Berlinale 2026: Meine Frau weint – Kurzkritik
Weniger als nichts muss stattfinden, damit etwas in mehrfachen Teilen zerbricht. Jene Brüchigkeit gehört zum Wesentlichen, gehorcht der Beliebigkeit des auf dieser Welt stattfindenden Lebens. Man versucht, etwas, ein Gefühl, einen Moment zu erfassen, es in den Händen zu halten, und dann ist dieses Ding, dieses Gefühl, dieser Gedanke plötzlich vollkommen verschwunden. Dieses eine Wort, verloren, gemalt im Gedächtnis mit immer verblassenden Farben.

© Blue Monticola Film
So wie diese Zustände entstehen, so laufen sie davon. Meine Frau Weint, der neueste Film von Angela Schanelec, der am Dienstag Premiere bei der Berlinale feierte, zeichnet die resonante Katastrophe einer Beziehungsverflechtung in wenigen Tagen nach. Carla (Agathe Bonitzer) und Thomas (Vladimir Vulević), ein Paar in Berlin, und ihre Freund*innen, sprechen, lassen die Worte durch sich hindurchfließen. Jedes Thema ist größer als sie selbst. Klangkörper artikulieren ihre Sprache so geschickt wie die sorgfältigsten Melodien, die auf einer Partitur notiert und von Instrumenten und Stimmen interpretiert werden, die dieser Reihe gegenwärtiger Momente ihr volles Gewicht, ihre volle Liebe verleihen.___STEADY_PAYWALL___
Des Films Grammatik des Erlaubens umreißt jede Interaktion an und für sich, als wäre sie die erste und letzte zugleich, weswegen die Gegenwärtigkeit der jeweiligen Einstellung eine präzise, empirische und gelebte Bedeutung erhält, die sich nach Kontext und Zuschauendem entwickelt und verändert. Carla und Thomas haben Zeit und Raum, um zu sprechen, und zwar nicht nur voreinander, sondern auch vor Freund*innen und Fremden, vor der Natur und der Stadt. Die Menschen warten, schauen und hören aufmerksam zu. Eine solche figurative Strategie des Zuschauens und Zuhörens, des Zeug*innenseins, legt den Schwerpunkt auf die handelnden Figuren, jedoch auch auf den Geist der Perspektive. Diese Strategien werden nicht intensiviert, sondern vielmehr fein abgestimmt, um die richtige Distanz zu den Worten und dem Paar zu finden. Der Explosionsradius der Beziehung wird geduldig betrachtet. Schanelec interpretiert ihre Themen, verleiht ihnen Gerechtigkeit und Anmut, fernab von direkter Widerspiegelung, und versetzt sie in die Körperlichkeit der Gegenwart.

© Blue Monticola Film
Schanelecs Mithalten mit dem Prozess der Befragung, des Ausdrucks, der weichen, weil körperlichen und flüchtigen Sätze, transformiert die oft leicht spürbare, dennoch oft negierte Entropie des Lebens in Kristallen, in kinematographische Momente vermittelter Unmittelbarkeit. Wenn die Mittel des Kinos in ihrer ganzen Breite zur Geltung kommen, wenn Bilder und Klänge ausgeatmet werden bis zu jenem letzten Hauch, wenn diese Finesse tatsächlich verfeinert wird, dann ist das Auftauchen probender Bands und erklingender Lieder weniger auf den filmischen Schnitt als Träger ihres emotionalen Gewichts angewiesen. Die feinjustierten Ohren und Augen erzeugen vielmehr ihren eigenen einzigartigen Schnitt, den Schnitt des Reale. Dieser durchquert Zeit und Raum, um jenseits, mit und durch Sprache, das Flüchtigste von allem auszudrücken: diesen vorübergehenden Augenblick.
Meine Frau weint war im Wettbewerb der Berlinale 2026 zu sehen.
Dieser Text ist zuerst als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.
Gast-Löw*in:
Giancarlo M. Sandoval ist Teil der Berliner “Neurodiverse Gemeinschaft” und hat „Nowhen“ eine Platform für das Schreiben über Film mitbegründet. Sier kommt aus Peru und lebt in Berlin, wo sier verzweifelt versucht, alle Kinos zu besuchen, um Filme zu schauen und darüber zu schreiben.




