Berlinale 2026: Wax & Gold

Im Hilton Hotel in Addis Abeba begibt sich Ruth Beckermann in ihrem Dokumentarfilm Wax & Gold auf die komplexe Suche nach der Vergangenheit und Gegenwart Äthiopiens, ausgehend von der Amtszeit des ehemaligen Kaisers Haile Selassie. Der Großteil des Films findet im Hotel selbst statt, in gekonnten Gesprächen mit Angestellten und Gästen aus aller Welt. Das Hotel wurde in den 60er Jahren von Haile Selassie eröffnet und wurde zum Symbol der Zukunftsvorstellungen Äthiopiens und der afrikanischen Union.

Der Titel des Films Wax & Gold spielt auf ein literarisches Stilmittel an, das die äthiopische kulturelle Identität und Belletristik geprägt hat. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Goldschmiedekunst. Aus Wachs wird ein Tonabguss hergestellt und im Anschluss das Wachs entfernt und das geschmolzene Gold gegossen. In der Metapher steht das Wachs für die offensichtliche Bedeutung, während die tiefere, komplexere Bedeutung erst im Anschluss zum Vorschein kommt.___STEADY_PAYWALL___

© Ruth Beckermann Filmproduktion

Wie der Titel andeutet, ist Ruth Beckermanns Film über Äthiopien und den afrikanischen Kontinent vielschichtig und mehrdeutig, die Interviewteilnehmenden kommen aus unterschiedlichen Ecken der Welt und blicken auf die Geschichte und Gegenwart Äthiopiens auch in einem globalen Kontext kritisch und liebevoll. Journalist*innen, Künstler*innen und Mitarbeitende des Hotels kommen zu Wort. Ähnlich wie in Mati Diops Dokumentarfilm Dahomey begleitet die Kamera Gesprächsrunden mit Studierenden, in denen diese Äthiopiens Gegenwart und Zukunft in Bezug zur Verarbeitung der südafrikanischen Apartheidsgeschichte und der globalen Machtverteilung einordnen. 

Äthiopien, das als einziges Land Afrikas nie kolonialisiert wurde, war unter Haile Selassie 1963 ein treibendes Gründungsmitglied der Organisation für Afrikanische Einheit, die 2002 in die Afrikanische Union überging. Damit wurden Addis Abeba und auch das Hilton Hotel zu einem wichtigen Zentrum afrikanischer Politik und stand symbolisch für den Aufschwung der Moderne Afrikas. Diese Vergangenheit scheint man im Film auch heute noch im Hotel zu spüren. Der völkerrechtswidrige Eroberungskrieg Italiens in Äthiopien wird thematisiert und schürt Hoffnung, dass Wax & Gold auch in Italien gezeigt wird und eine weitere Beschäftigung mit den Geschehnissen anstoßen kann. 

© Ruth Beckermann Filmproduktion

Ruth Beckermann wird ihrem Anspruch gerecht, einen vielfältigen Blick auf Äthiopien, Haile Selassie als beliebten und umstrittenen Kaiser und Macht als Konstrukt zu werfen. Die Vielschichtigkeit ihres Films macht es den Zuschauenden nicht immer leicht, den historischen Kontext des Films einzuordnen, und zeigt die Komplexität des Themas. Dass der Direktor des Hotels ein Deutscher ist, der von dem Aufbau der Afrikanischen Einheit als gemeinsame Leistung spricht, stößt auf, wird aber weder ausgespart noch eingeordnet. 

Trotz des Widerspruchs, als österreichische Filmemacherin ohne konkreten Bezug zu Äthiopiens Geschichte einen Film über Äthiopien zu machen, schafft Beckermann es, ihre Position als Besucherin und Beobachterin nie zu vergessen und ihren Interviewteilnehmenden einen angemessenen Rahmen zu geben. Der Film ordnet globales Geschehen ein, ohne seine Perspektive zu vergessen oder zu bewerten. 

Wax & Gold feierte am 15. Februar 2026 in der Sektion Berlinale Special Presentation Premiere.