IFFF 2026: Land, Sorgfalt, Widerstand

Das Internationale Frauen Film Fest Dortmund + Köln ging 2026 in seine 43. Runde. Mit einem Relaunch unter der Leitung von Maxa Zoller vor sechs Jahren wurde das Programm um einige Schwerpunkte erweitert, die das Spektrum der Hauptsektionen formal und thematisch erweitern. So gab es 2026 neben dem Internationalen Spielfilmwettbewerb auch Reihen wie begehrt! filmlust queer, den Fokus In Verbindung, das Panoramaprogramm Common Land oder das Archivprogramm IFFF packt aus. Fünf Tage lang waren Produktionen zu sehen, die sonst nicht die deutschsprachigen Leinwände erreichen oder, wie so oft bei Filmen von FLINTA*s, unter dem Radar einer größeren Öffentlichkeit laufen. Eine Besonderheit des IFFF ist sicher auch die Internationalität seiner Geschichten und Gäst*innen, mit denen eins in der überschaubaren Größe und in Netzwerkveranstaltungen leicht ins Gespräch kommen kann. Letztlich eint wohl fast alle Besucher*innen Unmut, Erschöpfung und kämpferische Energie gegen die patriarchalen Katastrophen, die unserer Welt die Luft zum Atmen nehmen. Das Programm des IFFF ermutigt nicht nur dazu, einen kritischen Blick auf tiefgreifende, patriarchale Strukturen weltweit zu werfen, sondern auch positive Narrative mitzuerleben. Wie viel Spaß Auseinandersetzung, Transformation und Sorgfalt machen können, bewiesen etwa die Künstler*innen Beth Stephens und Annie Sprinkle.

aus: Playing with Fire: An Ecosexual Emergency © E.A.R.T.H. Lab SF

Das Paar aus Kalifornien präsentierte, gemeinsam mit Mithu Sanyal, die sich musikalisch am Film beteiligte, den dritten Teil ihrer thematisch zusammenhängenden Reihe über ihre eigene ökosexuelle Reise Playing with Fire: An Ecosexual Emergency.  Standen in Goodbye Gauley Mountain: An Ecosexual Love Story und Water Makes Us Wet: An Ecosexual Adventure (Trailer sind auf ihrer Website aufrufbar) die Elemente Erde und Wasser im Vordergrund, geht es nun um die Beziehung zum Feuer. Ihr Film bzw. Ökosexualität an sich sei vielleicht nicht für alle etwas, warnten sie vor dem Screening lächelnd muss ja auch nicht, fügten sie hinzu. Am Ende schien jedenfalls der Großteil des begehrt!-Publikums begeistert von der Hingabe, mit der Stephens und Sprinkle sich der Flora und Fauna in Boulder Creek, Colorado widmeten. Bäume zu liebkosen, den treuen Strauß Albert zu beobachten und die Formen von Samen und Früchten zu befühlen, finden als queer-feministische, humor- und lustvolle, umweltbewusste Praxis Ausdruck. Ausgangspunkt für Playing with Fire waren zunächst die verheerenden Waldbrände in Kalifornien im Jahr 2020, die Stephens und Sprinkles Auseinandersetzung mit dem Element Feuer anregten. Auch dessen nützlichen Aspekten, dessen Versprechen von Erneuerung nach den hinterlassenen Aschebergen gehen sie nach. Dabei fehlt es nicht an ulkigen Videoeffekten wie schmucken Titeln und mit Sprechblasen ausgestatteten Ziegen. Stephens Off-Stimme führt durch die Erzählung und gemeinsam mit den beiden treffen wir Leute aus der Nachbar*innenschaft, etwa Environmentalist Artists oder einen Feuerwehrmann einer Initiative für ehemalige Häftlinge. Boulder Creek wirkt wie eine queere Bilderbuchcommunity, in der auch Stephens und Sprinkles Hochzeit mit dem Feuer begeistert gefeiert wird. Die beiden lassen sich als legendäres Paar beschreiben, das übrigens schon in Monika Treuts Genderation vorkommt. Sprinkle, eine Ikone des sex-positive Porn, war zudem im ersten Teil Gendernauts zu sehen und spielte in Treuts Film von 1992 My Father is Coming eine der Hauptrollen.___STEADY_PAYWALL___

aus: Agatha’s Almanac © Rhayne Vermette

Ebenso mit Sorgfalt um die Erde und ihre Sprösslinge kümmert sich Agatha, die Tante der Filmemacherin Amalie Atkins in Agatha’s Almanac. Mit 90 Jahren bearbeitet sie immer noch unermüdlich den fruchtbaren Boden ihrer Farm im kanadischen Manitoba und teilt dabei ihr Wissen und ihre Gewohnheiten mit dem Publikum. Zuerst markiert eins die Linie, entlang derer man die Samen einpflanzt mit einer roten Schnur, dann gräbt eins die trockene Erde mit einer Hacke auf, streut das Saatgut hinein, gießt darüber, bedeckt alles und tritt das Ganze mit den Füßen fest. Am Anfang des Feldes am besten noch beschriften, was hier wachsen wird, und dann heißt es: warten. Atkins nimmt über mehrere Jahre und ihre Zeiten hinweg auf. In wohlig weichen 16mm-Bildern versinken wir mit Agatha und Amalie in ein jeglicher Optimierung trotzendes Leben, das das Arbeiten auf der Farm schön und romantisch aussehen lässt. Der Rest der Welt dringt nicht ein in den Frieden dieses Stückchen Landes. Agatha’s Almanac fühlt sich dabei fast zu wohlig an, ein nostalgischer Eskapismus, der mit Agathas Leben wohl sein Ende finden wird. Doch diesem Gedanken folgt der Film nicht, denn er bleibt im Hier und Jetzt der Abläufe, beobachtet Agatha bei der Arbeit, beim Ausruhen. Manchmal erfahren wir auch Privates über ihre Vergangenheit, doch darauf liegt bewusst kein Fokus. Interessant wäre es dennoch gewesen, die Geschichte der Farm in die Bruchstücke von Gesprächen einzufädeln. Wir hören immer wieder von der unermüdlichen Erntearbeit von Agathas eigener Mutter und bekommen am Rande die mennonitische, deutschsprachige Herkunft der Familie mit. Über deren kulturelles Erbe können wir eigene Rückschlüsse ziehen, wenn Agatha ihre Pierogi nach Familientradition faltet.

aus: One Woman One Bra © IFFF, Josh Olaoluwa, Kilastory, Conceptified Media

Darum kämpfen ihr Land behalten zu dürfen, muss Protagonistin Star in Vincho Nchogus One Woman One Bra. Als alleinstehende Frau, die als Waise aufgewachsen ist, wird ihr mangels Dokumenten von den Behörden der Anspruch auf das Land verwehrt, das sie schon seit Jahrzehnten bewohnt. Dabei ist es für die Geschichte Kenias und das Dorf Sayit ein besonderer Moment: Zum ersten Mal seit der britischen Kolonialherrschaft werden die Bewohner*innen als rechtmäßige Besitzer*innen verzeichnet. Doch Star bleibt nur die Möglichkeit, entweder ihre Verwandtschaft nachzuweisen oder das Land zu kaufen. Ein Deal mit einer britischen NGO, die die Maasai mit BHs von der angeblichen Last ihrer Brüste befreien will – Nchogu zeigt humorvoll die Absurdität und Nutzlosigkeit von westlichem White Saviorsim –, soll das notwendige Budget gewährleisten und den Schulbesuch einer jungen Dorfbewohnerin ermöglichen. Statt Geld bringt die Protagonistin aber letztlich nur ihre eigene Gemeinschaft gegen sich auf, während ihre Existenz weiterhin auf dem Spiel steht. Im Gespräch nach dem Screening berichtete Nchogu, dass sie ihren Film in jeder Entstehungsphase neu überarbeitete: in Venedigs Biennale College Script Lab, zusammen mit der Dorfgemeinschaft, die während des Drehs Glaub- und Unglaubwürdigkeit einzelner Szenen kommentierte, und schließlich im Schnitt. Initiativen wie die der Schuhmarke Toms, die westlichen Käufer*innen verspricht, mit jedem gekauften Paar Schuhe ein zusätzliches einer Person in Afrika zu schenken, irritierten Nchogu, die selbst in Ostafrika aufwuchs, als sie in den USA Fuß fasste. In One Woman One Bra betrachtet sie postkoloniale Strukturen kritisch, schafft humorvolle Momente und lässt ihre Protagonistin den Kampf nicht aufgeben.

In der Programmreihe Common Land präsentieren Kuratorinnen Betty Schiel und Barbara Marcel Dokumentar-, Essay- und Kurzfilme, die sich mit der Verteilung von Land und Besitz sowie Widerstand gegen Inbesitznahme auseinandersetzen. Ôri von Raquel Gerber aus dem Jahr 1989 (restauriert 2009) entstand ab 1977 über eine Zeit von etwa zehn Jahren, in denen sich die Regisseurin mit der Schwarzen Bewegung in Brasilien auseinandersetzte, diese begleitete und Schlüsselfiguren der Befreiungskämpfe filmte, allen voran die Aktivistin Beatriz Nascimento. Nascimento beschäftigte sich in ihrer historisch-theoretischen Arbeit mit den Quilombos: Siedlungen, die während der portugiesischen Kolonialherrschaft als Zufluchtsorte von Sklav*innen dienten und zu Orten der Selbstermächtigung wurden, wie etwa die bedeutende Quilombo dos Palmares. Gerber dokumentierte Zusammenkünfte von Aktivist*innen, religiöse Versammlungen von Macumba und Candomblé Centers und Samba-Feste, die mit Nascimento und im Sinne des Widerstandes gegen eine europäisch-weiße dominierende Narration von brasilianischer Nationalität als Nachfolger der Quilombros verstanden werden. Mit ihrem Film trug Gerber dazu bei, Geschichte und Erinnerung, Trauma und Aufbruch von Brasilianer*innen und von afro-brasilianischer kultureller Identität in Brasilien zu bewahren und über die Kontinente hinweg filmisch erfahrbar zu machen.

Das Internationale Frauen Film Fest Dortmund + Köln leistet einen unersetzlichen Beitrag internationale feministische Filme und die Arbeit von Filmemacher*innen sichtbar zu machen – eine Veranstaltung, die eins am liebsten mehrmals im Jahr besuchen würde.

Bianca Jasmina Rauch
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