IFFF 2026: Fia Fabula
Erzählungen, Mythen und historische Narrative leben transgenerational fort durch ihre Träger*innen. Zwar dominieren gewaltsam durchgesetzte Vorstellungen von Geschichte unsere Gesellschaft, aber immer schon spinnen sich auch sorgsam die roten Fäden verdrängter Akteur*innen fort. Alice Dalgalarrondo setzt mit ihrem Hybridfilm aus Fiktion, Dokument und Experiment Fia Fabula bedeutenden FLINTA*-Personen spielerisch ein Denkmal: etwa den Filmemacherinnen Maya Deren, Elizaveta Svilova und Zora Neale Hurston, der Mathematikerin Ada Lovelace, der sagenumwobenen Salome, aber auch Personen, die ohne vollständige Namen und Biografien bleiben: eine von Alla Nazimova inspirierte Kabarettdarstellerin, eine Weberin namens Diana, die Teufelin, eine Sklavin namens Fatima, die biblische Eva. Die Versatzstücke aus animierten Kollagen, performativen Szenen, dokumentarischen Videoaufnahmen von Weberinnen und fiktionalisieren Gesprächen der benannten Personen hält eine Off-Erzählerin (verkörpert von Dalgalarrondo selbst) zusammen, die wir auch am Schneidetisch beobachten. Als Editorin spinnt sie dort wie eine Ariadne den roten Faden, um mit ihren Filmstreifen eine eigene Geschichte zu bauen.
Selbst Filmemacherin, Videokünstlerin und erfahrene Editorin knüpft Dalgalarrondo spürbar an experimentelle Filmformen an, die sich im Fluss mit intersektionalem Feminismus, queerer und postkolonialer Theorie und Praxis befinden. Das Aufbrechen von chronologischen Zeitverläufen gehört genauso dazu wie die Betonung von oralen Erzähltraditionen und die Anknüpfung an Spiritualität und Animismus. Die Fadenspiele der Weberin Diana sowie das Verweben von Voodoo-Visualitäten erinnern an Filme wie Ritual in Transfigured Time (1946) oder Divine Horsemen (1954) von Deren, während die punkige Sci-Fi-Figur Perpetua – maximal cool performt von Valerie Renay im Planetarium – aus Rote Ohren fetzen durch Asche (1991) von Ursula Pürrer, Dietmar Schicke und Ashley Hans Scheirl entstiegen sein könnte. Der postkoloniale Blick auf Zeitlichkeit und die Weitergabe von Spiritualität lässt an Julie Dashs interngenerationale Erzählung Daughters of the Dust (1991) denken. Zeit läuft auch in Fia Fabula zirkulär statt linear, beruft sich auf das Erbe der Ahn*innen und lässt die Generationen und Jahrhunderte miteinander verschmelzen. Perpetua sagt die Zukunft voraus und die Erzählerin lässt sie mit Diana und Ada Lovelace aufeinandertreffen. Sie sprechen auf Englisch, Portugiesisch, Griechisch, Französisch, Deutsch und Türkisch – viele hunderte Jahre schon, so fällt die Bemerkung einmal im Dialog, verweben sie miteinander Geschichten. Und die große Frage ist: Wo bleibt ihre Anerkennung? ___STEADY_PAYWALL___

© Tannenbaum Films / Ma Filmes
Eine weitere Erzähler*in ist Inno, die über die versklavte Fatima berichtet und darüber, wie Adam und Eva mit Gott über ihre Macht- und Kräfteverhältnisse verhandelten. Inno, mal in einem Tunnel im Wald situiert, dann in einem dunklen Kosmos, spricht in eine Muschel, die derjenigen ähnelt, die die Gruppe der im Kopf der Erzählerin vereinten Akteur*innen in Händen hält. Sie hören Innos Worte durch die Kalkschale, so wie wir als Kinder in ihnen dem Meeresrauschen lauschten. Haben wir verlernt, zu hören, unsere Ohren geduldig an Muscheln – und mit ihnen an wichtige Quellen von Erzähltraditionen – zu halten? Dazwischen setzt Dalgalarrondo dokumentarische Videoaufnahmen aus der Gegenwart: singende Spinnerinnen, wahrscheinlich in Brasilien.
Fia Fabula verlangt von seinem Publikum, sich auf einen Kosmos einzulassen, der gegen Konventionen von Zeit, Erzählsträngen und Eindeutigkeiten geht und westliche Konzepte infrage stellt. Pferde aus dem Voodoo galoppieren als collageartige Animationen durch die Bilder und in die Ewigkeit hinein. Ada Lovelace verlangt nach Revolution und wir sind eingeladen, diese im Kleinen und im Großen zu denken und die Errungenschaften von FLINTA*s gestern, heute und morgen zu zelebrieren. Hatte Dalgallarrondo sich mit ihrem dreiminütigen 16-mm-Film Ich schneide deine Zunge bereits mit der historischen Verbindung der weiblich besetzten Tätigkeiten von Näher*innen und Filmeditor*innen auseinandergesetzt, führt sie uns jetzt in einer knapp 80-minütigen vielschichtigen Erzählung in eine ähnliche Richtung und geht noch viel weiter. Mit Fia Fabula gelingt ihr eine Hommage an das Geschichtenerzählen, die Arbeit von Editor*innen und an die Historie feministischer Kämpfe.
Fia Fabula feiert seine Weltpremiere im Rahmen des IFFF Dortmund+Köln 2026 in der Sektion Panorama.
Dalgalarrondos Arbeiten sind auf ihrer Website auffindbar.
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