Die Odyssee und Nolans filmische Hybris – Ein Kommentar
In Der Mythos des Sisyphos formuliert Albert Camus die unablässige Tortur der ewigen Fleißarbeit des Sisyphos als Sinnbild einer im Selbstzweck verharrenden Selbstverwirklichung. Der immer wiederkehrende Moment, in dem Sisyphos seinem Fels den Berg hinterherlaufen muss, dient ihm als rückversichernde Gelegenheit fehlgeleiteter Selbstreflexion. Solange der Stein rollt und Sisyphos schiebt, ist er der vermeintliche Herr seines eigenen Schicksals – eine an Absurdität nicht zu überbietende Einschätzung seiner Situation. Christopher Nolan scheint mit seinen Filmen in einer ähnlichen Selbsttäuschungsschleife gefangen zu sein; alle paar Jahre dreht und produziert er einen an Pathos, Effekten und Hybris zu platzen drohenden dreistündigen Blockbuster über Männer und ihren Drang, die Verfasstheit der Welt nach ihren Bedürfnissen zu modellieren, und glaubt dabei, einen wertvollen filmgeschichtlichen Beitrag geleistet zu haben – und verkauft dieses Sentiment erfolgreich an Presse, Öffentlichkeit und Fans.___STEADY_PAYWALL___

© Universal Studios. All Rights Reserved.
Dabei darf ihm schon zugestanden werden, dass er im Rahmen von Die Odyssee zumindest versucht, einen etwas reflektierteren Blick auf männliche Allmachtsfantasien zu werfen. Die Leerstellen, die die Überlieferung eines fast 3000 Jahre alten Mythos lässt, füllt er mit Kontemplationen über Selbstüberschätzung und Legendenbildung. Seinem Odysseus (Matt Damon) – anfangs noch als heldenhafter Eroberer und Herausforderer des kompletten göttlichen Pantheons stilisiert – erlaubt er Kritik und Zweifel, nicht nur an sich selbst, sondern auch an der Bedeutung seines Vermächtnisses. Denn dass der homerische Heldenmythos auf den Taten während eines patriarchalen Hegemonialkrieges basiert, wird im Film in einer Eindeutigkeit hinterfragt, die schon fast überraschend wirkt. Natürlich hätte Christopher Nolan diesen Ansatz auch mit der Implementierung von Frauenfiguren unterfüttern können, die mehr sein dürfen als Projektionsflächen für die die Geschichte beherrschenden Männer und ihre Konflikte – aber dass diese Erwartungshaltung an einen der einflussreichsten zeitgenössischen Filmemacher immer wieder enttäuscht wird, ist da auch nichts Neues.

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Letztendlich scheint Die Odyssee auch ein Film über Christopher Nolan selbst zu sein. Denn wie im Falle seines Odysseus eilt ihm der Ruf seines großen Schaffens voraus. Seine Hybris liegt zwar nicht in einer Herausforderung der Götter, sondern in der stetigen Ausreizung von Grenzen des filmisch Machbaren, aber der Pathos ist derselbe – und das Spannungsfeld von vermeintlicher Selbstkritik und Größenwahn auch. Hätte Nolan wirklich einen Film machen wollen, in dem der Mythos des Odysseus und seiner Taten dekonstruiert werden sollte, hätte er dafür die Möglichkeiten gehabt. Er hätte dem Zweifel seines Protagonisten mehr Raum geben, die Konsequenzen seines kriegerischen, ja fast schon kolonialistischen Handelns ausarbeiten und einen Gegenentwurf anbieten können – aber das Schlachten, Brandschatzen und Erobern lässt sich dann doch eben besser für eine IMAX-Leinwand inszenieren, als reflektierte Innenansichten.

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Und so kumuliert nicht nur Odysseus’ Schicksal in einer letzten Bestätigung seiner heldenhaften Größe, sondern auch Christopher Nolans Maxime eines Filmemachens der Superlative übertönt im Endeffekt alle Kritik an allen immer wiederkehrenden Problemen in seinen Filmen. 3 Stunden Laufzeit, 18 km Filmmaterial und 250 Millionen Dollar Budget: Sisyphos hat seinen Stein wieder den Berg hochgerollt – ein außerordentlicher Kraftakt in der Tat – und eine weitere Phase der Selbstreflexion steht bevor. Ob er es zum nächsten Projekt schafft, den Camus’schen Determinismus zu durchbrechen und zu merken, dass er nicht ewig die gleiche Geschichte von männlicher Übermenschlichkeit, die sich nur durch eine leicht reflektiertere Version eben desselben Typus bekämpfen bekämpfen lässt, erzählen kann? Dass seine vermeintlichen Dekonstruierungen niemanden über seine eigene Hybris hinwegtäuschen können? Solange ein Erfolg an den Kinokassen ihn und seine Produktionsfirma in ihrem Werk bestätigt, werden wir wohl mit weiteren Geschichten über überlebensgroße Männer rechnen müssen.
Kinostart: 16. Juli 2026
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