Kalter Hund – Kurzkritik
Am Morgen seines 100. Geburtstags will Marianne (Corinna Harfouch) ihren Ehemann Herrmann wecken. Dann bemerkt sie, dass dieser durch die Einnahme von Medikamenten, die eigentlich für den Familienmops Berlusconi gedacht waren, durch Suizid gestorben ist. Zur Feier von Herrmanns bemerkenswertem Alter ist bereits viel für den Tag geplant: Besuch von Bürgermeister, Lokalpresse und natürlich der erweiterten Familie, bestehend aus den Kindern Karoline und Kasimir aus Herrmanns erster Ehe, Tochter Valerie und Enkelin Fanny. Unter Schock und um das Image des gutbürgerlichen Haushalts nicht durch einen Skandal ins Wanken zu bringen, verschweigt Marianne den nach und nach eintrudelnden Feiernden zunächst den Tod des Patriarchen. Diese Ausgangslage von Pauline Roennebergs Spielfilmdebüt Kalter Hund eskaliert über zwei Stunden Laufzeit, inklusive Erbstreit, schwelenden Geheimnissen und Trauerarbeit.

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___STEADY_PAYWALL___Roenneberg inszeniert die Familienzusammenkunft äußerst humorvoll. Was zunächst als eine Verkettung von Irrtümern ihren Anfang nimmt, schlägt schnell in Auseinandersetzungen über drei Generationen hinweg um: Karoline (Karoline Eichhorn) besteht auf eine Familienaufstellung-Therapiestunde, Kasimir (Thomas Mraz) drängt auf die finanzielle Rettung der Familienstiftung, Fanny (Lea Drinda) will von ihrer Mutter Valerie (Victoria Mayer) endlich den Namen ihres Vaters wissen, für Letztere wiederum ist der familienbetriebene Gnadenhof das Wichtigste. Und Marianne? Die sieht den Geschehnissen hilflos zu, während Berlusconi ihre einzige Stütze ist. Dann ist da noch Haushaltshilfe Joy (Mai Duong Kieu), die zunächst das Testament des Verstorbenen vor der Familie versteckt.
Die Abhängigkeit aller vom Patriarchen hallt auch noch nach seinem Tod nach: Es geht um Geld, Rangfolge, Mitspracherecht und darum, wer überhaupt Teil der Familie ist und es auch weiterhin bleiben soll. Denn es hängen ganze Existenzen allein daran, was Herrmann auf Papier gebracht hat und wie er sein Erbe verteilt. Die Figurenkonstellation in Kalter Hund navigiert dabei Streitpunkte einer Patchworkfamilie: Wem steht mehr Mitspracherecht zu, wenn es um das Familienunternehmen geht, den biologischen Kindern oder der zweiten Ehefrau? Wie kann gemäß den Wünschen aller getrauert werden? Wie sehr muss die Trauer überhaupt den praktischen Dingen der Koexistenz und unmöglich ausblendbaren Dingen des Alltags weichen?

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Aufgrund der Ensemblekonstellation gehen die Geschichten um die einzelnen Familienmitglieder in Kalter Hund manchmal doch etwas durcheinander. So hätte es die Familiengeheimnisse vielleicht nicht ganz so umfangreich gebraucht, nicht jeder Plotstrang sich vom zentralen Zusammentreffen der Familienmitglieder entfernen müssen. Durch diese Verzweigungen ist der Fokus auf die Handlungsverläufe ungleichmäßig verteilt: nicht alle sind vollständig auserzählt, manche werden nur angerissen. Zum Beispiel erfährt das Publikum erst recht spät, wie sehr sich Joy, die ihre Familie von Vietnam nach Deutschland holen will, in einem Abhängigkeitsverhältnis mit Herrmann befand.
Dennoch erlauben die individuellen Befreiungsschläge der Familienmitglieder von den ihnen zugeteilten Rollen im idealisierten Bild der Großfamilie doch erinnerungswürdige Momente der Emanzipation. Diese Erzählungen über die Phase der Akzeptanz sind zentral für die Entwicklungen der Charaktere außerhalb der Dynamiken, die der Patriarch zu seinen Lebzeiten durch finanzielle wie emotionale Kontrolle geschaffen hat.

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Kalter Hund besticht durch seine Ensembleleistung, satirisch-absurden Momente und eine begreifliche Abbildung des Loslassens der an das Individuum gerichteten Erwartungen als Teil des Mythos der Vorzeigefamilie.
Kinostart: 17. September 2026
Dieser Text ist als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.
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