Drei Gedanken zu: Supergirl

Es gibt einen Moment in Supergirl – ungefähr beim dritten Sturz –, da drängt sich eine schlichte Frage auf: Was wäre eigentlich passiert, wenn diese Superheldin einfach gut in dem gewesen wäre, was sie tut? Wenn Kara Zor-El nicht ständig stolpern, sich volllaufen lassen und von einer Prügelei in die nächste fallen würde – wäre sie dann zu stark für uns?

Zur Einordnung: Nach James Gunns Superman (2025), in dem Kara bereits kurz auftauchte, ist Supergirl der zweite Film des neuen DC-Universums. Er erzählt ihre Vorgeschichte: Als Kind hat Kara den Untergang Kryptons miterlebt und wuchs auf dem Trümmerstück Argo unter einer roten Sonne auf; zu ihrem 23. Geburtstag treibt sie sich betrunken durch die Galaxie, bis eine Teenagerin namens Ruthye sie als Schwertkämpferin anheuert. Krem, Anführer der menschenhandelnden Briganten, hat Ruthyes Familie ermordet – und als er auch noch Karas Hund Krypto vergiftet, zieht Kara mit dem Mädchen auf einen interstellaren Rachefeldzug: Krem stellen, das Gegengift beschaffen und unterwegs entscheiden, was die Rache aus ihr macht.

Der Film taugt gut als Testfall dafür, wie das Superheldinnenkino mit dem Topos der „starken Frau“ umgeht – und wie viel Stärke eine Heldin überhaupt zeigen darf, ehe sie dem Publikum zu bedrohlich wird. Denn eine hastig zusammengezimmerte Girlboss-Nummer ist er nicht. Ana Nogueira hat das Drehbuch geschrieben, Milly Alcock spielt die Hauptrolle, die Vorlage liefert der gefeierte Comic „Woman of Tomorrow“ von Tom King. Regie führt Craig Gillespie. Eine Frau schreibt, eine Frau trägt den Film – und trotzdem, oder gerade deshalb, lohnt die Frage, wie viel Stärke er seiner Heldin zugesteht. Die kurze Antwort: erstaunlich wenig. Die lange kommt jetzt.

Spoiler-Warnung: Dieser Essay bespricht zentrale Wendungen bis zum Ende. Wer den Film noch unvoreingenommen sehen möchte, liest besser nach dem Kinobesuch weiter.

© Warner Bros

Stark, aber bitte nicht zu stark___STEADY_PAYWALL___

Kara stolpert. Kara fällt. Kara prügelt sich, so nebenbei und fast aus Versehen, durch einen halben Kosmos. Ihre Kräfte sind gewaltig, ihre Körperbeherrschung ist es nie: Der Film inszeniert sie als permanent überfordert, als tapsiges Etwas, das eher in Konflikte hineinfällt, als sie zu lösen. Eine Heldin, die einfach fit, konzentriert und ihrer selbst sicher wäre? Damit wüsste dieser Film nichts anzufangen.

Das ist kein Zufall, sondern Methode. Dabei lohnt es, zwei Arten von Stärke zu trennen. Als Superheldin verkörpert Kara vor allem körperliche Macht – das Genreversprechen schlechthin. Genau die darf sie aber nie ungebremst ausspielen: Sie stolpert, sie säuft, sie fällt. Ihre emotionale Stärke wiederum – Grenzen setzen, ein klares Nein – deutet der Film in Kälte oder Zickigkeit um. Was im echten Leben als wertvoll gilt, wird bei dieser Heldin also in beiden Formen ausgebremst oder madig gemacht. Souveräne Stärke bei einer Frau scheint schwer erträglich, also fängt der Film sie fortlaufend wieder ein – durch Ungeschick, durch Rückschläge, durch den nächsten Sturz. Dahinter lässt sich die heimliche Sorge ahnen: Eine Kara, die ihre Kräfte tatsächlich beherrscht, wäre womöglich zu mächtig, um noch sympathisch zu sein. Also darf sie glänzen, aber bitte immer erst, nachdem sie hingefallen ist.

Womit füllt der Film die Leerstelle, wo Kompetenz sein könnte? Mit Kotzen, Saufen, Kiffen und Draufhauen (meine private Kotz-Skala kam auf drei bis fünf Auftritte, allein bei Kara – Verzählen nicht ausgeschlossen). Das Muster ist so alt wie durchsichtig: Der Film erzählt Stärke als etwas kulturell männlich Codiertes. Kara ist „hart“, weil sie trinkt und zuschlägt wie die harten Kerle, die wir aus tausend Filmen kennen. Weibliche Stärke existiert hier nur als geborgte Männlichkeit – als Kostüm, das eine Frau sich überziehen darf, solange es nach Whiskey riecht.

Dazu passt, dass Kara überhaupt erst aktiv wird, als ihr Hund zu Schaden kommt. Ja, der Hund. Gillespie nennt John Wick und Logan selbst als Vorbilder, und das ist deutlich spürbar: Den emotionalen Auslöser aus dem Männer-Actionkino recycelt der Film kurzerhand. Der verletzte Hund ist dabei nicht das Problem – auch John Wick zieht für seinen Hund los. Der Unterschied liegt woanders. Wick und Logan wählen ihre Rache und dürfen sie als heldenhaft, ja kathartisch ausleben. Kara dagegen stolpert bloß widerwillig und betrunken in ihre Aufgabe hinein – erst der vergiftete Krypto und ein hartnäckige Teenagerin schieben sie an –, und am Ende nimmt der Film ihr die Rache wieder weg: Sie soll „gut” bleiben, ihre Seele „rein”, und redet schließlich sogar Ruthye (Eve Ridley) das Töten aus. Die Männer bekommen ihren Rachefeldzug als Triumph; die Frau bekommt eine moralische Nachhilfestunde. Ihre Rückblenden fügen sich ein: Da steht keine selbstbestimmte Motivation, sondern die sterbende Mutter, die sie aufs „Gute” verpflichtet, und der Vater, der sich für sie opfert, damit sie „für sie weiterlebt”. Selbst Karas Innenleben gehört so eigentlich ihren Eltern – sie darf am wenigsten das sein, was Wick und Logan ganz selbstverständlich sein dürfen: zornig, treibend, ihre eigene Heldin.

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Die Frau ist das Problem, nie das System

Richtig aufschlussreich wird es, als ihre vermeintlich wehrlose Auftraggeberin Kara vor den Latz knallt, sie sei empathielos und unterdrücke ihre Gefühle. Der Vorwurf sitzt – und er verrät die Haltung des Films. Nicht die Verhältnisse sind das Problem, nicht die Gewalt, die diese Frau geformt hat, sondern die Frau selbst, die gefälligst zugänglicher zu fühlen hätte.

Überhaupt: Kara darf hart sein, aber gut muss sie bleiben. Ein dickes Fell ja, klare Grenzen nein. Und Rache? Die redet der Film ihr am Ende aus, weil sie ihr „nicht die erhoffte Freude“ bringe und ihre Seele dann nicht mehr rein wäre. Auf Reinheit kommt es bei der Frau ja bekanntlich an. Wer als Heldin zu deutlich weiß, was sie will, ist ohnehin verdächtig: Als Kara aus einer Zelle heraus will, während ein Mann sein Nickerchen hält, ist sie prompt eine „Göre“. Und als sie sich endlich wehrt, mutiert die Wehrlose flugs zur „Wilden“. Assertivität steht Frauen im Kino noch immer schlecht zu Gesicht.

Nach all dem Stolpern folgt die vielleicht müdeste Volte: Den entscheidenden Plan liefert Lobo, gespielt von Jason Momoa, der im Comic gar nicht vorkommt, aber hier derjenige ist, der Kara am Ende befreit. Zuvor liegt sie, von Kryptonit niedergestreckt, am Boden und erholt sich brav an der Sonne, ehe der Mann das Ruder übernimmt. Die Botschaft im Subtext: Allein schafft die Frau es eben doch nicht. Zum Schluss ist der Hund gerettet, und Kara ist – natürlich – froh, wieder zuhause zu sein. Von der kosmischen Rächerin zurück ins Häusliche, in genau einem Filmlauf.

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Wer zählt hier eigentlich als Lebewesen?

Am bittersten wird der Film dort, wo sein feministischer Anspruch auf andere Achsen der Unterdrückung trifft – und schlicht abbricht. Die verschwundene, versklavte Tochter, Sarna Vran (gespielt von Asha Soetan), um die sich der Plot plötzlich hauptsächlich dreht, ist eine Schwarze Figur, und der Film bebildert ihre Versklavung mit einer Ikonografie, die direkt aus dem Fundus rassistischer Sklaverei-Darstellungen stammt. Menschenhandel wiederum taugt hier über weite Strecken als Gag. Als Pointe. Ha, ha.

Und die übrigen Frauen? Handelsware. Als Preis herumgereicht, über die Schulter geworfen, „abgeschleppt“ – nicht etwa, um genau diese Objektifizierung zu kritisieren, sondern als beiläufiges Weltdesign, in dem jede für sich selbst kämpft und Frauen selbstverständlich zur Verhandlungsmasse gehören. Kara selbst mag der Film nicht sexualisieren; das Objektifizieren anderer Frauen besorgt er dafür umso gedankenloser. Ein Feminismus, der bei der weißen Heldin endet und Schwarze Frauen, Menschenhandel und strukturelle Gewalt zur Kulisse erklärt, ist keiner.

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Fazit

Also, zurück zur Ausgangsfrage: Ja. Wäre Kara nüchtern, trittsicher und ihrer Kräfte gewiss, wäre sie diesem Film offenbar unheimlich. Eine Frau, die einfach stark ist – ohne Suff, ohne Sturz, ohne rettenden Mann und ohne moralische Reinheitsprüfung – sprengt den Rahmen dessen, was Supergirl sich an weiblicher Macht vorzustellen traut. Also lässt der Film sie stolpern. Immer wieder. Vorsichtshalber.

Das Prädikat „Emanzipatorisch Wertvoll“ bleibt diesem Film damit verwehrt – bei aller weiblichen Handschrift hinter der Kamera. Am ehrlichsten fasst ihn übrigens meine eigene Zuschauerinnen-Erfahrung zusammen: Zwischen drittem Sturz und fünftem Absturz habe ich mich schlicht gelangweilt. Vielleicht ist das die eigentliche Ironie – ein Film, der so viel Energie darauf verwendet, seine Heldin kleinzuhalten, wird am Ende selbst klein.

Kinostart: 25. Juni 2026


Über die Gast-Löwin:

© StagePool/Bekky Berg

Bekky Berg ist freie ausgebildete Drehbuchautorin, Script-Beraterin und Autorin mit einem Faible fürs Genrekino und einem wachen Blick auf die Frauen davor und dahinter. Sie schreibt regelmäßig über Frauen im Horror- und Genrefilm und interessiert sich besonders dafür, wie Filme weibliche Stärke erzählen – oder eben nicht.