DOK.fest München 2026: Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war – Kurzkritik

Mit Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war nähert sich Regisseurin und Drehbuchautorin Regina Schilling der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. In dem hybriden Porträt trifft Archivmaterial auf Spielszenen, in denen Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann auftritt. In diesen dramatisierten Momenten folgen Zuschauer*innen Bachmann an einem Tag während ihrer letzten Lebensjahre in Rom, wo sie 1973 im Alter von 47 Jahren starb. Zusätzlich führen verschiedene Dokumente aus dem Archiv und von Hüller vorgetragene Texte durch Lebensstationen der Schriftstellerin.

© DOK.fest München, Weltkino Filmverleih

Noch bevor sie den Blick auf Bachmanns Schaffen wirft, gibt Schilling Einblicke, wie Hüllers Schauspiel in dem Dokudrama Form annimmt, wie sie durch Analyse und Erforschen des Settings und mit Kostüm und Maske nach und nach in die Rolle findet. Regisseurin und Schauspielerin eint das Interesse an Bachmanns Werk, auch das erfahren Zuschauende durch einen Blick hinter die Kulissen: In einem von Schilling verfassten und vorgetragenen Brief an Hüller erzählt sie von dem geplanten Filmprojekt und dass nun endlich die Chance zur Zusammenarbeit gekommen sei. Schilling selbst spricht aus dem Off von einer Geisterbeschwörung, einer Séance, die sie und Hüller in den folgenden Filmminuten von Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war unternehmen.

Von hier an führt der Schnitt von Carina Mergens durch Film- und Tonmaterial bestehend aus Interviews mit Bachmann und Weggefährt*innen wie auch Text-Versatzstücken aus Briefen, Tagebüchern und Literatur. Zwischen diesen Ausschnitten aus dem Archiv taucht Hüller immer wieder in der Rolle der heraufbeschworenen Ingeborg Bachmann auf, die in ihrer Wohnung und auf den Straßen herumwandert, auf der Terrasse loungiert oder regungslos am Schreibtisch sitzt. Durch dieses Zusammenspiel aus Archivmaterial und Dramatisierung führt Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war durch verschiedene Stationen von Bachmanns Leben, u. a. der Weg vom Zuhause in Klagenfurt zum Studium in Wien, die Erfolge als Lyrikerin in den 1950er Jahren, die privaten Beziehungen zu Hans-Werner Henze und Max Frisch (die auch im Film Reise in die Wüste porträtiert wurde) und der Stimmungsumschwung in der Literaturkritik, als sich Bachmann ab Ende der 1950er der Prosa zuwendet.___STEADY_PAYWALL___

© DOK.fest München, Weltkino Filmverleih

Vor allem Letzteres ist eindringlich in Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war. In der vehement verteidigten Männerdomäne der (Roman-)Erzählung wird Bachmann das Schreibtalent abgesprochen. Ihre Verarbeitung weiblicher Perspektiven und der Umbruch zwischen den literarischen Genres machen sie für Kritiker zur „gefallenen Lyrikerin“. Im Feuilleton beschimpft – mit Betonung darauf, dass eine Autorin nicht gleich wertvoll wie ein Autor schreiben könne – wehrt sich Bachmann gegen diese frauenverachtende Kritik, insistiert umso mehr, dass für sie die Lyrik nicht mehr an erster Stelle steht und sie sich den für Autorinnen (und Frauen in Kreativ- und Kunsträumen im Allgemeinen) geltenden Einschränkungen nicht beugen mag. Sie wehrt sich gegen imaginierte Vorstellungen davon, was Schriftstellerinnen dürfen und was nicht. 

© DOK.fest München, Weltkino Filmverleih

So findet sich in Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war auch überraschende, müde machende Aktualität: Wie jüngst von Denis Scheck im Umgang mit Sophie Passmanns und Ildikó von Kürthys neusten Veröffentlichungen wieder einmal (Jasmina Kuhnke hat auf dieses Vorgehen bereits 2021 öffentlich aufmerksam gemacht) bewiesen, ist es auch heute noch so manchem Kritiker nicht möglich, die Welten von Autorinnen auch nur das kleinste bisschen für sich erschließen zu können. Mit Blick auf gönnerhafte Bemerkungen von „Seichtgebieten“ bis „Schnatterzone“ sind daher Kämpfe um fairen, respektvollen Umgang mit den literarischen Werken von Frauen noch lange nicht ausgetragen und ausgestanden.

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war feierte Weltpremiere beim DOK.fest München 2026.

Dieser Text ist als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.

Sabrina Vetter
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