschaftsfähig (1961) und Manche mögen‘s heiß (1959).

© Reclam
Viel ist bereits über Monroe geschrieben worden, darunter Spekulationen über ihr Privatleben, die Klatschspalten und Biografien füllten, wie auch Lästereien über ihre angeblich kaum vorhandenen Schauspielkünste. Auch ihr Aussehen und Körper wurden vom zeitgenössischen Boulevard und Publikum unter die Lupe genommen. Zylka hingegen nimmt Abstand von dem Mythos Marilyn Monroe, die am 1. Juni 1926 als Norma Jeane Mortenson geboren wurde (und somit passend zum Release von Zylkas 100 Seiten in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte). Die Autorin möchte keiner der Spekulationen über die Schauspielerin und Privatperson nachgehen, nicht den Klatsch und Tratsch, der die Künstlerin Marilyn Monroe umgibt, fortschreiben. Daher spricht Zylka direkt zu Anfang ihrer Veröffentlichung davon, eine respektvolle Distanz wahren zu wollen: Es geht um die Schauspielerin mit dem von ihr gewählten Künstlerinnennamen Marilyn; biografische Aspekte und Privates um Norma Jeane klammert sie aus. Marilyn Monroe. 100 Seiten möchte die misogynen Zuschreibungen, wie das Image der „dummen Blondine“ und des Kurvenstars, die Monroe verfolgen, hinter sich lassen und ihre Filmkarriere neu beleuchten. Der Autorin ist es ein Anliegen zu verstehen, warum es Frauen während Monroes Schaffenszeit nahezu unmöglich war, den ausgeprägten sexistischen Strukturen der amerikanischen Filmbranche und dem male gaze der Regisseure, Produzenten, Filmemacher und des Publikums zu entkommen oder etwas entgegenzusetzen.___STEADY_PAYWALL___
In Marilyn Monroe. 100 Seiten bilden daher die Filme das Gerüst. In 17 Kapiteln widmet sich Zylka der Filmografie Monroes, angefangen bei Ladies of the Chorus von 1948 bis hin zu ihrem letzten, nicht fertiggestellten Film Something’s Got to Give aus dem Jahr 1962. Monroe spielt in Musicals und Komödien ebenso wie Western, Neo-Noirs und Romanzen. Marilyn Monroe. 100 Seiten ist weniger enzyklopädisches Nachschlagewerk, das Definitionen von Begrifflichkeiten oder historische Blicke hinter die Filmkulissen bietet. Vielmehr ist Zylkas Sammlung eine Durchsicht der Filme, mit besonderem Fokus auf die inszenierten Bilder und ihre feministischen, queeren und körperlichen Aspekte. Typecasting, Plots, Drehbedingungen, Produktionsumstände, Cast und Kostüme sind Teil von Marilyn Monroe. 100 Seiten ebenso wie neue Lesarten von Filmen, die Monroes Karriere formten. Besonders die Rolle des Showgirls taucht in Monroes Filmografie immer wieder auf, auch als Archetypus wie die femme fatale und die femme fragile ist sie zu sehen. Jedes Kapitel bleibt nahe bei diesen Rollen, ordnet sie in zeitgenössische Machtstrukturen und Sexismen ein, bietet Kontext für ihre Bedeutung (von Erfolgen bis Flops) für Monroes Karriere.
Neue Lesarten der Klassiker
In Kapitel 6 „… but Gentlemen marry brunettes: Busenfreundschaft und Queerness in Gentlemen Prefer Blondes (1953“) formuliert Zylka etwa eine feministische Lesart von Howard Hawks Blondinen bevorzugt! (1953). Hierbei beleuchtet die Autorin vor allem die Freundinnenschaft zwischen Monroes Figur Lorelei und der von Jane Russell gespielten Dorothy. Für Zylka gilt diese als Fundament des Films. Im Musical dreht sich viel um Liebe und der Film endet schließlich mit einer Doppelhochzeit in Weiß. Lorelei und Dorothy sprechen darüber, wie unterschiedlich ihre Ansichten über romantische Beziehungen doch sind: Lorelei hat eher finanzielle Sicherheit im Blick und singt „Diamonds Are a Girls Best Friend“, Dorothy glaubt an die Liebe als alleinige Grundlage. Als einer der wenigen Monroe-Filme besteht Blondinen bevorzugt! den Bechdel-Test: Loreleis und Dorothys unterschiedliche Ansätze zum Thema Romantik verhandeln durchaus Beziehungsdynamiken und Machtstrukturen, in denen Frauen sexistisch, misogyn und lookistisch begegnet wird.
Hinsichtlich dessen gelingt es Zylka unter anderem, das Lied „Diamonds are a Girls Best Friend“ und die Performance zum Lied in Blondinen bevorzugt! einzuordnen: Dass es hier auf Textebene nicht um eine Art Goldgräberei geht, sondern darum, dass Frauen als Form des Selbstschutzes, den Fokus auf Besitz richten (auch und vor allem im Kontext der Entstehungszeit des Liedes im Jahr 1949, als Frauen in den USA oft nicht fair bezahlt wurden, selbstständig Verträge unterschreiben oder Kredite aufnehmen konnten). Vielmehr sieht Zylka in dem Lied eine Verhandlung mit dem Umgang mit der angeblichen Vergänglichkeit der weiblichen Attraktivität: In der Textzeile „Men grow cold / as girls grow old” singt Lorelei darüber, dass Männer nur normschöne Frauen sehen wollen. Diese sind wiederum gezwungen, sich ihrer Umwelt als eben jene Vorstellung eines attraktiven Objekts zu präsentieren, um die von Männern bestimmten Voraussetzungen für eine Beziehung zu erfüllen. „Diamonds are a Girls Best Friend“ prangert an, dass Männer sich von Frauen, je älter sie werden, abwenden und Interesse verlieren. Diesen Frauen bleibt am Ende nur die funkelnde Hardware, um in diesen sexistischen Strukturen über die Runden zu kommen.
Queer Readings im Musical der 1950er
In der finalen Hochzeitsszene in Blondinen bevorzugt! schreiten Lorelei und Dorothy Seite an Seite in weißen Brautkleidern zum Altar. Dort warten zwar ihre jeweiligen zukünftigen Ehemänner auf sie, dennoch haben die Bilder der beiden Frauen, die gemeinsam heiraten, ihren Weg in Rob Epsteins und Jeffrey Friedmans The Celluloid Closet von 1996 geschafft. Der Dokumentarfilm ist u. a. daran interessiert, codierte Darstellungen von queeren Charakteren in der Filmgeschichte herauszuarbeiten. Auch Zylka schließt sich den Queer Readings von Blondinen bevorzugt! an, verweist u. a. auf eine Musical-Szene („Ain’t There Anyone Here for Love“) mit Dorothy im Fitnessraum mit dem Männer-Olympiateam, das oberkörperfrei und in kurzen Hosen trainiert und dabei Dorothys Blicken und Berührungen ausgesetzt ist. Zylka sieht hierin eine Umkehrung einer vorangegangenen Szene, als Lorelei und Dorothy ein Kreuzfahrtschiff besteigen und das Olympiateam sie mit Pfiffen und Sprüchen catcallen. Denn Dorothy ist im Trainingsraum nicht die alleinige Beobachterin: Um das Olympiateam herum steht eine Gruppe weiblicher Beobachterinnen – alle voll bekleidet und nicht im Sichtfeld der Trainierenden. An dieser Stelle schlägt Zylka vor, wie ein male gaze der Sexualisierung der Körper des Gegenübers, wie eben zuvor beim Boarding des Schiffes geschehen, durch die Augen einer Gruppe von Frauen zu einem female gaze adaptiert wird.
Upskirting in der Filmgeschichte
Monroes Performance von „Diamonds are a Girls Best Friend“ in einem Kleid von Kostümdesigner William Travilla in der Farbe Shocking Pink wurde später zum Beispiel von Madonna für das Musikvideo zu „Material Girl“ nachgeahmt und für die TV-Serie „Glee“ neu aufgelegt. Auch Zylka weiß um die ikonischen Bilder des Kleides aus der Musicaleinlage aus Blondinen bevorzugt!. Dabei hatte Monroe bereits zuvor im Neo Noir Niagara (1953) einen von Dorothy Jenkins designten Auftritt in Shocking Pink (und der Umschlag von Marilyn Monroe. 100 Seiten ist ebenfalls in dieser Farbe). Auch andere Filmkostüme wie die Glitzerkorsetts aus Fluß ohne Wiederkehr (1954) oder die von Orry-Kelly entworfenen Kleider für Sugar Kanes Auftritte in Manche mögen’s heiß (1959) sind Teil ikonischer Bilder aus Monroes Filmen.
In dieser Reihe bekannter Filmkleider Monroes existiert das weiße Neckholder-Kleid aus Das verflixte 7. Jahr (1955). Bekannt ist das Kleid durch die Szene in Billy Wilders Film, in der sich die von Monroe gespielte Figur (tatsächlich ist sie nur als „The Girl“ bekannt) für eine Abkühlung auf einen U-Bahn-Schacht stellt. Als ein unterirdisch vorbeifahrender Zug von unten Luft aufwirbelt, fliegt der Rock ihres Kleides hoch. Zylka kontextualisiert diese Szene in Kapitel 11 von Marilyn Monroe. 100 Seiten neu, erinnert zunächst an Monroes Wachsfigur in Madame Tussauds Berlin, die ebenfalls das weiße Neckholder-Kleid trägt. Kommen Besucher*innen ihr zu nahe, fliegt auch ihr der Rock hoch. In der Vorbildszene aus Das verflixte 7. Jahr sieht Zylka „the world’s biggest upskirting“, das wohl bekannteste Beispiel für das heimliche Schauen unter den Rock oder zwischen die Beine einer Person ohne Konsens. Denn an einem der Drehtage der Szene waren in etwa 2000 Zuschauende (laut Wilder sogar wesentlich mehr) vor Ort auf der Lexington Avenue in New York. Monroe wusste zwar von den Anwesenden, ihre Figur wiederum weiß nicht, dass durch den Luftstoß auch ihr Kleid bis zur Hüfte hochwehen wird. Sie kann nicht kontrollieren, wer sie innerhalb der Realität des Films im Moment des Hochwehens beobachtet und ist sich auch nicht bewusst, dass der von Tom Newell gespielte Richard hinter ihrem Rücken unter das hochgewehte Kleid schaut. Neben der Abbildung des Upskirtings im Film entstehen auf der Lexington Avenue außerdem zahlreiche Produktions- und Pressebilder, die Monroe unter den Rock filmen. Auch die Schauspielerin, die zwar um die tausenden Schaulustigen wusste, kann spätestens hier nicht mehr kontrollieren, wer welche Bilder von ihr schießt und welche an die Öffentlichkeit gelangen.
Marilyn Monroe. 100 Seiten schaut auf weitere Momente in der Filmgeschichte des inzwischen unter Strafe gestellten Upskirtings. Zylka erinnert an Josef von Sternberg‘s Der blaue Engel von 1930: Darin landet eine Postkarte mit dem Bild von Lola Lola (Marlene Dietrich) in den Händen des Gymnasialprofessors Rath. Auf der Postkarte ersetzen aufgenähte Federn ihren Rock, die sich durch einmal Pusten zur Seite wehen lassen. Auch die Upskirting-Szene aus Das verflixte 7. Jahr wird, ähnlich wie Monroes „Diamonds are Girl’s Best Friend“-Auftritt häufig in der Popkultur zitiert. Aber anders als Madonnas Musikvideo, das die Verspieltheit des Originals noch ein bisschen mehr satirisch überzeichnet, oder der Versuch von „Glee“, das Stück als Hommage für die Gegenwart zu produzieren, verzichten diese Nachahmer seltenst darauf, den Moments des Upskirtings nicht abzubilden. In Gene Wilders Komödie Die Frau in Rot (1984) wird Das verflixte 7. Jahr direkt zitiert, als Charlotte (Kelly LeBrock), dieses Mal im roten Kleid, beim Überqueren eines Luftschachts der Rock hochweht. Charlotte wird dabei heimlich von Wilders Figur Teddy beobachtet und ist sich nicht bewusst, dass ihr bei ihrem Tanz über dem Luftschacht im Parkhaus eine andere Person zusieht. Dass dieser Moment den Anfang einer Besessenheit des Voyeurs markiert, der von Charlotte als Objekt der sexuellen Begierde im Laufe des Films nicht ablassen will, zeigt noch einmal beispielhaft, dass die heimliche, einseitige Sexualisierung von Frauen in den Augen der Drehbuchautoren und Regisseuren dieser Filme aufregender für das Storytelling ist als die Darstellung einer konsensuellen Handlung.
Mit diesen und anderen neuen Blicken auf Monroes Filmografie macht Marilyn Monroe. 100 Seiten Neueinordnungen möglich und zeigt auf, welche Bedeutung diese Filme in der Filmgeschichte einnehmen. Zylkas Beobachtungen zu Marilyn Monroes Schaffen sind geprägt von umfangreicher Einordnung und reichem Wissen über (Be-)Deutungen der Filmbilder. Auf diese Weise regt die Autorin an, wie die Arbeiten von Schauspielerinnen und die Stereotype, die sich darin finden, weitreichend über Machtstrukturen erzählen.
Marilyn Monroe. 100 Seiten ist bei Reclam erschienen.
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