Berlinale 2026: Barbara Forever

Die Filme und Worte der lesbischen Filmemacherin Barbara Hammer (1939-2019) sind ein Geschenk, das sie den ihr folgenden Generationen überlassen hat, der Ertrag einer Künstlerin, die ihr Schaffen immer als einen Beitrag zur queeren (Kunst)Geschichte verstanden hat. Für die Dokumentation Barbara Forever kann Brydie O’Connor aus Hammers reichhaltigem, aus über neunzig Filmen bestehendem Archiv schöpfen und kreiert so einen Film, der fast ausschließlich aus Archivmaterial besteht und dadurch ganz nah bei seiner Protagonistin bleibt. Die Ausnahme stellen die zusätzlich gefilmten Szenen mit Hammers langjähriger Partnerin Florrie Burke dar, die das Archiv verwaltet und in diesen Segmenten liebevoll über ihre verstorbene Partnerin und das gemeinsame Leben reflektiert.

O’Connors Dokumentation, die auf dem diesjährigen Sundance Film Festival ihre Premiere feierte, ist die Kumulation einer über Jahre dauernden Auseinandersetzung mit Hammers Gesamtwerk: Zum ersten Mal sind O’Connor Hammers Filme während der Recherche für ihre Bachelorarbeit begegnet. O’Connors Vertrautheit mit dem Gegenstand ihres Langfilmdebüts, zeigt sich in der gekonnten Inszenierung der Filme und Narration Hammers, deren eigene, sich über die Jahre verändernde Stimme durch die Dokumentation führt. Dass in Barbara Forever Hammers Leben und Schaffen nicht linear erzählt werden, scheint gegeben, so sagt sie doch selbst „a lesbian film is not going to be a traditional story” und eine Dokumentation über sie kann dies eben auch nicht sein. Sowohl in Barbara Forever als auch im Gesamtwerk Hammers ist Queerness in Inhalt und Form zu finden, eine Herangehensweise, die Hammers Filme von Beginn an prägt: Sie beschreibt, dass mit dem Leben zu experimentieren auch immer bedeuten sollte, dass der künstlerische Ausdruck experimentell ist.___STEADY_PAYWALL___

© the Estate of Barbara Hammer

Barbara Hammers lesbisches Coming-out im Alter von dreißig Jahren ist gleichzeitig der Beginn ihrer Karriere als Filmemacherin und zeigt einmal mehr die Freiheit und Kreativität, die durch das Ausleben der eigenen Identität entstehen kann, und wie Hammers eigene queere Erfahrungen als Katalysator für ihr künstlerisches Schaffen wirken: Sie erzählt, dass den Körper einer anderen Frau zu berühren ihr Leben verändert hat und es dementsprechend gezeigt werden muss. Dass Hammers Coming-out und die damit verbundenen bedeutsamen sexuellen Erfahrungen und filmischen Verarbeitungen „erst” mit dreißig Jahren stattfinden, ist zudem eine willkommene Anti-These zu heteronormativen Narrativen, in denen vermittelt wird, dass das Leben ab dreißig langweiliger, weniger radikal und sexuell unbefriedigend wird.

Filme, die lesbisches Verlangen und Sex aus lesbischer Perspektive zeigen, sind auch heute keine Selbstverständlichkeit – in den 1970er Jahren waren Hammers vierminütiger Kurzfilm Dyketactics (1974), und die dort gezeigten nackten, sich begehrenden Körper, ein Novum. Die expliziten lesbischen Inhalte in Hammers Filmen stießen lange Zeit auf Ablehnung im Arthouse-Kino und ihr werden Ausstellungen in angesehenen Museen, wie dem MoMA verwehrt. Sie befindet sich fortwährend in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach (kommerzieller) Anerkennung als Künstlerin und den queeren Inhalten ihrer Werke. Dies änderte sich aber schließlich mit ihrem ersten Langfilm Nitrate Kisses (1992), in dem sie queere, historische Perspektiven porträtiert und der auf renommierten Filmfestivals gezeigt und mit Preisen ausgezeichnet wurde. Trotzdem bleibt Hammer ihrem künstlerischen Anspruch und ihrer Radikalität treu und widmet sich neuen Themen und Ansätzen, wie die Zusammenarbeit mit dem jüngeren Filmemacher Joey Carducci zeigt, der sein trans männliches Coming-out in einem an Hammer adressierten Film thematisiert.

© the Estate of Barbara Hammer

In Barbara Forever wird sichtbar, dass Hammers Arbeit als Filmemacherin immer auch mit ihren privaten Erfahrungen und Beziehungen verwebt ist und dass das ständige Filmen ein zentraler Teil ihrer Identität war. Sie dokumentiert viele ihrer romantischen Beziehungen, porträtiert Teile ihrer Kindheit und verarbeitet ihre Krebserkrankung bis kurz vor ihrem Tod. Hammers Filme sind der Ausdruck einer Künstlerin, die in allen Aspekten des Lebens und in ihrer lesbischen Identität zwangsläufig etwas Politisches sieht, das schafft O’Connor durch die Auswahl und die Anordnung des gezeigten Materials gelungen zu vermitteln. Die Dokumentation lässt sich als ein Beitrag zu queeren Formen des Archivierens verstehen, als ein Präservieren von queerem Leben und Kultur, abseits von institutionalisierten Archiven, in denen Emotionalität wenig Platz eingeräumt wird. Barbara Forever ehrt so eine Künstlerin, die während ihres Lebens aktiv daran gearbeitet hat, dass ihr Werk auch nach ihrem Tod zugänglich ist und ihr filmisches Vermächtnis weiterlebt.

Barbara Forever ist im Forum Special der Berlinale 2026 zu sehen und wurde mit dem 40. Teddy-Award für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

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