Die My Love – Kurzkritik

Grace und Jackson ziehen aufs Land. Das Haus gehört Jacksons Familie und ist ziemlich baufällig, was den beiden egal ist. Dieser Ort soll Blaupause und Gerüst ihrer Träume sein: Hier in der Einsamkeit des ländlichen Montana will Jackson das nächste große amerikanische Album aufnehmen, während Grace den nächsten großen amerikanischen Roman schreibt. Nur kommt es nie dazu. Grace ist hochschwanger und nach der Geburt des Kindes wird das romantisch-abgelegene Haus zur klaustrophobischen Sardinenbüchse der nuklearen Kernfamilie. Jackson ist das schnell zu eng. Er verzieht sich in die nächste Stadt, taucht sporadisch und müde wieder auf, irgendwann mit einem Hund, der das Familienglück vervollständigen soll.

©MUBI_Credit_Kimberley-French

Und Grace?___STEADY_PAYWALL___ Grace steckt in diesem Haus fest, mit dem Neugeborenen. In der übergestülpten Mutterrolle, die ihr so ganz und gar nicht passen will. Grace ist keine schlechte Mutter. In Die My Love interessiert sich Regisseurin Lynne Ramsay nicht für binäre Wertungen und zeigt stattdessen eine Frau, die ihr Kind liebt und umsorgt, aber immer und immer wieder gegen die unsichtbaren Stäbe im Käfig heteronormativer Mutterschaft stößt.

Grace bewegt sich wie im Traum durch das Haus. Schleicht umher, wie ein unruhiges Raubtier. Geht mit einem Messer in der Hand spazieren. Ist nur noch Körper, ist nur noch Impuls. Was ist schon real in dieser irrealen, irreversiblen und beängstigenden Erfahrung von Elternschaft.

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Jennifer Lawrences Performance ist radikal, zuweilen unheimlich und sehr berührend. In Graces Augen werden Sedimente von Gefühlen sichtbar: zuerst Leere und dahinter Einsamkeit, dann emotionale Starre. Die My Love ist auch ein Film über das Feststecken, über das Nicht-Schreiben-Können, über das Sich-Selbst-Aufgeben und die totale Isolation durch eine Depression.

Grace ist keine Märtyrerin. Konventionen und Höflichkeiten sind ihr egal und sie entwickelt eine disruptive Kraft, mit der sie heterosexueller Kleinbürgerlichkeit und ihren Erwartungen an Weiblichkeit und Mutterschaft ins Gesicht spuckt.

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Grace ist keine Heldin. Ihr Widerstand ist verzweifelte Selbstbehauptung, nacktes Überleben. Ihr Schmerz, ihre Wut richten sich auch gegen sie selbst: Selbstverletzung, abgewetzte Fingernägel vom buchstäblichen die Wände hochgehen, später der Kopf mit voller Wucht gegen den Spiegel.

Vielleicht hat Grace eine postnatale Depression oder eine postnatale Psychose. Die Diagnose wird nie definiert und ist auch unwichtig, denn Grace krankt vor allem an der Gesellschaft, am fundamental ungerechten und patriarchalen System der Kleinfamilie.

Und obwohl es aus diesem System keinen schnellen Ausweg gibt, hat Die My Love ein Happy End. Einen Befreiungsschlag und eine emotionale Klarheit, die aufwühlt und Hoffnung gibt.

Kinostart: 13. November 2025

Dieser Text ist zuerst als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.

Ab 13. November im Kino

Theresa Rodewald