Berlinale 2026: Yo (Love is a Rebellious Bird)
Der Dokumentarfilm Yo (Love is a Rebellious Bird) von Anna Fitch und Banker White erzählt eine zutiefst persönliche Geschichte über Freund*innenschaft, Erinnerung und weibliche Selbstermächtigung. Im Mittelpunkt des Films steht Yos Lebensgeschichte, die in einer besonderen filmischen Form neu interpretiert wird. Auf diese Weise entsteht ein Rahmen, der Fitch die Möglichkeit gibt, die Stimme ihrer Freundin Yo über deren Tod hinaus weiterklingen zu lassen. Fitch und White definieren sich nicht nur als kreatives Team, sondern auch als Familie – ein Paar mit zwei gemeinsamen Kindern – in der Fitchs enge Freundin Yo eine zentrale Rolle einnimmt.
Als sich die beiden Frauen zum ersten Mal begegneten, war Yo 73 Jahre alt, Fitch 24. Trotz dieses großen Altersunterschieds entwickelte sich eine intensive und liebevolle Freund*innenschaft zwischen ihnen. Der Film begreift diese Verbindung als bewusste Wahlverwandtschaft und zeigt die Stärke und den Halt, die eine solche Beziehung geben kann. Immer wieder spricht Fitch darüber, wie prägend diese Freund*innenschaft für sie war und wie schwer es ihr fiel, Yos Tod zu akzeptieren.___STEADY_PAYWALL___

© Mirabel Pictures
Nach Yos Tod baute Fitch ein detailreiches Modell von Yos Haus im Maßstab 1:3. Es ist groß genug, dass Fitch durch die Tür hindurchschlüpfen kann; zugleich lebt darin eine Puppe, die Yo nachempfunden ist. Dieses Miniaturhaus wird zu einem Erinnerungsraum für Fitch und ihre Familie, in dem die Beziehung zu Yo kreativ verarbeitet wird.
Yo, 1924 in der Schweiz geboren, führte ein selbstbestimmtes Leben und widersetzte sich gesellschaftlichen Normen in Bezug auf Sexualität, Mutterschaft und Alter. Sie erzählte Geschichten aus verschiedenen Phasen ihres Lebens und berichtete von Momenten des Widerstands. So schilderte sie etwa, wie sie im Beichtstuhl einem Pfarrer ein entschiedenes „Fuck off“ entgegnete, oder von einem LSD-Trip, den sie als erleuchtende Nahtoderfahrung beschrieb. Gleichzeitig sprach sie offen über Mutterschaft, ihre Kinder, Liebesbeziehungen und mögliche Reue. Der Film zeichnet sie nicht als makellose Ikone, sondern als widersprüchliche, leidenschaftliche Frau, die unbeirrt ihren eigenen Weg ging.

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Fitch und White schöpfen reichhaltig aus dem Repertoire der bildenden Kunst, um Erinnerung als etwas Fragmentarisches und zugleich Lebendiges erfahrbar zu machen. In der Erzählung wechselt der Film zwischen Interviews mit Yo und künstlerischen Nahaufnahmen von Puppen, Insekten, Collagen und Fotografien. Die Zuschauer*innen begegnet Yo in unterschiedlichen Momenten des Prozesses, manche Szenen sind sehr intim, wie etwa im Krankenhausbett oder in der Badewanne, was Yos kompromisslosen Charakter unterstreicht.
Diese Verbindung von dokumentarischen Elementen und künstlerischer Vorstellungskraft überschreitet eine objektive Biografie und macht deutlich, dass die Geschichte einer bemerkenswerten Frau vielstimmig erzählt werden kann. Fitch zeigt, dass Erinnerung und künstlerische Praxis Räume schaffen können, in denen Menschen über Generationen hinweg miteinander verbunden bleiben.
Yo (Love is a Rebellious Bird) war Teil des Wettbewerbs der 76. Berliner Filmfestspiele.
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