Berlinale 2026: The Fabulous Time Machine

TW: sexualisierte Gewalt

In dem Dokumentarfilm The Fabulous Time Machine stellt die brasilianische Filmemacherin Eliza Capai eine Gruppe Mädchen im Alter von sieben bis elf Jahren aus dem Dorf Guaribas im Bundesstaat Piauí in den Mittelpunkt. Die Gemeinde im Sertão Brasiliens ist nicht nur von Dürre betroffen, sondern auch eine der ärmsten im Land. Die Mädchengruppe im Zentrum von The Fabulous Time Machine ist Teil einer ersten Generation, der sich durch Zugang zu Schulbildung und Social Media ein Blick auf die Welt erschließt, die für Frauengenerationen vor ihnen so nicht erfahrbar war. Dies schlägt sich auch in den persönlichen Lebensentwürfen der jungen Generation nieder.

Capais fünfter Langfilm lebt von verschiedenen Erzählebenen: Interviews zwischen den Mädchen vor der Kamera und der Regisseurin dahinter (die in diesen Segmenten auch ab und an als Off-Stimme eingebunden wird); die Mädchen in Gesprächen mit ihren Müttern, die teilweise ebenfalls Interviews ähneln; die Mädchen in Alltagssituationen mit ihren Familien zu Hause oder in der Schule; die Mädchen beim gemeinsamen Spielen in den trockenen und steinigen Naturflächen Guaribas‘.

Innerhalb dieser Ebenen nehmen die (Schau-)Spielszenen eine besondere Rolle ein. Hier zeigt Capai die Mädchengruppe in Momenten, in denen sie fantasievolle Erlebnisse in Kostümen und mit allerlei Requisiten unbegrenzt kreativ (nach-)spielen. Sie schlüpfen in die Rollen ihrer Eltern, verkörpern sich gegenseitig oder sogar das Filmteam. Sie singen, tanzen, denken sich Geschichten aus und teilen über Generationen weitergetragene Familienweisheiten. In diesen Szenen nehmen die Mädchen und ihre Perspektiven auch eine aktive Rolle darin ein, wie sich die Inhalte von The Fabulous Time Machine thematisch entfalten. Die Mädchen zeigen in diesen Spielszenen, wie sie Situationen des Erwachsenenlebens, die um sie herum geschehen, durch Einfallsreichtum und Enthusiasmus für sich verständlich machen und verarbeiten. Es sind Einblicke, wie Kinder die Welt verstehen und welchen Dingen sie welche Bedeutung beimessen. 

© Carol Quintanilha

Dieser Teil von Capais Dokumentarfilm präsentiert sich als hybride Form. Die Szenen des Spielens sind im Zuge eines audiovisuellen Workshops entstanden, dessen erste gesammelte Eindrücke davon, wie Mädchen spielerisch und erfindungsreich erzählen, in The Fabulous Time Machine noch einmal aufgegriffen und neu inszeniert wurden. Hierbei handelt es sich also nicht um rein beobachtende Szenen, die Dokumentarfilme oft bestimmen, sondern speziell für Capais Film in Zusammenarbeit mit der Mädchengruppe ausgedachte Situationen. Diese gespielten Szenen, die kaum mehr vor Kreativität und Spaß strotzen könnten, dienen als verknüpfende Elemente der in Interviews angesprochenen Themen.   

Besonders eindrücklich für Zuschauende ist, wie die Mädchen mit den in von Capai geführten Interviews konfrontierten Themen mit Aufgeklärtheit und Selbstverständlichkeit umgehen. Hilfreich ist dabei sicher, dass die Regisseurin bereits in den Workshops vor Drehbeginn eine vertrauensvolle Beziehung zu den Protagonistinnen aufbauen konnte, um diese Offenheit und Unverblümtheit schließlich so einzufangen. Die Regisseurin begegnet ihnen auf Augenhöhe, zentriert Fragestellungen, die manch andere*r für zu komplex für Kinder halten würde: Capai fragt jedes der Mädchen nach ihren Ängsten, ihrer Beziehung zu und Stellung in ihrer Familie, hakt nach, was ihre Meinung zu Kirche und Glauben, Älterwerden und Tod ist. Ähnliches spiegelt sich auch in den offenen, forschen wie einfordernden Interviews, die die Mädchen selbst mit ihren Müttern führen. In diesen angespannten wie amüsanten Mutter-Tochter-Momenten suchen die Mädchen nach Antworten, z. B. darauf, warum sie hauswirtschaftliche Aufgaben wie Wäsche machen, Putzen, Kochen und das Aufpassen auf die kleinen Geschwister übernehmen müssen, während ihre nur wenig älteren Brüder abends ausgehen dürfen. Sie fragen auch genau nach, warum die Mütter sich in ihre Väter verliebt haben oder unter welchen Umständen sie geheiratet haben.___STEADY_PAYWALL___ 

Schnell wird durch Erzählungen der Mütter in diesen Momenten klar, dass Guaribas fest in der Hand patriarchaler Gewalt ist. Denn der Wunsch, den alle Mädchen im Mittelpunkt von The Fabulous Time Machine wie eine Last vor sich hertragen, ist, dass sie nicht erwachsen werden wollen, lieber für immer Kind sein möchten. Weil was auf sie ab einem fest verankerten Alter von 12 Jahren wartet – eine scheinbar von allen in der Gemeinde als solche akzeptierte, gleichzeitig aber rein arbiträre Schwelle zum Teenagerinnensein –, hat keine Gemeinsamkeiten mehr mit dem kostümierten Spielen mit Freundinnen. Zunächst erzählen Mütter von privaten Liebesgeschichten, wie sie ihren zukünftigen Ehemännern einst romantisch zugetan waren, sich verliebt haben und später mit ihnen durchgebrannt sind, um eine Familie zu gründen. 

Tatsächlich verbergen sich hinter diesen Erzählungen Realitäten um geschlechtsspezifische Gewalt, darunter Vergewaltigungen durch erwachsene Männer an Mädchen, die kaum die in Guaribas geltende Grenze zum Teenagerinnenalter überschritten hatten. Bereits im Alter von 13 bis 15 Jahren wurden diese von ihren zukünftigen Ehemännern aus der Schule genommen und ihrer Möglichkeit auf Bildung beraubt. Wenige Zeit später erwarteten sie das erste Kind und kümmerten sich um die Haushaltsführung, der Vorschlag, den Einstieg ins Berufsleben anderweitig wahrzunehmen, wurde ihnen nicht unterbreitet. Halt fanden diese Frauen in dem tiefen religiösen, autoritären Glauben, der das Zusammenleben in Guaribas deutlich bestimmt. Sie leben mit Männern, die suchterkrankt, abusiv und in ihren Rollen als Partner und Väter wenig präsent sind. Es verwundert daher auch nicht, dass Vaterfiguren nahezu vollständig abwesend sind in The Fabulous Time Machine.

© Carol Quintanilha

Nur in einer Szene richtet Capai die Kamera auf einen dieser Männer. Es ist eine verstörende Szene, die gleichzeitig auch einen Tiefpunkt des Dokumentarfilms markiert. Einerseits fällt dieser Moment durch Fragen um Consent bei der Übertragung der Rechte am eigenen Bild durch Suchterkrankte auf, und zum anderen, weil er mit den Erzählstrategien von The Fabulous Time Machine bricht: bis auf diese eine Szene wird der Rest der Doku durch und über die Mädchengruppe im Zentrum des Films erzählt. In diesem Moment entfernt sich der Dokumentarfilm aber davon, in welchem Rahmen und Umfang die Mädchen durch eigene Worte Einblicke in ihre Lebenswelten geben möchten. Im Folgenden greifen diese die von Capai eingefügten Szene mit dem Vater in einer Spielsequenz auf, um die Last des Moments für sich selbst einzuordnen und mit Humor abzufedern. Dies zeigt dann auch, dass sich Zuschauende die realen Geschehnisse in Guaribas rein durch die von der Gruppe gewählten Erzählstrategien durchaus klar vorstellen können. Die vorangehende Einbettung durch die Regisseurin hätte es daher nicht gebraucht.

Denn die Mädchengeneration in The Fabulous Time Machine scheut sich nicht, die Lebenswege, die vor ihnen Generationen von Frauen in ihren Familien gehen mussten, in Frage zu stellen. Sie wissen um das Unrecht, wenn 20-jährige Männer Minderjährige missbrauchen, erkennen den Wert von Schule und Bildung, fordern Antworten, warum Jungs nicht dieselben Aufgaben übernehmen müssen wie Mädchen. Ohne es detailliert aufzuzeigen, zieht Caipa hier eine Verbindung zwischen der Abwesenheit von Bildungsmöglichkeiten für frühere Frauen- und Mädchengenerationen und dem Aufstreben der jungen Generation, die Zugang zu kreativen Prozessen, sexueller Aufklärung und neuen Ausdrucksmöglichkeiten hat. Ihnen ist keine Scheu vor Carol Quintanilhas Kamera oder den Interviewfragen anzumerken. Die Mädchen stellen regelmäßig Gegenfragen in ihren Gesprächen mit der Regisseurin und wehren sich dagegen, dass ihnen Worte in den Mund gelegt werden. Sie Hinterfragen das Verhalten von Müttern wie Vätern, wie auch die Rollen als Babysitterin und Haushaltshilfe, in die sie in der eigenen Familie gedrängt werden. Lieber wollen sie Polizistin, Lehrerin, Schauspielerin, Anwältin oder Gerichtsmedizinerin werden. Diese Generation navigiert neue Wege im Umgang mit dem sozialen Gefüge Guaribas‘, das lange Zeit für gegeben angesehen wurde, und den prekären Lebensumständen, die die Gemeinde prägen. Zwischen diesem aufgeklärten Blick auf die Realitäten, die um sie herum herrschen, und den kreativen Spielszenen zeichnet The Fabulous Time Machine das Bild, wie eine Generation, die Bildung und Ernährungssicherheit wie auch Zugang zur weiten Welt per Social Media hat, in die Zukunft schaut. 

Erfreulich ist an The Fabulous Time Machine schließlich auch, dass Capai sich nicht im Betroffenheitskino des Poverty Porn ergeht. Zuschauende erfahren erst durch Texttafeln im Abspann, dass Guariba einst eine Analplabet*innen-Rate von 59% hatte. Ebenso wird an dieser Stelle erklärt, dass Anfang der 2000er die Gemeinde zum Pilotprojekt des staatlichen Sozialhilfeprogramms Bolsa Família wurde. Nur am Rande bekommen Zuschauende mit, dass es nicht immer fließend Wasser gibt. Außer Social Media und Spielen mit Freundinnen gibt es nicht viel, um sich die Zeit außerhalb von Zuhause und Schule zu vertreiben. Die Regisseurin positioniert das Gezeigte in ihrem Film als Positivbeispiele der Resultate, die durch Bolsa Família entstanden sind. Zumindest in den von Capai in The Fabulous Time Machine zentrierten Lebensräumen der jungen Generationen. Ob diese monetären Hilfen auch in anderen Bereichen, wie Suchterkrangungn oder patriarchale körperliche und religiöse Gewalt, greifen und Prozesse der Veränderung einleiten (oder gar das Gegenteil der Fall ist), spart ihr Dokumentarfilm aber aus.

The Fabulous Time Machine ist bei der Berlinale 2026 zu sehen.

Sabrina Vetter
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