IFFF 2026: Interview mit Festivalleiterin Maxa Zoller

Anlässlich der 43. Ausgabe des Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Köln haben wir dessen Leiterin Maxa Zoller getroffen, um über die Programmgestaltung, Veränderungen im und rund um das Festival und über die das Kino als Ort von gemeinschaftlicher Erfahrung zu sprechen.

Bianca Jasmina Rauch: Maxa Zoller, du bist künstlerische Leiterin des Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Köln, das heute, am 22.4.2026 eröffnet hat. Das letzte Gespräch mit dir haben wir bzw. Sophie Rieger im Jahr 2019 auf FILMLÖWIN veröffentlicht. Damals warst du gerade in deinem zweiten Jahr, nun sind schon ein paar Ausgaben vorübergegangen. Was hat sich denn seitdem beim IFFF verändert?

© Julia Franken/K3 for IFFF Dortmund+Köln

Maxa Zoller: Das Offensichtlichste ist sicher, dass das Festival gewachsen ist, sich verjüngt hat und auch an Strahlkraft gewonnen hatt. Das hat einerseits damit zu tun, dass wir einige Schraubstellen gezielt angegangen sind, wie z. B. das Erscheinungsbild. Wir hatten einen Relaunch, stellen uns seitdem einerseits grafisch anders dar, andererseits betrifft das auch unser Selbstverständnis. Wir haben verschiedene Stellen geschaffen, darunter eine Marketingstelle, die das auch umsetzen konnte. Kuratorisch haben wir zwar keine großen, aber doch subtile Veränderungen vorgenommen und uns nochmal genau mit unseren Zielgruppen auseinandergesetzt.

Was uns seitdem natürlich von außen Rückenwind gegeben hat, sind die #MeToo-Bewegung und das immer größer werdende Bewusstsein für Gender-Ungerechtigkeit. Social Media und Widerstand von unten, feministischer und antidiskriminierender Aktivismus von der Straße: All das hat dazu geführt, dass es heute attraktiver geworden ist, sich Feministin zu nennen. Das war um die 2000er noch ganz anders. Das heißt, wir profitieren einerseits von den strategischen Entscheidungen, die das Team und ich getroffen haben, und andererseits vom politischen Widerstand auf der Straße und in den Communities.

Wie reagiert ihr als Festival über diese Veränderungen hinaus auf die aktuelle Weltlage? Und wie zeigt sich das in eurer Programmgestaltung insgesamt?

Es sind keine guten Zeiten. Sie sind schmerzbehaftet und machen wütend. Wir reagieren darauf einerseits in einer Vertiefung von Themen, indem wir die dringendsten Fragen herauskristallisieren und daraus Schwerpunkte bauen. In dieser Ausgabe stellte sich anhand der Filme heraus, dass viele, viele Filmemacher*innen Schutzräume bzw. Landnahme und Widerstand gegen Landnahme thematisierten. Das ist das diesjährige Thema des Fokus, gilt aber über die Sektionen hinweg, allgemein. Dabei geht es auch um Rechte, genauergesagt das Recht auf Schutzräume. Wir reagieren also, indem wir offensichtliche gegenwärtige Missstände in allen Sektionen zeigen und diese zu einer lauten, starken Stimme verbinden.

Eine andere Reaktion, die man zum Beispiel im Dokumentarfilmprogramm „Panorama“ sehen kann, ist die Entscheidung der beiden Kuratorinnen Vivien Buchhorn und Sandra Riedmair Filme zu zeigen, die Hoffnung schenken, die uns nicht den Kopf in den Sand stecken lassen, sondern uns im Kino empowern. Zum Beispiel eine Geschichte über drei Frauen, die alleine eine Segeltour machen (Women & the Wind), über eine 90-jährige Dame, die alleine noch ihren Garten als Selbstversorgerin bewirtschaftet (Agathas Almanac), ein wunderbarer Film über die Geschichte des Libanons, erzählt anhand der Geschichte des libanesischen Kinos (Do You Love Me).

Die dritte Reaktion ist, dass wir Gemeinschaft stärken möchten und deshalb gibt es auch viele Netzwerkveranstaltungen und extra viel Zeit für die Filmgespräche.

Ihr habt auch eine Kooperation mit dem Herat International Womens Filmfestival.

Ja, das ist auch so ein Beispiel. Die Afghaninnen erleben ja gerade, was es heißt, in einer völligen politischen Katastrophe zu sein. Deswegen wollen wir uns für die Sichtbarkeit dieser starken Frauen aus Afghanistan einsetzen. Das machen wir eigentlich schon seit den frühen 2000ern, noch bevor sich das Herat Festival gegründet hat. Momentan kann das Festival nur im Exil existieren, da seine Gründerinnen mit der Machtübernahme der Taliban flüchten mussten. Wir geben ihnen eine Carte Blanche, das heißt, wir veranstalten gemeinsam ein Screening und reden über afghanischen feministischen Film. Wir ermutigen alle unsere Kolleg*innen auf der ganzen Welt dazu, bei ihrem Festival auch einen solchen solidarischen Programmslot anzubieten. Damit wäre das Herat Frauenfilmfestival transnational sichtbar.

Diesen Appell heben wir hervor. Das Thema Sichtbarkeit lässt mich gleich an die Preise des Festivals anknüpfen. Ihr vergebt beim IFFF ja einen Preis im Internationalen Spielfilmwettbewerb. Dieses Jahr besteht die Jury aus Annouchka de Andrade, Athina Tsangari und Bettina Brokemper. Es gibt auch den Female Gaze Preis als Nationalen Wettbewerb für Bildgestalter*innen, was überhaupt ganz besonders ist. Preise sind auch ein wichtiger Bestandteil des IFFF, richtig?

Ja, denn Gleichstellung ist nur mit konkreter finanzieller Unterstützung erreichbar . Wir sind das einzige Frauenfilmfestival in Deutschland – wenn man den Begriff ernst nimmt, denn ein Festival setzt Jury und Preise voraus. Es gibt ja die wunderbaren Frankfurter Frauen Film Tage z. B. und es gibt überall kleine Frauenfilmfestivals, die sich so nennen, aber eine branchennahe Veranstaltung mit Preisen, mit Geld dahinter – da sind wir die einzige. Das ist ganz wichtig für den Ausbau und die Sichtbarkeit feministischen Filmschaffens und funktioniert eben über konkrete finanzielle Förderung. Wir wollen das natürlich auch gerne weiter ausbauen. Aber leider kann ich das in naher Zukunft überhaupt nicht versprechen, wenn man sich im Moment die Förderlandschaft anschaut. Die Tatsache, dass wir in zwei Städten stattfinden, macht zudem die Suche nach privaten Sponsoren komplizierter, weil uns das die Stadt-Identitätsbindung erschwert.

Ich drücke die Daumen. Ich wollte dich noch fragen, wie ihr konkret im Kurator*innenteam eure Programmauswahl trefft. Könntest du uns einen Einblick in eure Zusammenarbeit geben?

Es gibt pro Sektion ein bis zwei Kurator*innen, immer eine hauptverantwortliche und eine zweite Person. Wir treffen uns regelmäßig analog und digital, um unsere Auswahl zu sichten und zu besprechen, weil ich glaube, dass der gemeinsame Austausch elementar ist. Wir funktionieren nicht so wie viele andere Festivals, in dem ein Team vorsichtet und dann eine Auswahl an eine Kommission weitergibt, sondern wir haben Kurator*innen, die von Beginn an alles vorsichten, aber dann auch ihre Auswahl selber treffen. Sie tragen ihre Filme also von der ersten Sichtung bis zum Abspielen im Kino mit.

Meine Aufgabe als Leiterin ist es – und vielleicht gelingt sie mal besser und mal schlechter –, die Balance zu halten zwischen den  Beweggründen, Wünschen und Visionen der Kurator*innen und der Richtlinie des Festivals, also die Übersicht zu bewahren und gleichzeitig Grenzen auszutesten. Also, zum Beispiel mal zu sagen: Okay, hier gehen wir jetzt nochmal mehr Risiko ein, oder hier ist mir ein bisschen zu viel Programm auf eine bestimmte Linie gefallen, bitte könnt ihr das ausgleichen.

Und wie, würdest du sagen, spiegelt sich denn dein eigener beruflicher Hintergrund in deiner jetzigen Arbeit wider? Du hast vor deiner Leitungsposition des IFFF in Kunstgeschichte promoviert, warst als Lehrende und als Kuratorin von Experimentalfilm international tätig.

Durch diese Tätigkeiten habe ich die Liebe zur Kunst, zu radikalen Formen und zu einer gewissen Sprache gefunden, die Teil meiner DNA geworden ist. Ich trage die jetzt wie so ein Körbchen mit mir herum – lebe das aber gerade nicht so aus. Aber ich bin dankbar dafür, dass ich den Schritt zum Spielfilm und in das Kino machen konnte, weil man damit sehr viel mehr Menschen erreicht als mit Experimentalfilm. Und am Ende des Tages möchte ich ein großes Publikum erreichen. Beim Experimentalfilm ist das nicht unbedingt gegeben, weil die Szene im Vergleich zum Kino eher elitär ist. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich jetzt sozusagen auch in einer anderen Demografie gelandet bin. Mir ist es sehr wichtig, das Gut der internationalen Solidarität zu stärken, Menschen zusammenzubringen. Denn ich habe das Gefühl, dass wir in Zeiten von absoluter Neoliberalisierung und der Rückkehr von Nationaldenken ein historisches Weltwissen, in Vergessenheit zu geraten scheint. Ich wurde da sehr geprägt von der Generation, bei der ich studiert habe, die von den 1960er bis in die 80er Jahre hinein dekoloniale Kämpfe und feministische Widerstände mitgestaltet haben. Mir ist es ein Anliegen, dass wir das hier weitertragen, gerade in Westdeutschland haben wir da noch ein großes Manko.

Bianca: Vielen Dank, das sind schöne Schlussworte.

Bianca Jasmina Rauch
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