Lesestoff: Das Begehren der Anderen

Filme und Serien sind nicht divers genug. Das sollte zumindest für Leser*innen dieses Magazins keine Neuigkeit sein. Was wir auf Leinwänden und Bildschirmen sehen, spiegelt in der Regel nicht die Vielfalt unserer Gesellschaft ab. Doch es geht lange nicht nur um eine zahlenmäßige Repräsentation, sondern vor allem um das wie”. Mit Das Begehren der Anderen: Diversität im Storytelling – ein Praxishandbuch haben Letícia Milano und Johanna Faltinat vom Büro für vielfältiges Erzählen jetzt nicht nur ein Konzept, sondern gar eine Anleitung für diverses und sensibles filmisches und serielles Erzählen vorgelegt.

Diversität verstehen, Empathie entwickeln

Das Begehren der Anderen richtet sich als Fachbuch in erster Linie an Menschen, die sich beruflich mit Film- und Fernsehdramaturgie beschäftigen oder diese vermitteln. Die Kenntnisse zentraler Fachbegriffe wie beispielsweise offene” und geschlossene Dramaturgie” setzen die Autor*innen voraus. Nicht jedoch Vorwissen bezüglich Diversität und ihrer Dimensionen: Diesem widmen sie in ihrem Buch fast 50 Seiten. Das ist nicht nur immens bereichernd für Filmschaffende, die sich der Thematik erstmals annehmen, sondern auch über diese Berufsgruppe hinaus eine außerordentlich umfassende und erhellende Zusammenfassung verschiedener Aspekte. Denn Milano und Faltinat geht es beim Thema Diversität verstehen” (Kapitel 2) längst nicht nur um die Abgrenzung sozialer Kategorien. Ihr Schwerpunkt sowohl der Vermittlung von Diversität als auch der vorgestellten dramaturgischen Strategien liegt auf der Schließung der sogenannten Empathielücke”.___STEADY_PAYWALL___

Was uns als Gesellschaft fehlt, ist Empathie für Menschen mit anderen Lebensrealitäten als den unsrigen. Kongruente Erzählungen”, die Letícia Milano und Johanna Faltinat in ihrem Buch ausführlich definieren, haben das Potenzial, diese Empathielücke zu schließen. Aber Filmschaffende sind zunächst auch herausgefordert, das Erleben von (anderen) marginalisierten Personen zu verstehen, ihre emotionalen Reaktionen, Strategien des Selbstschutzes und vor allem ihr Begehren, nicht diskriminiert zu werden. Hierzu gehört eine Auseinandersetzung mit der eigenen gesellschaftlichen Positionierung, Privilegien und Diskriminierungserfahrungen. Das Begehren der Anderen bietet hier wertvolle Anregungen und auch konkrete Fragen für diesen der kreativen Arbeit vorgelagerten Reflexionsprozess. 

Marginalisierte Lebenswelten erzählen

Johanna Faltinat und Letícia Milano © Jelene Ilic

Im fünften und letzten Kapitel widmen sich die Autor*innen schließlich dem von ihnen entwickelten Konzept Das Begehren der Anderen”. Hier geht es darum, glaubwürdige, komplexe und wahrhaftige Hauptfiguren mit Marginalisierungserfahrungen zu entwerfen und eben jene Marginalisierungserfahrungen kongruent in den Hauptplot des Films oder der Serie zu verweben. Milano und Faltinat betonen in ihrem Buch immer wieder, dass Gewalterfahrungen durch Diskriminierung zwar unbedingt Teil der Erzählung sein müssen, sie diese aber nicht in einer Form dominieren dürfen, dass Figuren darauf reduziert würden. Ihre detaillierten Ausführungen zu verschiedenen Formen des Begehrens, nicht diskriminiert zu werden, und wie Settings und Handlungsverläufe hiermit kongruent in Einklang gebracht werden können, stellen einen praxisnahen Leitfaden für die Stoffentwicklung dar. Schließlich endet das Buch mit Anwendungsbeispielen aus Film und Fernsehen zur Veranschaulichung der Theorie.

Das Begehren der Anderen ist keine seichte Lektüre, sondern durch Informationsdichte und Theorie durchaus anspruchsvoll. Es handelt sich eben um ein Fachbuch und keine populärwissenschaftliche Abhandlung für die breite Masse. Gleichzeitig ist das Buch getragen von einer wohlwollenden Haltung gegenüber der Leser*innenschaft: Die authentische Motivation, Filmschaffenden etwas in die Hand zu geben, um Berührungsängste mit Diversitätsdiskursen abzubauen und die eigene Kreativität in neue Bahnen zu lenken, ist stets spürbar. Das Begehren der Anderen ist zwar in gewisser Weise ein Lehrbuch, aber es ist nicht belehrend. Es ist eine Einladung zu Diversität und Empathie.

Das Begehren der Anderen ist bei Springer Fachmedien erschienen und auch als Ebook erhältlich.

Sophie Charlotte Rieger
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