FFHH 2026: Frank & Louis

Die USA haben eine der höchsten Inhaftierungsraten der Welt. In kaum einem anderen Land sitzen so viele Menschen so lange im Gefängnis wie im „Land of the Free“. Das führt unter anderem dazu, dass Inhaftierte bis ins hohe Alter in den Haftanstalten verweilen und auch im Fall von Demenz oder Alzheimer dort betreut werden müssen. Um dem gerecht zu werden, rief unter anderem die California Men’s Colony in San Luis Obispo das „Gold Coats“ Programm ins Leben, innerhalb dessen inhaftierte Personen mit kognitiven Einschränkungen von nicht-behinderten Häftlingen begleitet werden. Dieses Assistenzprogramm ist Hintergrund und Inspiration für Petra Volpes ersten englischsprachigen Film Frank & Louis. 

Frank (Kingsley Ben-Adir), der eine lebenslange Haftstrafe absitzt und große Hoffnung für das kommende Berufungsverfahren hegt, nimmt nach seiner Verlegung in ein neues Gefängnis einen Job in der Betreuung dementer und an Alzheimer erkrankter Insassen an. Louis (Rob Morgan), der Mann, den er fortan begleiten soll, wirkt nicht viel älter als Frank selbst und war vor seiner Demenzerkrankung im Gefängnis ein gefürchteter Gangleader. Doch daran erinnert sich Louis ebenso wenig wie an die Tat, die ihm seine Haftstrafe eingebracht hat. Nur seine Tochter Aisha ist ihm noch präsent, die ihn – wie Frank schließlich erfährt – noch niemals im Gefängnis besucht hat. Aus anfänglicher gegenseitiger Skepsis entwickelt sich schnell eine besondere Freundschaft, aus wortwörtlichen Berührungsängsten eine zärtliche Beziehung zwischen Frank und Louis, doch es ist eine Verbindung auf Zeit. Denn Franks Berufungsverfahren steht an, während Louis als nächste Station nur noch das Hospiz erwartet. 

© Ali Painter

Petra Volpe hat sich dafür entschieden, diese Geschichte durchgehend aus der Perspektive Franks zu erzählen, der in jeder Szene auftaucht. So entsteht eine wachsende Nähe zu der zunächst verschlossen wirkenden Hauptfigur, parallel zur Annäherung zwischen den beiden Männern auf der Leinwand. Während Frank und Louis eine Beziehung entwickeln, entsteht auch zunehmend eine emotionale Brücke zwischen Publikum und Hauptfigur.

Im Kontext des harten, aber niemals überdramatisierten Gefängnisalltags tritt die Zärtlichkeit der Interaktionen zwischen den Laienpflegern und ihren Schützlingen besonders stark zutage. Volpe zeigt die große Fürsorge, mit der Frank und seine Kollegen den dementen Mitinsassen begegnen, wie stark die in der Regel für Gewaltverbrechen inhaftierten Menschen in die Verantwortung gehen und dafür auch bereit sind, ihren eigenen Stolz und aggressive Impulse im Zaum zu halten. 

© Rob Baker Ashton

Und doch bleiben sie Täter, auch wenn die Verhältnismäßigkeit ihrer begangenen Verbrechen und des erhaltenen Strafmaßes zuweilen in Zweifel zu ziehen ist. Hier gelingt Petra Volpe eine Gratwanderung, bei der sie die inhaftierten Menschen niemals aus der Verantwortung für ihre Taten entlässt, sie also nicht als Opfer eines ungerechten Systems entmündigt, und gleichzeitig das US-amerikanische Gefängnis- und Justizsystem durchaus kritisch hinterfragt. Genau hierin liegt auch der Schlüssel für die große Empathie, die das Kinopublikum für Frank empfinden kann, der niemals als geheiligter Held, sondern durchgehend als komplexe Persönlichkeit mit Stärken und Schattenseiten erscheint.

Frank & Louis ist kein klassischer Gefängnisfilm, verzichtet auf künstliche Dramatisierung und Gewaltdarstellungen und fokussiert sich stattdessen ganz auf die Entwicklung der Hauptfigur Frank und seiner Beziehung zu Louis. Frank & Louis ist in dieser Hinsicht vielmehr ein Art Liebesfilm, dem es um Gefühle, Nähe, Intimität und Verbundenheit und die Fragilität all dieser emotionalen Erfahrungen geht. Die Erzählung ist meist ruhig, spielt sich vornehmlich auf der Gefühlsebene ab. Und zieht das Publikum trotzdem – oder genau deswegen – unweigerlich in ihren Bann. 

© Rob Baker Ashton

Das emotional involvierte Publikum ist nun empfänglich für Petra Volpes moralisch-ethische Fragen, die sie mal direkt durch ihre Protagonist*innen wie auch indirekt formuliert: Warum braucht es das unmenschliche Setting eines Hochsicherheitsgefängnisses, um diese Fürsorge, Nähe und Intimität zwischen Männern zu ermöglichen? Und wo wären diese Männer, wenn für diese Fürsorge, Nähe und Intimität auch außerhalb der Gefängnismauern Raum gewesen wäre? Welchen Sinn hat die Haftstrafe für einen Menschen, der sich an seine Tat nicht mehr erinnern kann? Wann ist der Punkt gekommen, an dem Vergebung möglich und notwendig ist, an dem eine Strafe wahrhaft abgesessen ist? Wo findet aufrichtige Reue in diesem System ihren Platz? Und ist nicht genau diese Reue eigentlich das Ziel von Strafe und somit ihr logisches Ende? 

Auch wenn die Geschichte von Frank & Louis aus einem anderen Justiz- und Gefängnissystem stammt, sind die durch den Film aufgeworfenen ethischen Fragen universell. Doch Petra Volpe hat weder einen Themenfilm noch ein Moralstück gemacht, auch wenn ihr sicherlich daran gelegen war, das Gefängnis-Assistenzprogramm einem internationalen Publikum vorzustellen. Vielmehr hat sie uns einen Film über Fürsorge und Liebe zwischen Männern geschenkt, wie wir ihn selten, vielleicht noch nie, gesehen haben. Danke.

Frank & Louis ist im Programm des FFHH 2026 zu sehen.

 

Sophie Charlotte Rieger
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