Berlinale 2026: Ulrike Ottinger im Fokus

Die Filmemacherin Ulrike Ottinger war bei der diesjährigen Berlinale gleich mit zwei Werken vertreten: Johanna d’Arc of Mongolia, eine Mischung aus Spiel- und ethnografischem Film aus dem Jahr 1989, sowie Die Blutgräfin, eine Vampir*innenkomödie, die auf dem Festival ihre Weltpremiere feierte.

Ottinger verfügt nicht nur über eine bemerkenswerte Filmografie, sondern ist ebenso im Theater, in der bildenden Kunst, in der Fotografie und als Schriftstellerin tätig. Als queere Künstlerin und Filmschaffende stellt sie eine bedeutende Stimme der Kunst- und Filmgeschichte dar. Viele ihrer Arbeiten hinterfragen konsequent binäre Geschlechternormen.

Deutsche Kinemathek, © Ulrike Ottinger

Johanna d’Arc of Mongolia

Während einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn begegnen sich Lady Windermere (Delphine Seyrig), die Studienrätin Frau Müller-Vohwinkel (Irm Hermann), die Broadwaysängerin Fanny Ziegfeld (Gillian Scalici) und die Rucksacktouristin Giovanna (Inés Sastre) erstmals im Speisewagen. Dort lernen sie zudem Mickey Katz (Peter Kern) sowie Offizier Alexander Boris Nikolaj Nikolajewitsch Murawjoff (Nougzar Sharia) mit seinem Adjutanten Aljoscha (Christoph Eichhorn) und die Kalinka-Schwestern (Else Nabu, Jacinta und Sevimbike Elibay) kennen.

Nach einem Abend voller Musik und Tanz wechseln die Frauen in die Transmongolische Eisenbahn. Diese wird jedoch von einer Gruppe mongolischer Reiter*innen gestoppt; die Reisegesellschaft wird von Prinzessin Ulun Iga (Xu Re Huar) und ihrem Gefolge in eine Karawane geführt. Der Weg führt ins mongolische Hinterland, wo die Protagonist*innen schließlich in Ulun Igas Nomadenclan aufgenommen werden. Ulun Iga lädt sie ein, den Sommer in der Steppe zu verbringen. Sie werden in das Alltagsgeschehen involviert, wohnen in Jurten und nehmen an Ritualen sowie traditionellen Bräuchen teil.

© Amour Fou Vienna, Amour Fou Luxembourg, Heimatfilm, Ulrike Ottinger Filmproduktion P. Domenigg

Die Blutgräfin___STEADY_PAYWALL___ 

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Blutgräfin Erzsébet Báthory (Isabelle Huppert), die an die historische ungarische Gräfin Elizabeth Báthory angelehnt ist. Nach einem langen Schlaf kehrt Erzsébet Báthory ins heutige Wien zurück und entwickelt eine ausgeprägte Vorliebe für das Blut junger Frauen. Die Rolle scheint wie maßgeschneidert für Huppert, die mit magnetischer Präsenz das Publikum in ihren Bann zieht.

Die Gräfin erfährt von einem magischen Buch, das Untote beim Lesen, sofern diese Tränen vergießen, in Sterbliche zurückverwandeln kann. Gemeinsam mit der Zofe Hermine (Birgit Minichmayr) plant sie eine Reise quer durch Wien bis nach Böhmen, um das Buch aufzuspüren und zu zerstören. Diese Reise unternimmt sie natürlich, ganz dem Stile einer Baronin entsprechend, in einer der wohl prunkvollsten gotischen Pferdekutschen, die je gesehen wurden. 

Zuvor jedoch wird ein opulenter Ball ausgerichtet, zu dem sich zahlreiche Wiener Vampir*innen versammeln. Extravagante Kostüme und ein „lebendes Blutbuffet“ verdeutlichen eindrucksvoll, dass Vampir*innen stilvoll zu feiern wissen.

Unter den Gäst*innen befindet sich der Neffe der Gräfin, Rudi Bubi von Strudel (Thomas Schubert), der sich nicht nur entschlossen hat, Vegetarier zu werden, sondern, seinem Namen entsprechend, auch eine besondere Vorliebe für Süßspeisen pflegt. Nicht auf dem Ball, aber sonst konsequent an seiner Seite steht sein Therapeut Theobald Tandem (Lars Eidinger), der Bubis klagende Schilderungen seines leidvollen Vampirdaseins nur bedingt ernst nimmt.

© Amour Fou Vienna, Amour Fou Luxembourg, Heimatfilm, Ulrike Ottinger Filmproduktion P. Domenigg

Während Ihrer Reise begegnet die Gräfin nicht ausschließlich wohlgesinnten Figuren. Zeitungen über blutentleerte Leichen machen die Runde und die Vampirforscher Theobastus Bombastus und Nepomuk Nachbiss (André Jung und Marco Lorenzini) sowie Polizeiinspektor Unglaube (Karl Markovics) mit seinem Assistenten (Felix Oitzinger) versuchen, ihre Spur aufzunehmen.

Der Film erreicht seinen Höhepunkt in einem surrealen Zusammentreffen der Figuren,  angesiedelt sowohl in einem Wiener Vergnügungspark als auch in einer antiken Grabstätte, wo Tanz und Gesang die Szenerie bestimmen. Das Drehbuch zu Die Blutgräfin entstand in Zusammenarbeit mit Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

Das Vampir*innengenre eröffnet traditionsgemäß große künstlerische Freiheiten. In diesem Fall lässt sich die Gräfin dem Typus der aristokratischen Untoten zuordnen, die scheinbar mühelos zu Reichtum gelangen und mit pompösen Auftreten alle anderen Charaktere in Nebenrollen verweisen. Eine besondere Fähigkeit der Vampir*innen in dieser Erzählung besteht darin, sich im Tageslicht frei bewegen zu können, ohne in Flammen aufzugehen.

Deutsche Kinemathek, © Ulrike Ottinger

Stilistische Parallelen und Kritikpunkte

Stellt man beide Filme nebeneinander, werden interessante Überschneidungen sichtbar, die Ottingers unverkennbaren Stil unterstreichen. Auffällig ist unter anderem, dass beide Produktionen eine französischsprachige Hauptfigur aufweisen. Sowohl Lady Windermere als auch Gräfin Erzsébet Báthory sprechen überwiegend Französisch und verständigen sich dennoch mühelos mit ihrem Umfeld. Eine Ausnahme bildet Prinzessin Ulun Iga, für die Lady Windermere als Dolmetscherin fungiert. Angesichts von Ottingers enger Verbindung zur französischen Kunstszene überrascht dies jedoch kaum.

Beide Werke zeichnen sich zudem durch eine Vielzahl exzentrischer, stark theatraler „larger than life“-Figuren aus. Nicht nur Kostüm- und Farbgestaltung machen Ottingers Filme zu visuellen Kunstwerken, sondern auch die detailreiche und vielschichtige Charakterzeichnung. Bereits die Namensgebung der Figuren in Die Blutgräfin besitzt einen eigenständigen Unterhaltungswert. Sobald eine neue Figur eingeführt wird, reagiert das Kinopublikum häufig mit lautem Gelächter.

Dennoch unterliegen manche Aspekte dieser Inszenierungen einer etwas stereotypen Denkweise. Mickey Katz kann als klischeehafte Darstellung eines queeren, übergewichtigen Mannes gelesen werden, der sich der Völlerei hingibt und trotz einer spirituellen Heilbehandlung, der er sich unterzog, keine Selbstdisziplin entwickelt. Hinzu kommt eine Szene während des musikalischen Abends, in der sich Katz dem Adjutant Aljoscha annähert, obwohl dessen Unbehagen deutlich erkennbar ist.

Ebenso ambivalent erscheint das Begehren der Blutgräfin. Sie ernährt sich bevorzugt vom Blut junger, unschuldig wirkender Frauen, etwa der Figur der Nonne. Dies könnte als Machtdynamik interpretiert werden, in der Jugend und Reinheit zugleich idealisiert und vereinnahmt werden. Andererseits eröffnet die Figur einen Raum, in dem weibliches Begehren als komplex und eigenständig erfahrbar wird. Oft werden in der klassischen Filmgeschichte aristokratische Vampir*innen häufig als lustbetonte männliche Wesen dargestellt, die sich bevorzugt von jungen „frischen“ Opfern ernähren. Daher bietet die Blutgräfin auch einen gelungenen weiblichen Gegenentwurf zu den sonst üblichen männlichen Filmcharakteren wie Graf Dracula oder Graf Orlok.

Deutsche Kinemathek, © Ulrike Ottinger

Bildwelten und Wirkung

Ottinger zeigt eine ausgeprägte Leidenschaft für das Entdecken unterschiedlicher Kulturen. Beide Filme nehmen das Publikum mit an die Schauplätze ihrer Erzählungen und ermöglichen ein intensives Eintauchen in diese Welten. Wie die Figuren sind auch die Orte visuell opulent und detailreich gestaltet. Ob in den Weiten des mongolischen Hinterlands oder in den kunstvollen Bauten der Wiener Innenstadt, Ottinger beweist ein feines Gespür dafür, die Schönheit der jeweiligen Umgebung hervorzuheben und ihre Figuren darin zu verorten.

Nach zwei Nachtvorführungen im Anschluss an lange Festivaltage wurde jedoch deutlich, dass ihre Filme am besten mit ausgeruhtem Blick gewürdigt werden sollten. Sie sind humorvoll, charmant und visuell beeindruckend, zugleich aber umfangreich, dialogreich und mitunter fordernd in ihrer Erzählweise.

Das Erlebnis lässt sich mit einem Museumsbesuch vergleichen: Die Eindrücke sind faszinierend und inspirierend, können jedoch gegen Ende aufgrund ihrer Fülle auch überwältigend wirken. Nichtsdestotrotz bleiben Ottingers Arbeiten ein Muss für Filmliebhaber*innen.

Johanna d’Arc of Mongolia lief bei den 76. Internationalen Berliner Filmfestspielen in der Retrospektive, Die Blutgräfin im Rahmen der Berlinale Special Gala.

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