Berlinale 2026: Liebhaberinnen
Der Film Liebhaberinnen ist eine tragikomische Darstellung des Lebens zweier Frauen in unserer neoliberalen, patriarchalen Gesellschaft. Knapp an der Realität vorbei erzählt Regisseurin Koxi den vermeintlichen Aufstieg von Brigitte und Paula.
Brigitte (Gitte, wie ihre Mutter sie nennt, gespielt von Johanna Wokalek) hat Schulden angehäuft, vielleicht von einem ausufernden Lebensstil in ihren Zwanzigern und Dreißigern, der ihr jetzt, in ihren Vierzigern auf die Füße fällt. Sie arbeitet als Hostess auf einer Messe für Luxusbunker, in kurzem Kleid mit tiefem Ausschnitt und der Erniedrigung, sich von Männern beim Selfie am Arsch berühren lassen zu müssen als wäre es Teil ihres Jobs. Ihre Wohnung vermietet sie unter, schläft im Umkleideraum des Fitnessstudios oder, wenn möglich, bei ihrem unmöglichen, aber reichen Liebhaber Heinz (Ben Münchow), der unter dem Scheffel seiner ebenfalls reichen Mutter steht und schlechte elektronische Musik macht.

© COIN FILM / Jakob Berger
Paula (Hannah Schiller) lebt mit ihrer Mutter in dem Dorf, aus dem Brigitte kommt. Sie ist 17, leidet unter der Dorf-Idylle und versucht online einen Ausweg aus der Ödnis zu finden. Sie verkauft getragene Socken und Badewannenwasser an Männer auf der Autobahn-Raststätte und verdient sich Geld dazu, indem sie sich online leicht bekleidet im Bett vor der Kamera zeigt. Die Zuschauenden sehen Paulas Leben aus zwei Perspektiven: In der vermeintlichen Realität und im Hochkant über ihr Online-Profil.
Die beiden kennen sich nicht, Brigittes Mutter erzählt ihr ab und an in unpersönlichen Sprachnachrichten, wie sehr Paula sie an sie erinnert. Brigitte stößt im Scrollen auf Paulas Profil und beobachtet sie im Anschluss wie im Wunsch, selbst nochmal jung sein zu können. Doch trotz der realen Distanz, die die beiden voneinander trennt, gibt diese Co-Abhängigkeit den beiden ein Gefühl der Zugehörigkeit, des gemeinsamen Leid, gefangen in den Rollenbildern der patriarchalen Gesellschaft, und des weiblichen Verständnisses füreinander.
„Heterosexueller Horror” nennt Koxi das Genre ihres Regiedebüts, das auf der diesjährigen Berlinale im Forum zu sehen ist. Einem bekannten Genre mag der Film sich nicht unterordnen, er changiert zwischen humoristischen Szenen, Bitterkeit und Zynismus, durch die die inhärente Kritik am gesellschaftlichen System und dem Zwang der Protagonistinnen, sich unterzuordnen, deutlich wird. Es wird den Zuschauenden den Großteil der Zeit schwer gemacht, Sympathie zu den Protagonistinnen aufzubauen, was sicher vor allem daran liegt, dass Brigitte und Paula selbst nicht das Leben leben, was sie sich wünschen. Freude und Zufriedenheit spielen sie, um Geld zu verdienen. „Sei nicht du selbst, sei angenehm” wird Brigitte gepredigt, um reiche Kunden auf der Messe für den Luxusbunker zu begeistern. ___STEADY_PAYWALL___

© COIN FILM / Silviu Guiman
Doch Koxi schafft es, in der Mitte der Geschichte, gerade wenn uns als Zuschauende der Zynismus zuwider wird, kleine emotionale Momente einzubauen, die es ermöglichen, uns dadurch den Protagonistinnen verbunden zu fühlen in ihrem Leid, einen Ort in der Gesellschaft zu finden, der ihnen zusteht. Brigitte wird von ihrem Liebhaber zum Abendessen ausgeführt und findet sich wieder mit seinen beiden misogynen und sexistischen Geschäftspartnern, die junge Begleitungen über einen Escort-Service gebucht haben. Im Auto auf der Rückfahrt fragt sie ihn, ob er sich wirklich die Kosten für den Escort sparen wollte. Sie bleibt oberflächlich und distanziert, aber in ihrer Äußerung scheint auch Enttäuschung und Verletzlichkeit durch. Doch anstatt ihn zu verlassen und sich einen Partner zu suchen, der sie gleichberechtigt schätzt, entscheidet Brigitte sich dafür, ihn für sein Geld auszunehmen und sich in sein kapitalistisches Leben einzufügen, von dem sie (und vor allem ihre oberflächliche Mutter) von Anfang an geträumt hat.
Solidarität findet Brigitte in ihren jungen Kolleginnen, die den Weg aus der Hostess-Hölle suchen und sich gegen ihre schreckliche Chefin verbünden wollen. Doch aus Angst, ihren Job zu verlieren, zieht sie sich zurück und kauft sich vermeintliche Solidarität und Achtsamkeit in einer Selbsthilfegruppe. Die Leiterin (Victoria Trauttmansdorff) lässt ihre Teilnehmenden auf dem Boden wälzen und stärkende Mantras wiederholen – natürlich erfolglos, aber für den Moment das augenscheinliche Mittel zum Ziel.

© COIN FILM / Silviu Guiman
Das Szenenbild von Liebhaberinnen ist unangenehm grell, hypermodern und peinlich übertrieben und die Charaktere überzeichnet und aufgesetzt. Emotionale Beziehungen lassen sich nicht finden, vor allem die Mütter der Protagonistinnen erweisen sich als Mitträgerinnen des vermeintlichen Glücks im unerreichbaren Erfolg. Darin schwebt der Wunsch, selbst etwas aus ihren misslungenen Leben zu machen. Doch trotz dieser umfassenden Bitterkeit schafft Koxi es, Momente der Hoffnung als Ausweg in ihren Film einzustreuen, die ihre Protagonistinnen nicht wahrzunehmen vermögen. Die scharfe Analyse unserer neoliberalen, patriarchalen Gesellschaft funktioniert so gut, dass es Sinn macht und weh tut und der Film in Erinnerung bleibt. Was für ein Debüt.
Liebhaberinnen war im Forum der Berlinale 2026 als Weltpremiere zu sehen.
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[…] Der Film erreicht seinen Höhepunkt in einem surrealen Zusammentreffen der Figuren, angesiedelt sowohl in einem Wiener Vergnügungspark als auch in einer antiken Grabstätte, wo Tanz und Gesang die Szenerie bestimmen. Das Drehbuch zu Die Blutgräfin entstand in Zusammenarbeit mit Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. […]