38. Filmfest Dresden: Laufende Arbeiten

Work in progress war dieses Jahr das Thema des Filmfest Dresden, das Mitte April wieder Kurzfilme aus Deutschland und der Welt auf die große Leinwand brachte. Damit hat das Festival den Finger in die metaphorische Wunde gegenwärtiger gesellschaftlicher Diskurse gelegt. Ein Festivalbericht.

Warten auf den Zug nach Dresden am Berliner Hauptbahnhof. Gegenüber vom Gleis hängt ein Plakat: Hände weg vom 8-Stunden-Tag! Willkommen in der Gegenwart. Statt die Vier-Tage-Woche zu fordern, muss der Deutsche Gewerkschaftsbund mobil machen für eine gewerkschaftliche Errungenschaft, die selbstverständlich sein sollte.

Visual für das Filmfest Dresden mit der Schrift: 38. filmfest DresdenI nternational Short film Festival 14-19 April 2026 mit abstrakten Zeichnungen, die an Geometrie und Zahnräder erinnern

© Filmfest Dresden

Work in progress. Das Motto des Filmfest Dresden ist dieses Jahr am Puls der Zeit. Work in progress, laufende Arbeiten, oder: in Arbeit. Der Begriff setzt mittlerweile eine Assoziationskette in Gang, die mit „Lifestyle-Teilzeit“ beginnt und sich logisch folgend über die Neue Grundsicherung hin zur Frage, „Wer braucht schon den 8-Stunden-Tag?“ zieht. An den Verwundbarsten der Gesellschaft wird gespart, während angehäufter Reichtum unangetastet bleibt. Die Chancen in diesem wohlhabenden Land werden immer ungleicher. Und die Kunst? Kunst und Kultur sind doch auch Arbeit? Arbeit, die oft keinen Profit abwirft. Arbeit, die oft Geld kostet! Und Arbeit, die gerade ebenso kurzsichtig und brutal zusammengekürzt wird wie Sozialleistungen, politische Bildung und zivilgesellschaftliches Engagement. Kunst und Kultur, die, wenn es nach Kulturstaatsminister Wolfram Weimer geht, sich fügen und gefälligst unterhalten sollen.

Dahinter steht (unter anderem) das Leistungsprinzip: Ohne Leistung keine Teilhabe. Ein Platz in der Gesellschaft will verdient sein. Wie gefährlich, gewaltsam und falsch dieses Leistungsprinzip ist, zeigt ein Blick 80 bis 90 Jahre zurück in die deutsche Geschichte.

Die Filme im Programm des Filmfest Dresden setzen sich mit dem politisch so verlogen geführten Diskurs über Leistung, Verdienst und Bedürftigkeit auseinander, legen offen, halten dagegen. So ist das Filmfest auch in diesem Jahr ein künstlerischer Hafen, ein Begegnungsort auf und jenseits der Leinwand und vor allem ein Aufruf zum Handeln.___STEADY_PAYWALL___

Arbeit und Gender

Das Schwerpunktprogramm „What a way to make a living” betrachtete verschiedene Vorstellungen von der arbeitenden Frau und fragte: Was ist gegenderte Arbeit eigentlich? In der Satire des kolumbianischen Kollektivs Colectivo Cine-Mujer von 1980 ¿Y su mamá que hace? (And what does your mother do?), geht es beispielsweise um Care-Arbeit. Im Zeitraffer läuft der Morgen einer „ganz gewöhnlichen” Hausfrau ab – Frühstück vorbereiten, Kinder wecken, anziehen, duschen, den Mann aufwecken, ihm gut zureden, wieder zu den Kindern, dann an den Herd, dann dem Gatten die Krawatte binden und so weiter und so fort. Während die unbezahlte Hausfrau automatisch und effizient ihren Aufgaben nachgeht, hat der Brotverdiener einen entspannten Morgen. Ihre Arbeit hält das familiäre Selbstverständnis und den gemütlich-mittelständischen Lebensstandard der Familie zusammen, geht an Ehemann und Kindern aber komplett vorbei. Der Film endet mit dem Sohn und einem Spielkameraden auf dem Spielplatz: „Und was macht deine Mama so?” „Nichts. Sie ist zu Hause.” Care-Arbeit ist Arbeit. Diese unsichtbare Arbeit sichtbar zu machen, hat selbst 46 Jahre nach Erscheinen des Films nicht an Aktualität verloren. Hausarbeit, erklärt ein Text am Ende des Films, leistet ebenso einen Beitrag zur Wirtschaft wie Lohnarbeit. Ein oft gebrauchtes, da eingängiges Argument, auch um politisch überhaupt gehört zu werden, Gleichzeitig bedient es und unterwirft sich der Leistungslogik: Wertvoll (und Leistung) ist, was wirtschaftlichen Wohlstand schafft.

Körniges schwarz-weiß Bild einer jungen Frau hinter den Wollfäden einer Spinnmaschine.

Filmstill aus A lörinci fonóban © Filmfest Dresden/Coproduction Office

Ähnlich, wenn auch nicht aus kapitalistischer, sondern aus kommunistischer Sicht, geht es in A lörinci fonóban (At the Lörinc Spinnery) der ungarischen Regisseurin Márta Mészáros aus dem Jahr 1972 zu. Drei Frauen erzählen hier von ihrer Arbeit in einer Spinnerei. Arbeit, die sie unabhängiger macht (wenn auch nicht unbedingt freier), die ihnen Sicherheit gibt, die eine bescheidene Karriere ermöglicht. Gesellschaftliche Teilhabe durch Arbeit. Gleichberechtigung durch Arbeit. Fast unfreiwillig offenbaren die Interviews aber auch Risse in diesem sozialistischen Arbeitstraum: Die beschränkten Möglichkeiten, die harte und allumfassende Arbeit, das Es-ist-besser-als.

Diese zwei Filme heute zu schauen, wirft Fragen auf darüber, wie Arbeit (feministisch) gedacht werden kann. In ihren unterschiedlichen Ausformungen. Jenseits oder mitten in Logiken von Wert und Leistung. Als Mittel zum Zweck der Unabhängigkeit. Oder vielleicht als Teil der Gesellschaft und des individuellen Lebens, aber weder als ihr höchstes Gut noch als ihr Mittelpunkt.

Arbeit und Fortschritt

Vollkommen frei (und etwas Denglisch) übersetzt steckt in work in progress auch die Arbeit im Fortschritt. Fortschritt, der oft ein Höher-Schneller-Weiter meint und dessen Früchte nicht allen zuteilwerden. Diese eurozentrische, kolonial geprägte Idee von Fortschritt basiert auf der Ausbeutung von Menschen, Umwelt und Ressourcen. Eine der zahlreichen Konsequenzen dieser Logik ist die Klimakrise. Auch wenn sie selbst in den Ländern spürbar wird, die sonst von der Ausbeutung im Namen des Fortschritts profitieren, ist die Klimakrise für die Länder des globalen Südens, die bis heute mit den Folgen des Kolonialismus und neokolonialen Strukturen kämpfen, besonders verheerend.

Aufgenommen durch die gespreizten Beine einer Person, sind zwei Personen sichtbar. Eine liegt erschöft auf dem Boden, die andere kniet davor. Sie trägt eine Schwimmbrille auf dem Kopf. Beide haben graue Gymshorts an.

Filmstill aus Water Sports © Filmfest Dresden/ Square Eyes

Satirisch und mit einer guten Portion Camp widmet sich der Preisträgerfilm Water Sports von Whammy Alcazaren dem Thema Klimakrise und (apokalyptische) Zukunft aus philippinischer Perspektive. Während Wasser als Ressource fast vollkommen aufgebraucht ist, die Uhr wenige Sekunden vor 12 anzeigt und Schüler*innen immer wieder vor Hitze zerfließen, regieren Chaos und Absurdität… nur die queere Liebe bleibt (übrigens auch nachdem es 12 geschlagen hat). Water Sports ist Kritik, Widerstand und ein Fünkchen Hoffnung ohne Weiter-so.

Plus Zwei

Jenseits der Thematik von Arbeit, Gender und Fortschritt sind zwei Kurzfilme besonders sehenswert. In The Adventures of the Black Girl in Her Search for Mable Dove mischt Nnenna Onuoha Essay, Fotoreportage und Science-Fiction und thematisiert dabei die weiße, koloniale Perspektive, die historische Sammlungen, Archive, Forschung und einige feministische Theorien bis heute prägt und die das Leben und Werk Schwarzer Autor*innen wie Mabel Dove systematisch ausgelöscht hat. Den Blick richtet sie dabei fest auf die Zukunft – durch Dialog, Begegnung und Gemeinschaft.

Nahaufnahme von weiblich-gelesenen Personen, die ernst an der Kamera vorbei schauen.

Filmstill aus El Regalo © Filmfest Dresden/ Gariza Films

In El Regalo (The Gift) von Lara Izagirre Garizurieta wollen drei Frauen in Bilbao ein Geburtstagsgeschenk für ihre Nichte kaufen und werden als Romnja mit Racial Profiling und Polizeigewalt konfrontiert. Zunächst begleitet der Film seine Protagonistinnen, beobachtet die Situation, dokumentiert das rassistische System. Am Ende schließlich bezieht er Position, ermöglicht den Protagonistinnen, sich entgegenzustellen, in die Kamera, ins Publikum zu schauen und in der Romnja-Gemeinschaft widerständig und aufgehoben zu sein.

Neben den Denkanstößen, der geteilten Wut, dem heilsamen Witz zeigt das Filmfest Dresden ganz deutlich: Kurzfilme schauen sich am besten im Kino. Das nächste Festival findet vom 13. bis zum 18. April 2027 statt.

Theresa Rodewald
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