Wer weiß schon, was ein Leben ist? – Annelie Boroș und Vera Brückner im Interview
Annelie Boroș und Vera Brückner haben in Co-Regie einen hybriden Dokumentarfilm Wer weiß schon, was ein Leben ist? über Paula Modersohn-Becker gedreht und Fragen nach der Identität einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts auf die Leinwand gebracht. Zum 150. Geburtstag der Künstlerin erscheint der Film diese Woche im Kino. Filmlöwin Lea hat mit den beiden über ihren Film und die Arbeit in gemeinsamer Regie gesprochen.
Lea Lünenborg: Ihr habt den Film in Co-Regie zu verantworten. Das ist ein seltenes Phänomen. Wie habt ihr zueinander und zu diesem Thema gefunden?
Annelie Boroș: Die Anfrage, einen Film über Paula Modersohn-Becker zu machen, kam damals von der Produktionsfirma Kinescope Film zu mir. Ich habe mit ihnen schon bei meinem Abschlussfilm zusammengearbeitet. Ich kam gerade aus der letzten Produktion und war noch völlig ausgebrannt. Also habe ich Vera gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, den Film gemeinsam zu machen.
Vera Brückner: Annelie und ich kennen uns aus dem Studium an der Filmhochschule in München. Da gibt es die verpflichtende Übung, einen Film in Co-Regie zu machen. Wir hatten beide unseren ersten Film abgeschlossen und hatten sehr unterschiedliche künstlerische Richtungen. In der Übung haben wir unseren ersten Film miteinander gemacht und daraus entstand dann die Tradition, uns wechselseitig in Filmprojekten zu unterstützen oder gemeinsam Co-Regie zu machen.

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Annelie Boroș: Der Film kam 2015 raus, wir hatten also letztes Jahr unser zehnjähriges Jubiläum.
___STEADY_PAYWALL___Vera Brückner: Und ich kann von meiner Seite aus sagen: Ich hatte nach dieser ersten Erfahrung immer Lust, Filme in Co-Regie zu machen. Ein Filmprojekt ist einfach wahnsinnig viel Arbeit und ich hatte immer das Gefühl, dass die Diskussionen, die wir kreativ miteinander führen und die Auseinandersetzung, die wir haben, dem Film helfen, besser zu werden. Gemeinsam hinterfragen wir mehr als alleine und das war auch bei diesem Projekt so. Natürlich ist es nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen. Wir müssen Dinge miteinander verhandeln, fragen uns immer wieder gemeinsam: Was ist das Beste für den Film? Das hat sehr viel Spaß gemacht und wir sind sehr respektvoll miteinander umgegangen.
Annelie Boroș: Es ist eine total tolle Eigenschaft von Co-Regie, dass man sich wirklich extrem viel Last abnimmt. Regieführen ist die volle Verantwortung für jede Entscheidung. Es gibt diese Idee des „Regie-Genie“, das alles weiß und auf jede Frage eine Antwort hat. Wir können damit als Co-Regie brechen und können die Antworten gemeinsam unter uns finden. Wir nehmen uns Arbeit ab und unterstützen uns gegenseitig, gleichzeitig entschleunigt das gemeinsame Regieführen. Wir besprechen uns, bevor wir eine Entscheidung treffen und nach außen tragen.
Lea Lünenborg: Das klingt nach einer sehr feministischen Art, Film zu machen, im Gegensatz zu dem häufig männlichen vermeintlichen „Regie-Genie“. Wie habt ihr euch die Arbeit rein technisch aufgeteilt?
Vera Brückner: Bei der Zusammenstellung der Crew sind uns viele FLINTA* begegnet, die gesagt haben: Super, Co-Regie, wir arbeiten auch immer zu zweit als Head of Department. Trotzdem gibt es leider die Tendenz, dass beide Teile nicht fünfzig Prozent der Arbeit machen, sondern eigentlich zweihundert Prozent geben, aber nur fünfzig Prozent der Gage bekommen. Wir mussten manchmal dafür kämpfen, dass wir beide wirklich an allen Drehtagen am Set sein können.

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Annelie Boroș: Wir haben für jede Szene sozusagen eine Head of Regie bestimmt, dann war die jeweils andere von uns beiden die Regieassistenz. Im Nachhinein war das eine zu große Aufgabe, weil das eine sehr technische, organisatorische Rolle und der Switch dazwischen nicht so einfach ist, auch für das Team und den Cast. Das würden wir beim nächsten Mal anders machen.
Lea Lünenborg: Euer Film ist eine Collage aus vielen unterschiedlichen kreativen Ideen und vielen unterschiedlichen Zugängen zu der Person Paula Modersohn-Becker. Spiegelt das eure gemeinsame Reise auf der Suche nach der Künstlerin wider?
Annelie Boroș: Wir haben das Projekt eigentlich zu fünft gestartet, Anja Salomonowitz, die das Drehbuch als Autorin geschrieben hat, Vera und ich als Regie, Kirsten Lukaczik als Produzentin und Lara Dittmers als Producerin. Wir haben alle wahnsinnig viel recherchiert, geredet und uns ausgetauscht. Jede hat verschiedene Sachen gelesen und reingebracht und hatte ihren eigenen Fokus. So kam auch der Titel von Anja Salomonowitz zustande: Wer weiß schon, was ein Leben ist?
Vera Brückner: Allein im musealen Kreis in Bremen sind sich die verschiedenen Museen nicht alle einig über das Leben der Paula Modersohn-Becker. Jeder hat einen eigenen Blick: „So war sie, oder so, so muss sie gewesen sein“. Wir haben uns wahnsinnig viele Fragen gestellt und wollten eine Form wählen, die diese Fragen zulässt und eben nicht Dinge pauschal beantwortet, sondern verschiedene Möglichkeitsräume von Paula Modersohn-Becker aufmacht. Die Produktion hatte in der Ursprungsfassung die Idee, dass die Regie sich im Film auf die Suche nach Paula Modersohn-Becker begibt. Im Laufe der gemeinsamen Drehbuchentwicklung wurde daraus die schließliche Version, dass eine Filmschauspielerin, gespielt von Katharina Stark, sich in ihrer Recherche auf die Spuren der Künstlerin begibt.

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Annelie Boroș: Diese Erlaubnis nach offenen Fragen hat auch dazu geführt, dass wir versucht haben, Entscheidungen in die Hände der Departments zu geben. Wir wollten dem Film einen kollektiven Charakter verleihen, den Raum für eine gemeinsame Suche schaffen.
Vera Brückner: Ein wichtiger Aspekt für uns dabei war, dass wir einen Film über eine Künstlerin machen. Daher wollten wir nochmal mehr als üblich, dass alle Gewerke ihre eigene Vorstellung von Kunst ausleben dürfen. Dass die Animationen zum Beispiel genau diesen Style und Vibe haben, macht die Arbeit von Franziska Unger aus, die die Animation zu verantworten hat. Es passt zu Paula Modersohn-Becker: Vielleicht stößt es im ersten Moment auf, es ist überraschend und ungewohnt. Genau wie mit der Kunst von Paula Modersohn-Becker müssen sich die Zuschauenden damit auseinandersetzen.
Annelie Boroș: Auch das Abgeben der Verantwortung an unsere Head of Department fiel uns als Co-Regie leichter. Ich fand es total entlastend, emotional. Natürlich hat es auch manchmal zu längeren Diskussionen zwischen uns geführt. Da waren gerade Janne Ebel als Kamerafrau und auch Nina Ergang als Editorin, die beide am engsten mit uns gearbeitet haben, sehr geduldig mit uns. Das lag auch daran, dass beide unsere Zusammenarbeit als Co-Regie geschätzt haben.

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Lea Lünenborg: Ihr geht sehr bewusst damit um, dass es viele Erzählweisen des Lebens der Paula Modersohn-Becker gibt. Unter anderem thematisiert ihr das viel diskutierte Gerücht, dass Paula Modersohn-Becker und Rainer Maria Rilke miteinander geschlafen haben, löst es nicht auf, aber deutet eine Interpretation an. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Annelie Boroș: Auf eine Art hatten wir Lust, mit dem Gerücht zu spielen. Am Ende weiß heute keiner mehr, was genau damals zwischen den beiden passiert ist. Wir haben uns auch gefragt, ob wir damit zu sehr weg von Ihrem Leben als Künstlerin und ihrem Werk kommen und gleichzeitig wollten wir auch einen emotionalen Kinofilm machen. Wie können wir Dramatik in den Film einbauen? Wir beide mögen Filme, die berühren, die die Zuschauenden emotional mitreißen und Humor haben.
Vera Brückner: Die Frage, wie ein Film über eine verstorbene Person erzählt und Wahrheiten über vergangenes Leben erzählt werden können, ist schwierig und spannend. Ein Biografiefilm kann keinen Anspruch auf Wahrheit haben und damit sind wir teilweise sehr spielerisch umgegangen. Vor allem ab dem zweiten Drittel fangen Vergangenheit und Gegenwart an, sich zu vermischen. Das macht den Zuschauenden besonders viel Spaß.
Lea Lünenborg: Paula Modersohn-Becker steht wie kaum eine andere Künstlerin dafür, ihren eigenen Weg gegangen zu sein, trotz Vorurteilen gegenüber Frauen und gesellschaftlichen Erwartungen. Das machte ihr Leben mitunter hart und einsam. Wie sehr hattet ihr das Gefühl, dass ihr auch einen Film über euch als Künstlerinnen erzählt oder über Künstlerinnen generell?

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Vera Brückner: Bei der Recherche war das Thema sehr aktuell. Es hat sich angefühlt, als machen wir einen Film darüber, wie es ist, heute eine Künstlerin oder auch eine Filmemacherin zu sein. Für den Kinofilm war es uns eine Ebene zu viel, immer wieder aufs Heute zu referieren. Es findet sich trotzdem in der Darstellung der Schauspieler*innen wieder, gleichzeitig liegt die Referenz für die Zuschauenden ohnehin nahe. Es gibt eine weitere Schnittversion für Arte, die weniger fiktional ist. In dieser Fassung spielt die politische Ebene eine größere Bedeutung, dabei wird auch die Situation für Künstlerinnen heute stärker behandelt.
Annelie Boroș: Abschließend möchte ich noch sagen: Es ist total wichtig, mehr Budgets für die Arbeit an Filmen in Co-Regie zu haben. Noch ist es eine totale Traumvorstellung, sich die Gage nicht teilen zu müssen, wenn man die Regie gemeinsam macht. Es ist eine tolle Art der Zusammenarbeit. Außerdem sind in Regiepositionen insgesamt immer noch nur 30 Prozent Frauen vertreten und wir wünschen uns alle, dass sich das verbessert.
Vielen Dank für das Interview!
Wer weiß schon, was ein Leben ist? läuft seit dem 3. September im Kino.
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