Crossing Europe 2026: Troubles und Befreiungsschläge – fünf Filme aus dem Programm

Zum 23. Mal fand 2026 das Crossing Europe Filmfestival in Linz statt, um seinem Publikum ein Programm zu präsentieren, dessen Schwerpunkt wie jedes Jahr auf zentral- und osteuropäischem Kino liegt. Für FILMLÖWIN habe ich, Bianca, fünf Filme – ein Dokumentarfilm aus Rumänien und vier Spielfilme aus dem Wettbewerb, produziert in Tschechien, der Schweiz/Italien, Litauen und der Slowakei – rezensiert. 

Double Trouble (Kumotry) von Emilia Śniegoska

In Double Trouble werden wir Zeug*innen einer Freundinnenschaft zweier Witwen, die sich über die Jahre zu einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft – mit separaten Wohnflächen entwickelt hat. Einen Fußmarsch voneinander entfernt wohnen Hanka und Bronka als Teil der polnischen Minderheit in dem rumänischen Dorf Pleşa, beackern nach wie vor ihr Land, beobachten die heranwachsenden Hühner, den Sonnenuntergang und die Nachrichten im Fernsehen. Während der harten Arbeit, die sie in ihren alten Jahren körperlich herausfordert, scherzen sie über- und miteinander und in keinem Moment besteht der Zweifel, dass sie füreinander ihr Leben riskieren würden. Diese Idylle ihrer Beziehung ist auch ihren Kindern bekannt, die besorgt anrufen, als Russland die Ukraine angreift – die schließlich an Rumänien grenzt. 

© Crossing Europe

Emilia Śniegoskas Dokumentarfilm lebt von der Dynamik seiner Protagonistinnen. Besonders ist der klare Blick auf den harten Arbeitsalltag bei einer gleichzeitig idyllischen Landschaft und die Herzlichkeit, mit der die beiden miteinander agieren. Alleinstehende Frauen einer älteren Generation sind selten als Protagonistinnen zu sehen oder agieren oft nur als Teil einer Familie, die eigentlich im Mittelpunkt steht. Doch die Kinder sind längst emigriert, dorthin, wo es Arbeit gibt. Hanka und Bronka sind sich bewusst, dass ihr Lebensstil mit ihnen aussterben wird, genauso wie auch ihr Haus und ihre Geräte wahrscheinlich nach ihnen keine Verwendung mehr finden werden – aber das betrachten sie nicht mit Bitterkeit: Die Kinder sollen mit dem Haus mal machen, was sie wollen. Zwischendrin lässt Śniegoska immer wieder eine kleine Blaskapelle auftreten, die neben den Witwen auf den saftigen Wiesen erscheint, sich im Garten aufstellt oder einfach mal an der Häuserwand lehnt. Sie erinnern ihr Publikum auch immer wieder daran, dass sich Dokument und Fiktion in jeder Inszenierung treffen – auch wenn Hanka und Bronkas Beziehung per se nicht erfunden ist.___STEADY_PAYWALL___

Caravan (Karavan) von Zuzana Kirchnerová-Špidlová

In Zuzana Kirchnerová-Špidlovás Caravan reist die alleinerziehende Mutter Ester mit ihrem Sohn David in einem Camper durch Süditalien. Hatte der Sommerurlaub noch bei einer befreundeten Familie begonnen, entschließt sich Ester kurzerhand, Abstand zu nehmen. Denn von den zweifachen Eltern wird sie als bemitleidenswertes Opfer ihrer Situation betrachtet, die Töchter der beiden sind von Davids Energieausbruch, der eine Verwüstung im Wohnzimmer des Hauses hinterlässt, überfordert. David hat Down-Syndrom, spricht nicht und ist autistisch, was auch seine Mutter manchmal an den Rande eins Burnouts bringt. Doch Ester blickt immer vorwärts und so stürzt sie sich ins Abenteuer: Sie fährt kurzerhand mit dem Mobil ihrer Freund*innen los, um den Kopf frei zu bekommen. Auf ihrer Reise beobachten wir Momente liebevoller Nähe und vertrauter Zärtlichkeit zwischen Mutter und Sohn, um das ganze Spektrum ihrer Beziehung zu erleben. Dem Roadmovie entsprechend ist der Weg das Ziel und am Straßenrand, am Strand und am Feld warten Begegnungen aller Art.

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Für die Rolle der Ester gewann Kirchnerová-Špidlovás den tschechischen Filmstar Anna Geislerová, während sie für die Rolle des David hunderte Jugendliche castete, bis sie sich schließlich für David Vodstrčil entschied. Kirchnerová-Špidlová verarbeitet in Caravan ihre eigenen Erfahrungen als Mutter eines Kindes mit Behinderung und der damit verbundenen Sehnsucht, auch mal den Bürden des Alltags zu entkommen. An einer Tankstelle trifft ihre Ester eine weitere rebellische Figur, die zum Auf- und Ausbruchcharakter des Roadmovies passt: Zuza, die sich dem Duo anschließt. Sie sorgt nicht nur für gute Stimmung, sondern verbringt auch Zeit mit David, während Ester für einen Bauern arbeitet, mit dem sie eine Affäre anfängt. Zuza erkennt Esters Bedürfnis nach Abwechslung und steht ihr solidarisch, empathisch und humorvoll bei. Kirchnerová-Špidlovás Geschichte führt ihrem Publikum eine Mutter-Sohn-Beziehung näher, die herausfordernd und schön zugleich ist. Im Gegensatz zur klassischen Charakterentwicklung der Road-Movie-Hauptfigur ist es nicht Ester, die auf ihrem Weg etwas lernen muss, vielmehr dient der Weg ihrer Entlastung und Erholung. Die Reise lässt sie in vorurteilsfreien Begegnungen mit Zuza neu aufleben. Aufnahmen von sandig-erdigen Landschaften unter wolkenlosem Himmel oder vom abendlichen Einbruch in private Strandabschnitte betten die Figuren in Orte ein, die mitunter frei und zeitlos wirken.

Don’t Let the Sun von Jacqueline Zünd

Strahlt die Sonne in Caravan das Gefühl von Freiheit und die Sehnsucht nach sorgenloser Atemlosigkeit aus, wird ihre Helligkeit im dystopischen Drama Don’t Let the Sun zur Gefahr. Während die Elterngeneration noch von ihrer Kindheit im Tageslicht erzählt, kennt die neunjährige Nika (Maria Pia Pepe) nur mehr das Leben in der Nacht und hinter Jalousien. Vitamintabletten und Warnsirenen vor Sonnenaufgang gehören zu ihrem Alltag, genauso wie ihre leichte Abgeschlagenheit. Ihre alleinerziehende Mutter Cleo (Agnese Claisse) entschließt sich über eine Agentur eine Person zu bezahlen, die als eine Art Ersatzvater (Levan Gelbakhiani, bekannt aus And Then We Danced) Zeit mit ihr verbringen soll. Nach anfänglicher Abwehr lässt Nika sich darauf ein und unternimmt mit Jonah diverse Ausflüge. Gesprochen wird dabei wenig. Dass Jonah auch ohne Vater aufwuchs, erfahren wir, auch dass Nika kein Eis mag und Jonah sie trotzdem zur Eisdiele führt und sich selbst dort einen großen Becher bestellt. Die Zeit allein, die Ruhe, das Durchstreifen der nächtlichen Betonwüsten schweißt die beiden zusammen und scheint für das zurückhaltende Kind genau richtig. Doch als Nika mehr Zuneigung zu ihrem Leihvater entwickelt, schlittert dieser in eine Krise.

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Jacqueline Zünds Science-Fiction-Drama wendet sich der Exploration von atmosphärischen Szenen zu, in der die Architektur von Wohnkomplexen aus Beton in einem ganz eigenen Glanz erstrahlt. Das künstliche Licht und die verlassenen Plätze, die Nika und Jonah durchlaufen, rahmt die Kamera von Nikolai von Graevenitz gekonnt in statischen Einstellungen (die Carlo di Palmas Einfangen von urbanen Landschaften in Die Rote Wüste zum Vorbild haben könnten). Die große Sprachlosigkeit der Figuren (Co-Autor war Arne Kohlweyer, der sich auch mit Johanna Moder für das Drehbuch zu Mothers’s Baby verantwortlich zeichnete) hält davon ab, Don’t Let the Sun in einen größeren Handlungsrahmen einordnen zu können: der Ort ist unbekannt, gesprochen wird auf Englisch mit unterschiedlichen, fein nuancierten Akzenten. Neben dem Tageslicht kommt den Menschen aufgrund der Hitze auch ihre physische Nähe abhanden. In einer wiederkehrenden Szene sehen wir Jonah und andere Menschen mit nackten, schwitzenden Oberkörpern auf einem Platz versammelt. Kurz und heftig klatschen sie ihre Körper in kurzen Umarmungen aneinander. Einer anderen Kundin (Karidja Touré aus Girlhood) leistet Jonah auch nur Gesellschaft, sitzt neben ihr, bis sie einschläft. 

Während Don’t Let the Sun sein Publikum visuell und atmosphärisch in seine Welt hineinholt, kreiert er emotional eine Distanz, die das narrative Konstrukt bröckeln lässt. Die große Hitze als Grundprämisse für fehlende Nähe und Wortlosigkeit der Menschen als soziale Wesen fehltgeht es an Überzeugung und lässt den Boden der Erzählung rissig werden. Die Beziehung zwischen Nika und Jonah schwebt auf einer Oberfläche, deren Tiefgründigkeit weniger berührt als rätselhaft zu werden. Die heftigen, kurzen Umarmungen, der plötzliche Kontaktabbruch Jonahs, weil er mit sich selbst nicht klarkommt, könnten als Sinnbild für die patriarchale Welt stehen. Doch scheint der Film eher einen allgemeinen Spiegel der Distanzierung in unserer heutigen Zeit kreieren zu wollen und das wird schnell zu simpel.

Renovation (Renovacija) von Gabrielė Urbonaitė

Nach zwei Jahren Beziehung ziehen Ilona und Matas in ein gemeinsames Apartment, doch unerwarteterweise beginnen kurz darauf Renovierungsarbeiten an der Fassade des. Das alten Sowjetgebäudes in Vilnius. Sie seien umgezogen, damit sie ungestört von zu Hause arbeiten kann, und jetzt das, beschwert sich Ilona. Sie seien doch umgezogen, um miteinander zu leben, kontert Matas. Von Beginn an scheint er emotional tiefer in der Beziehung drin zu stecken als sie. Ilona ist merkbar damit beschäftigt, über ihren nahenden 30. Geburtstag und jene Projektionen auf berufliche Erfolge, Familienplanung und Erwartungen der Eltern nachzudenken, die der Beginn des neuen Jahrzehnts mit sich bringt. Als sie den Ukrainer Oleg, der vor ihrem Fenster auf der Baustelle arbeitet, kennenlernt, ergreift sie die Gelegenheit, sich selbst neu zu definieren und ihre poetische Ader aufleben zu lassen. 

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Renovation stellt die Verbindung zwischen einer tatsächlichen Baustelle und dem inneren Leben seiner Protagonistin dar. Dabei reißen keine Decken ein, wie etwa in If I Had Legs I’d Kick You,aber der Umbruch schließt direkt an jenen an, den Ilona fühlt. Vor einem größeren, historischen Umbruch lässt sich außerdem das Wohngebäude selbst datieren: Wie viele weitere wurde es während der Sowjetzeit errichtet und repräsentiert somit auch die laufenden Erneuerungen eines unabhängigen Litauens. Einem Kammerspiel gleich verlässt die Erzählung kaum die Wohnung der beiden, in der sich die Beziehung zunehmend auseinanderlebt, während Ilona sich selbst sucht. Trotz der aufwühlenden Prämisse gelingt dem Narrativ auch eine gewisse Ruhe, die das Publikum mit Zuversicht verfolgen lässt, dass Ilona ihren Weg findet und realisiert, dass ihr Leben doch eigentlich ganz in Ordnung ist, mit einem verständnisvollen Partner an ihrer Seite. Die 16-mm-Aufnahmen (Kamera: Vytautas Katkus) erzeugen eine Atmosphäre der Sanftheit mit leichter Nostalgie.

Father (Otec) von Tereza Nvotová

An einem stressigen, heißen Arbeitstag vergisst der liebevolle Vater Michal seine zweijährige Tochter im Auto. Sie verstirbt in der sengenden Hitze und hinterlässt einen kaum vorstellbaren Schmerz im Leben der Eltern. Co-Autor Dušan Budzak erlebte mit, wie einem Freund dasselbe passierte, verurteilte ihn zunächst, lernte dann aber, als er sah, wie er von der Öffentlichkeit heftig kritisiertfertiggemacht wurde, Verständnis zu zeigen – dies möchte er nun auch mit dem Film bewirken, so Budzak im Gespräch nach dem Filmscreening in Linz. Als Co-Autorin und Regisseurin konnte er Tereza Nvotová gewinnen, der ein One-Take-Film vorschwebte, aus dem dann letztlich aus Budgetgründen aber neun Einstellungen wurden. Wir sehen Michal an einem alltäglichen Morgen in Absprachen mit seiner Partnerin Zuzka (Dominka Moráková), dann aufbrechen, seine Tochter in den Kindergarten bringen und weiterfahren bis zur Arbeit. Das Publikum ahnt, dass jeden Moment ein unvorhergesehenes Ereignis einbricht. Doch erst der Anruf seiner Frau, die die Tochter am Nachmittag abholen möchte, lässt Michal auf die Idee kommen, im Auto nachzusehen. Denn tatsächlich, so legt der Film nahe, hat sein Hirn auf Autopilotmodus geschaltet und seine tatsächlichen Taten mit Erinnerungen an seine gewohnten Handlungen überschrieben. Er hat die kleine Dominika also nicht wie geplantwirklich im Kindergarten abgesetzt, sich lediglich vermeintlich daran erinnert. Damit knüpft der Film an das Forgotten Baby Syndrome an, demzufolge Stress und Überlastung das Hirn und die Gedächtnisfunktion beeinflussen.

Was nicht in Worte zu fassen ist, wird für das Publikum in Close-Ups emotionaler und nervlicher Zusammenbrüche sichtbar. Das erinnert an Leidenspornonarrative oder ist, je nach Empfinden, sehr bewegend.

Bianca Jasmina Rauch