Drei Gedanken zu: Bad Apples
Eine Grundschullehrerin sperrt einen zehnjährigen Jungen in ihren Keller, bringt ihm dort Lesen und Schreiben bei, hält ihn an einer Tierleine – und der Kinosaal lacht. Die Komödie Bad Apples von Jonatan Etzler (Drehbuch: Jess O’Kane nach dem Roman „De Oönskade“ („Die Unerwünschten“) von Rasmus Andersson, stellt genau das aus und nennt es Satire. Saoirse Ronan spielt Maria, die überforderte Lehrerin, Newcomer Eddie Waller den „Problemschüler“ Danny. Und mir stellt sich beim Zuschauen vor allem eine Frage: Sind wir 2026 noch immer nicht so weit, uns NICHT über Menschen mit möglichen psychischen oder neuroentwicklungsbedingten Störungen lustig zu machen – oder müssen wir uns weiterhin lustig machen, damit es auch der Letzte versteht, wie damit umgegangen werden soll?
Achtung Spoiler: Dieser Text bespricht den Film bis zum Ende, inklusive der Auflösung.

© Pulse Films/2026 Paramount Pictures
„Gehört auf die Sonderschule“ – und ab in den Keller
Der Film benennt Dannys Verhalten durchaus: Er habe Wutanfälle, heißt es, und wäre „besser auf einer Sonderschule aufgehoben“. Das ist der entscheidende Moment – und er verrät die ganze Haltung des Films. Denn kaum ist das Etikett vergeben, kennt die Geschichte nur noch eine einzige Lösung: wegschaffen. Nicht verstehen, nicht fördern, nicht fragen, was ein Kind mit solchen Ausbrüchen eigentlich bräuchte – sondern entfernen. Marias Keller ist am Ende nichts anderes als die private, wörtliche Vollstreckung dieses Satzes: Das unerwünschte Kind gehört weggesperrt, erst auf die „Sonderschule“, dann tatsächlich in den Keller.
Und genau da sitzt der vermeintliche Witz – auf dem Rücken dessen, der ohnehin am wenigsten zurückschlagen kann. Dass Maria den Jungen an eine Tierleine legt und wie ein Haustier hält, inszeniert der Film als „Gag” zum Weglachen, nicht zum Erschrecken. Schwarze Komödie liebe ich. Aber muss die Pointe wirklich immer die treffen, die ohnehin marginalisiert sind.___STEADY_PAYWALL___

© Pulse Films/2026 Paramount Pictures
„Sie hat mich verloren“ – eine weibliche Hauptrolle ist noch keine feministische Figur
Ich wollte Maria mögen, wirklich. Der Film gibt ihr Ecken – sie spielt Traktor-Simulationen, statt Rom-Coms zu schauen, damit auch alle merken: keine „Tussi“. Und macht sich damit auch dem „not like other girls”-Tropes schuldig. Aber Sympathie entsteht nicht aus einem schrulligen Hobby, sondern aus dem, was eine Figur tut. Und Maria hat mich verloren. Immer wieder.
Sie hat mich verloren, als der Film sie von der ersten Minute an als schwächlich etabliert – Augenrollen. Sie verliert mich, als sie abends lieber im Auto einschläft, statt mit Danny auch nur ein einziges Gespräch zu führen (genau hier beginnt übrigens die zähe Schleife, in der der Film sich ab der Hälfte dreht). Weiter unten durch ist sie, als sie ihn loswerden will, um die eigene Haut zu retten. Die Schulinspektion steht vor der Tür – und schuld ist ihre eigene Unaufmerksamkeit: Unter ihren Augen stößt Danny eine Mitschülerin die Treppe hinunter; das Mädchen bricht sich den Arm. Später versteckt sie sich unter dem Tisch, während die Eltern des Mädchens sie zur Rede stellen wollen, und hält sich die Ohren zu, während er schreit. Und sie hat mich endgültig verloren, als sie ihn fast erstickt, weil er auf ihr Auto losgeht.
Maria ist feige. Und daran ist nichts, aber auch gar nichts Feministisches – erst recht nicht, wenn der Film sie am Ende für genau diese Feigheit mit dem Posten der stellvertretenden Schulleitung belohnt. Eine weibliche Hauptrolle ist eben noch lange keine feministische Figur. Eine Frau, die ein Kind quält, um sich zu retten, und dafür auch noch befördert wird – das ist kein Empowerment, sondern nur das alte Lied in neuer Besetzung.

© Pulse Films/2026 Paramount Pictures
Satire braucht mehr als eine krasse Prämisse
Jetzt ließe sich einwenden: Ist das nicht der Punkt? Entlarvt der Film die Verrohung einer ganzen Gemeinschaft nicht gerade, indem er sie zeigt? Möglich. Nur reicht die Absicht nicht, wenn die Mittel etwas anderes tun. Wenn ein Film das Leid eines Kindes als Gag inszeniert, kippt die Entlarvung in Mittäter*innenschaft: Er lädt uns nicht ein, uns über die Grausamkeit zu erschrecken, sondern mit ihr zu lachen. Und wer mitlacht, entlarvt nichts, sondern macht mit.
Das zeigt sich am deutlichsten im schulischen Umfeld im Film. Kaum ist Danny weg, blüht die Klasse auf, Kolleg*innen und Eltern sind begeistert. Und als herauskommt, dass Maria ihn gefangen hält, sind die Eltern der Mitschüler*innen nicht entsetzt, sondern erleichtert – Hauptsache, die eigenen Kinder lernen jetzt besser. Nach mir die Sintflut. Dannys Vater wird außen vor gelassen, er landet als Sündenbock sogar kurz in Untersuchungshaft. Spätestens hier hätte die Satire zustoßen müssen, hätte eine Figur durchgreifen müssen: So nicht. Der Moment kommt nie. Es wird geredet, aber auch wieder schnell verworfen. Am Ende entkommt Danny dem Keller und rennt an der Autobahn entlang – und die bitterste Pointe spricht der Film nicht einmal aus, weil sie so selbstverständlich ist: Niemand wird ihm glauben. Er ist ja nur ein Kind.

© Pulse Films/2026 Paramount Pictures
Fazit
Zwiegespalten bleibe ich trotzdem, und das ehrlich: Ronan ist großartig, einzelne Szenen sind bitterböse komisch, die Grundidee hätte gesessen. Ich wäre gern mitgegangen. Aber eine Satire, in der die Hauptfigur nicht lernt, einem Kind zuzuhören, die psychische Belastung des Kindes zur Steilvorlage macht, das Wegsperren eines Kindes als Erfolgsmodell feiert und ihre feige Heldin dafür auch noch befördert, löst ihr Versprechen nicht ein. Ein anderes Ende hätte mir gefallen – eines, das wenigstens einen Ausweg denkt, statt die Grausamkeit als Gag stehenzulassen. Das Prädikat „Emanzipatorisch Wertvoll“ gibt es hier also nicht. Und die Antwort auf meine Ausgangsfrage lautet, leider: Nein, so weit sind wir 2026 offenbar noch immer nicht, dass wir verstanden haben, dass Menschen mit möglichen psychischen oder neuroentwicklungsbedingten Störungen kein Scherz sind. Anstatt die zur Verantwortung zu ziehen, die zuhören sollten, treten Filme wie Bad Apples lieber weiterhin nach unten.
Kinostart: 10. September 2026
Über die Gast-Löwin:

© StagePool/Bekky Berg
Bekky Berg ist freie ausgebildete Drehbuchautorin, Script-Beraterin und Autorin mit einem Faible fürs Genrekino und einem wachen Blick auf die Frauen davor und dahinter. Sie schreibt regelmäßig über Frauen im Horror- und Genrefilm und interessiert sich besonders dafür, wie Filme weibliche Stärke erzählen – oder eben nicht.




