FFHH 2026: What Lies Between Us

CN: Dieser Text thematisierte sexualisierte Gewalt.

Anne Sophie (Sidse Babett Knudsen), genannt Anso, und Sarah (Sofie Gråbøl) sind beste Freundinnen. Ihre Söhne sind zusammen aufgewachsen, gehen inzwischen auf dieselbe Schule in die sechste bzw. siebte Klasse. Auch wenn Oskar (August Mjelva-Aaen) und Frederik (Viktor Garrison) sich auseinander entwickelt haben – Oskar mit einer Leidenschaft für Lego, Frederik für Tennis – verbindet die Familien immer noch ein enges Band vieler gemeinsamer Jahre. Bis Oskar den älteren Frederik sowie einen weiteren Mitschüler, NC (Julian Brix), eines sexuellen Übergriffs beschuldigt. 

© Henrik Ohsten_Zentropa

In What Lies Between Us erzählt Regisseurin Amalie Næsby Fick eine Geschichte über sexualisierte Gewalt aus der Perspektive der Mutter des vermeintlichen Täters. Noch auf dem Schulfest hat Anso NCs Mutter Ulrikke vor dem aggressiv flirtenden Schulleiter beschützt, doch wenn es um ihren eigenen Sohn geht, tritt der feministische Grundsatz der Opferloyalität hinter ihrem Beschützerinneninstinkt zurück. Frederik kann nicht der Täter sein. Und so gibt Anso alles, um den Verdacht, irgendwann auch wider besseren Wissens, auf andere zu schieben, Oskars Aussage strategisch zu delegitimieren oder die Aufmerksamkeit auf den rebellischen NC zu lenken. Doch irgendwann muss sich die Löwenmutter die quälende Frage stellen, wessen Interessen sie damit eigentlich verfolgt – die ihres Sohnes oder doch etwa die eigenen?

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Bedauerlicherweise erliegt Amalie Næsby Fick der Versuchung, ihre Geschichte mehrheitlich auf die Wahrheitsfindung zu konzentrieren und dabei immer wieder auf „objektive“ Beweise wie Handyvideos oder Fotografien zurückzugreifen, anstatt den Aussagen Betroffener das notwendige Gewicht zu verleihen. Statt tiefer in Ansos Psyche und ihren inneren Konflikt einzutauchen, wie beispielsweise Lynne Ramsay in We Need To Talk About Kevin mit der Mutter eines Attentäters verfährt, erzählt Næsby Fick ihre Geschichte eher entlang einer kriminalistischen Dramaturgie, die eine Auflösung verspricht und einhält. Hierdurch erhalten die Figuren die Bühne, zahlreiche Rape Culture-Mythen aufzuführen, wie beispielsweise eine wiederholte Betonung der furchtbaren Konsequenzen für die der sexualisierten Gewalt beschuldigten Jungen, während die betroffene Figur, Oskar, in What Lies Between Us weitgehend unsichtbar bleibt.___STEADY_PAYWALL___

© Henrik Ohsten_Zentropa

Allein die Perspektive ist valide: Filme dürfen und sollen untersuchen, wie Menschen zu Täter*innen werden, wie Jungen und junge Männer durch ihre Sozialisation in Verhaltensnormen hineinwachsen, die Grenzüberschreitungen beinhalten. Und Filme dürfen und sollen die Frage stellen, wie wir als Eltern mit eben jenen Jungen und jungen Männern umgehen, um sie vor sich selbst zu schützen und wieder in ein respektvolles gesellschaftliches Miteinander zu integrieren. Doch beides gelingt Amalie Næsby Fick nur im Ansatz. Es fehlt die konsequente Veranschaulichung einer Vergewaltigungskultur als Nährboden sowie von Sexismus und Misogynie als Sprungbrett in sexualisierte Gewalttaten. Dazu kommt, dass zwar aus der Abwesenheit der Väter in dieser Geschichte durchaus eine Botschaft abgeleitet werden kann, die Verantwortung für die betroffenen und gewaltausübenden Söhne jedoch kommentarlos und selbstverständlich bei den Müttern verbleibt. 

Da wäre mehr drin gewesen.

What Lies Between Us läuft beim Filmfestival Hamburg.

Sophie Charlotte Rieger
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