Sorry, Baby – Amanda Edwards im Interview

Anlässlich des Kinostarts von Sorry, Baby in Deutschland wollte FILMLÖWIN die Gelegenheit nutzen, über psychische Gesundheit in der Film- und Fernsehbranche zu sprechen. Dazu hatte ich die Gelegenheit, mich mit Amanda Edwards für ein Interview zu treffen, die als Mental Health Coordinator (Koordinator*in für psychische Gesundheit) am Set von Sorry, Baby tätig war. 

© Association of MH Coordinators

Edwards ist Intimacy Coordinator (Intimitätskoordinatorin), Mental Health Coordinator, Traumatherapeutin und lebt in Denver, Colorado (USA). Sie ist außerdem Mitbegründerin und Präsidentin der Association of Mental Health Coordinators, die sich intensiv mit dem Thema psychische Gesundheit in der Kreativbranche beschäftigt. 

CW: Dieser Artikel beschäftigt sich mit den Themen sexualisierte Gewalt sowie psychische Gesundheit und enthält Spoiler.

Sorry, Baby erzählt die Geschichte von Agnes (Eva Victor), die Auswirkungen eines sexuellen Übergriffs, den sie erlitten hat, und wie ihre Umgebung darauf reagiert. Sorry, Baby erforscht dies auf ganz besondere Weise, ohne den eigentlichen Übergriff filmisch darzustellen. Stattdessen fokussiert sich Victors Film auf die alltäglichen Herausforderungen, denen sich Betroffene stellen müssen, aber auch auf die essenzielle Bedeutung von Freundschaft und positiven Beziehungen während des Heilungsprozesses. Victor gelingt es durch eine Mischung aus Drama und Comedy, den Zuschauer*innen einen reflektierten, aber auch humorvollen Zugang zu diesen Themen zu ermöglichen. Mehr zu Victors Debütfilm erfahrt ihr auch in der Filmkritik meiner Kolleg*in Lina.

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Isabel Lutz: Willkommen, Amanda, ich freue mich sehr auf unsere Unterhaltung. Zuerst würde ich jedoch gerne mehr über dich und deine Arbeit erfahren. Erzähl uns doch bitte ein bisschen darüber.

Amanda Edwards: Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Ich bin eigentlich ganz organisch zu dieser Arbeit gekommen. Aufgewachsen bin ich in Tanzstudios und im Theater, habe mich dann mit Film beschäftigt und anschließend im Bereich psychische Gesundheit studiert und gearbeitet. Als in der Branche der Bedarf an unterstützenden Personen für diese Themen immer klarer wurde, passte dieser Weg wirklich perfekt zu mir – sowohl persönlich als auch beruflich.

Als Frau muss Agnes sich in Sorry, Baby auf ihrem Weg der Genesung vielen systematischen Herausforderungen stellen. Wie wichtig ist deiner Meinung nach eine verantwortungsvolle Darstellung geschlechtsspezifischer Themen und wie kann uns dies helfen, bessere Geschichten zu erzählen?

Eva Victor beschreibt dies in Sorry, Baby wirklich sehr gut. Zuschauer*innen bekommen Einblicke in die verschiedenen Phasen der Nachwirkungen des Vorfalls, aber auch des Genesungsprozesses, was in Filmen bisher so noch nicht behandelt wurde. Es ist sowohl präzise und zugänglich als auch etwas frech – genau wie Eva selbst, ehrlich gesagt. Ich glaube, dass Ehrlichkeit eine großartige Geschichte ausmacht. In diesem Fall gibt es die Möglichkeit, eine authentische Nacherzählung mitzuerleben. Es werden sowohl der Heilungsprozess als auch die Herausforderungen einer Betroffenen von sexualisierter Gewalt beleuchtet, über die nicht oft gesprochen wird. Wir lernen und fühlen mit Agnes, während sie ihren Weg geht, anstatt voyeuristisch zuzusehen, wie ihr das Trauma widerfährt, so wie es oft in anderen Filmen der Fall ist.

“Ich glaube, dass Ehrlichkeit eine großartige Geschichte ausmacht. In diesem Fall gibt es die Möglichkeit, eine authentische Nacherzählung mitzuerleben. Es werden sowohl der Heilungsprozess als auch die Herausforderungen einer Betroffenen von sexualisierter Gewalt beleuchtet, über die nicht oft gesprochen wird.”

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Es gibt immer noch viele Hindernisse für Betroffene, nachdem diese sexualisierte Gewalt erfahren haben. Welche Empfehlungen würdest du unserem Publikum geben, Inhalte zu konsumieren, die von diesen Themen handeln?

Während die Werbematerialien, die Beschreibung und die Presseberichte zu Sorry, Baby eindeutig einen Inhaltshinweis für Betroffene enthalten („Agnes ist etwas Schreckliches widerfahren“), geben die meisten Medien den Zuschauer*innen keine Informationen im Voraus. Ich empfehle Personen, die sich in einer empfindlichen Phase ihres Heilungsprozesses befinden, sich vor dem Kinobesuch über die Inhalte zu informieren, auch wenn dies Spoiler enthalten könnte. Manchmal können wir solche Inhalte konsumieren, ohne davon beeinflusst zu werden. Aber manchmal ist es ratsam, Hilfsmittel vorzubereiten, um mit den möglichen Folgen umgehen zu können. Es kann auch hilfreich sein, den Inhalt mit einer Vertrauensperson anzuschauen oder den Film zu Hause statt im Kino zu sehen. So kann man Pausen einlegen, Snacks oder zusätzliche Decken holen oder sich an ein Haustier kuscheln.

___STEADY_PAYWALL___Was ist deiner Meinung nach wichtig, um Darsteller*innen sowie die Crew an einem Set zu unterstützen, speziell wenn Inhalte sexualisierter Gewalt dargestellt werden?

Der wichtigste Teil dieses Puzzles ist die informierte Einwilligung (Konsens). Die Realität in der Filmwelt sieht so aus, dass Crewmitglieder (manchmal aber auch Darsteller*innen) oft nicht die benötigten Informationen erhalten, um sich auf ihre Arbeit vorzubereiten und dadurch ihr Bestes zu geben. Bei einem Film wie diesem – aber auch bei jedem anderen Projekt, das ähnliche Themen behandelt – sollten die Darsteller*innen und Crewmitglieder über die Inhalte informiert werden. Dazu gehört, wie diese umgesetzt und aufgenommen werden sollen und welche Unterstützung ihnen vor, während und nach den Dreharbeiten zur Verfügung steht. Wenn ich als Mental Health Coordinator tätig bin, weiß ich, dass alle Darsteller*innen und Crewmitglieder vorab eine Inhaltsangabe sowie die entsprechenden Seiten mit dem Material erhalten haben. Alle haben die Möglichkeit, sich einzeln mit mir zu treffen oder mir elektronisch ihre individuellen Bedürfnisse oder Bedenken mitzuteilen. So sind wir gut darauf vorbereitet und können unsere beste Arbeit am Set leisten. Während des Drehs gibt es Raum, intensiven Stress oder starke Emotionen gemeinsam zu bewältigen, was zu einem reibungslosen Ablauf und keinen Verzögerungen bei der Produktion führt. Niemand muss sich schuldig fühlen, weil „störende Gefühle“ empfunden werden, die den Tagesablauf beeinflussen. Auch wenn Beteiligte eine Nachbesprechung benötigen, biete ich Raum dafür.

“Die Realität in der Filmwelt sieht so aus, dass Crewmitglieder (manchmal aber auch Darsteller*innen) oft nicht die benötigten Informationen erhalten, um sich auf ihre Arbeit vorzubereiten und dadurch ihr Bestes zu geben.”

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Sorry, Baby behandelt eine Vielzahl von Themen im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit. Was ist deiner Meinung nach entscheidend für eine ethische und sichere Darstellung dieser Themen, die einem breiteren Publikum zugänglich ist?

Evas Darstellung von Agnes’ Reise schafft eine hervorragende Balance zwischen dem Schmerz und dem Kampf, die in einer brutalen Realität begründet sind, und der Diskretion und dem Humor, die das Konsumieren der Inhalte zu einem sicheren Erlebnis machen. Evas Sichtweise auf die Darstellung des „Schrecklichen“ selbst lässt die Zuschauer*innen genau wissen, was passiert ist und später auch der Geschichte einer betroffenen Person glauben –, ohne den Moment beängstigend, gewalttätig oder unnötig zu machen. Eine Strategie, die in solchen Erzählungen oft verwendet wird. Ich hoffe, dass andere Filmemacher*innen in ähnlicher Weise kreativer werden können, indem sie Wege finden, diese Geschichten zu erzählen, ohne sie zu „Trauma-Pornos“ oder übertriebenen Darstellungen zu machen.

In einer Szene hat Agnes eine Panikattacke in ihrem Auto, wobei sie von Pete (John Carroll Lynch), einem ihr unbekannten Mann, unterstützt wird. Ich fand dies ein sehr gut umgesetztes Beispiel dafür, wie man jemanden sicher durch eine Krisensituation begleiten kann. Wie können solche Beispiele in den Medien deiner Meinung nach dazu beitragen, Dynamiken und den Unterstützungsbedarf bei psychischen Krisen besser zu verstehen?

Jede Geschichte, in der jemand eine psychische Herausforderung erlebt, Unterstützung sucht und wieder auf dem Weg zur Heilung und Ganzheitlichkeit vorankommt, ist meiner Meinung nach ein Gewinn. Es gibt eine Fülle von Inhalten, die psychische Herausforderungen stigmatisieren, Menschen mit psychischen Diagnosen als Gewalttäter*innen darstellen oder eine hoffnungslose Erzählung über die Genesung perpetuieren. Diese Geschichten sind für niemanden hilfreich.

“Jede Geschichte, in der jemand eine psychische Herausforderung erlebt, Unterstützung sucht und wieder auf dem Weg zur Heilung und Ganzheitlichkeit vorankommt, ist meiner Meinung nach ein Gewinn.”

Agnes lernt auf mutige und manchmal amüsante Weise, in einer Welt zurechtzukommen, in der schlimme Dinge passieren. Welchen Rat kannst du den Zuschauer*innen geben, um sich beim Anschauen von herausfordernden oder triggernden Inhalten zu schützen?

Ich glaube, dieser Film erzählt eine (häufig vorkommende) Geschichte auf sehr verantwortungsvolle Weise, sodass sie für alle zugänglich ist. Insbesondere aber diejenigen im Publikum berücksichtigt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Betroffene können Teile von sich selbst in Agnes wiedererkennen und Trost in ihrer Reise finden. Allerdings gibt es keine Garantie dafür, dass sich Zuschauer*innen beim Anschauen des Films nicht provoziert oder aufgewühlt fühlen. Ich empfehle daher, sich darüber klarzuwerden, worauf mensch sich einlässt, und Vorbereitungen für das zu treffen, was ihrer Meinung nach auf sie zukommen könnte. Das kann bedeuten, ein beruhigendes Stofftier mit ins Kino zu bringen, eine Tasche mit haptischem Spielzeug oder anderen Gegenständen, mit denen man sich während des Films beruhigen kann. Einen solchen Film mit einer bedeutenden Vertrauensperson anzuschauen und danach darüber zu sprechen, bietet eine gute Chance zur Heilung.

“Ich empfehle daher, sich darüber klarzuwerden, worauf mensch sich einlässt, und Vorbereitungen für das zu treffen, was ihrer Meinung nach auf sie zukommen könnte. Das kann bedeuten, ein beruhigendes Stofftier mit ins Kino zu bringen, eine Tasche mit haptischem Spielzeug oder anderen Gegenständen, mit denen man sich während des Films beruhigen kann.”

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Trotz all der schlechten Erfahrungen, die Agnes gemacht hat, gab es auch viele positive Momente für sie und die Menschen in ihrem Umfeld. Wie wichtig ist es, mehr Ressourcen in das psychische Wohlbefinden von Darsteller*innen und Crewmitgliedern zu investieren? Was würdest du Produktionsfirmen raten, um ihre Sets sicherer zu gestalten?

Es ist wirklich wichtig, einen Mental Health Coordinator zu haben, wenn es um Themen oder Darstellungen von Traumata oder anderen potenziell beunruhigenden Inhalten geht. Es ist nicht fair oder vernünftig, von Set-Sanitäter*innen, Intimitätskoordinator*innen, Produzent*innen oder anderen Fachpersonen am Set zu erwarten, dass sie über die Fähigkeiten, Kenntnisse oder Kapazitäten in Deeskalation und Co-Regulierung verfügen. Auch die Suche nach Ressourcen für zusätzliche Unterstützung während des gesamten Produktionsprozesses sollte mit einbezogen werden. Ein Mental Health Coordinator (MHC) bietet all das – und das sind völlig angemessene Unterstützungsmaßnahmen für die psychische Gesundheit und Sicherheit der Darsteller*innen und Crewmitglieder. Genauso wie wir am Set physische Sicherheitsvorkehrungen treffen, müssen wir auch für psychologische Sicherheit sorgen.

Kannst du uns weitere Beispiele für eine positive Darstellung in der Welt der Film- und Fernsehproduktion nennen?

Es mag vielleicht kontraintuitiv erscheinen, da es sich um eine Musical-Komödie handelt, aber die Serie Crazy Ex-Girlfriend bietet eine Menge Entstigmatisierung der Sprache und Handlungsstränge rund um psychische Diagnosen und Behandlungen. Die Serie The Bear leistet Unglaubliches, indem sie sich mit dem Unbehagen unbehandelter psychischer Probleme auseinandersetzt und dies mit Gemeinschaft und Fürsorge ausgleicht, was zur Resilienz beiträgt.

An der Produktion des Films waren Stunt Coordinator, Intimacy Coordinator und Mental Health Coordinator beteiligt. Wie profitieren Produktionen deiner Meinung nach von diesen Berufen und ihrer Synergie, um anspruchsvolle Themen ethisch korrekt zu veranschaulichen?

Bei Sorry, Baby durfte ich eng mit der Intimitätskoordination zusammenarbeiten, was eine wunderbare Erfahrung war. Diese sind dafür ausgebildet, in erster Linie Darsteller*innen und das Geschichtenerzählen zu unterstützen, also die Choreografie zu gestalten und dafür zu sorgen, dass die Dinge so aussehen, als würden sie wirklich passieren. Zur gleichen Zeit gibt es oft andere Darsteller*innen oder Crewmitglieder, die emotionale Reaktionen auf Inhalte oder Ereignisse in ihrem Leben zeigen (wir sind schließlich alle Menschen!). Wenn Fachleute vor Ort zusammenarbeiten, um das gesamte Team zu unterstützen, ohne zu Aufgaben außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs herangezogen zu werden, entsteht echte Magie.

“Wenn Fachleute vor Ort zusammenarbeiten, um das gesamte Team zu unterstützen, ohne zu Aufgaben außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs herangezogen zu werden, entsteht echte Magie.”

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Die Association of Mental Health Coordinators bietet neben einer Vielzahl anderer Dienstleistungen auch Schulungsprogramme an. Wie können interessierte Menschen Ihrer Community beitreten?

Ja, die Association of Mental Health Coordinators bietet das ganze Jahr über Schulungen für Menschen an, die in verschiedenen Bereichen der Produktion tätig sind, dazulernen und sich verbessern möchten. Unsere Kurse „Mental Health First Aid“ und „Core Curriculum“ vermitteln grundlegende Kenntnisse über psychologische Sicherheit und darüber, wie wir alle zu einem gesünderen Arbeitsplatz beitragen können – in jeder Stufe der Produktion. Außerdem bieten wir einmal im Jahr eine Zertifizierungsschulung für angehende Mental Health Coordinators an.

Gibt es noch etwas, das du unserem Publikum zum Thema sicheres und ethisches Geschichtenerzählen mitteilen möchtest?

Ich bin fest von der Relevanz dieser Art des Geschichtenerzählens überzeugt. Ich glaube, dass Darsteller*innen, Crew und Zuschauer*innen das Recht haben, ihrer Teilnahme oder dem Konsum dieser Geschichten zuzustimmen. Neben der Unterstützung durch einen MHC im Rahmen eines Projekts ist es auch sehr wichtig, Inhaltshinweise in der Promo und auf Callsheets zu verwenden.

Vielen Dank, Amanda. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du dir heute Zeit für dieses Gespräch genommen hast.

Sorry, Baby läuft seit dem 18. Dezember 2025 in den deutschen Kinos.

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