IFFF 2026: Sechswochenamt
Den Beginn markiert ein Ende. Als die Mutter der Mittzwanzigerin Lore (Magdalena Laubisch) verstirbt, mischen sich zwischen die Momente der tiefen Trauer die pragmatischen Entscheidungen: für oder gegen eine Sterbeanzeige, die Auswahl von Sargholz und -form, die Art der Bestattungszeremonie und die Frage, ob überhaupt eine Feier stattfinden kann. Es ist März 2020, der Beginn der Corona-Pandemie, und Lore ist mit den Begräbnisvorbereitungen weitgehend auf sich alleine gestellt. Ginge es nach der Großmutter, soll alles nur „normal“ ablaufen und Sonderwünsche von verstreuter Asche im Meer oder ausweichender Bestattung in Holland provozierten nur das Geschwätz der Leute, hier im rheinländischen Städtchen Erkelenz. Regisseurin Jacqueline Jansen knüpft an eigene Erfahrungen an, um das Tabuthema Trauer und Abschied sanft und mit lockerer Art an ihr Publikum heranzutragen.

© Filmweh, Markus Ott
Während Sechswochenamt seiner Protagonistin gerade zu Beginn noch viel Raum für Trauer lässt und visuell nah an ihr dranbleibt, verlagert sich die Geschichte bald von der tragischen auf die tragikomische Ebene. So begegnet Lore nicht nur aufrichtigem Mitleid, sondern auch ungebetenen Meinungen und Kondolenzen an einem Ort, an dem sie selbst schon gar nicht mehr lebt. Als ihr nach ihrem kurzen Besuch im Hospiz vom Ordnungsamt ein Strafzettel aufgedonnert wird, stopft sie genervt zwei Heißluftballons in das Auto ihrer verstorbenen Mutter. Ob jemand Geburtstag habe, fragt die Beamtin. „So was in der Art“, entgegnet die Protagonistin trocken. Das Publikum ist eingeladen zu lachen und zu assoziieren: Geburt und Tod sind nicht weit voneinander entfernt, der Kreislauf des Lebens schließt sich. Auch die ungebetene Meinung des Bestatters, der sich über die Ahnungslosigkeit Lores wundert, sorgt für Situationskomik. Den Tod mit einer Sterbenskranken nicht besprochen zu haben, das sei doch, als würde man erst beim Check-in die Koffer packen. Was für einen Bestatter Alltag sein mag, bricht über die Hinterbliebenen oft mit surrealer Wucht ein. Sich mit dem Tod auseinandersetzen, passiert zudem, wenn überhaupt, im Privaten und ist in unserer Gesellschaft ein angstbesetztes Tabu.___STEADY_PAYWALL___

© Filmweh, Markus Ott
In die Erzählung um den Tod der Mutter webt Jansen immer wieder Bruchstücke der Biografien ihrer Protagonistin und deren Familienkonflikte. Lore telefoniert mit der älteren Schwester, die sich nicht blicken lässt und ihre Probezeit im neuen Job als Ausrede benutzt. Das Verhältnis ist deutlich angespannt und wirkt stellenweise unglaubwürdig, was auch der fehlenden Hintergrundgeschichte geschuldet sein mag. Der Onkel verhält sich ebenso verdächtig distanziert und die Nachbarin riecht genauso wie der Pfarrer ihre Chance, finanziellen Gewinn zu machen. Ihren Mitbewohner*innen teilt Lore die Lage gar nicht mit – eine ahnungslose Sprachnachricht der WG informiert uns darüber – und ihr eigenes Leben in der Großstadt muss auf Pause stehen. Währenddessen kommen die Erinnerungen an ihre Mutter immer wieder zurück und die Pandemie nimmt ihren Lauf.
Jansen drehte mit einem Team aus Profis und Lai*innen und einem prekären Produktionsbudget, zu dem in erster Linie private Spender*innen beitrugen, in ihrer Heimat Erkelenz. Beginnend mit dem Filmfest München hat Sechswochenamt im letzten Jahr bereits zahlreiche Festivals bereist und auch einen Verleih gefunden – Kinostart ist für Sommer 2026 geplant.
Sechswochenamt läuft im internationalen Spielfilmwettbewerb des IFFF 2026.
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