FFHH 2026: The World of Love

CN: Dieser Text thematisiert sexualisierte Gewalt.

Mit ihrem Film The World of Love wirft die südkoreanische Regisseurin Yoon Ga-eun einen gleichsam herausfordernden wie auch sensiblen Blick auf das Überleben von sexualisierter Gewalt. Im Zentrum steht die Schülerin Jooin, die im Zuge einer Petition zum Thema sexualisierte Gewalt zunächst mit einem Mitschüler aneinander gerät und sich schließlich selbst als Betroffene offenbart. Wie verändert dieses Aussprechen der eigenen Geschichte die Begegnung mit Mitschüler*innen, ihrer Familie und auch sich selbst? 

© Barunson E&A

Yoon Ga-eun nimmt sich zu Beginn ihres Films sehr viel Zeit, um Hauptfigur Jooin einzuführen. Als Publikum dürfen wir sie zunächst als Menschen kennenlernen, bevor wir sie als Überlebende sexualisierter Gewalt betrachten und unseren eigenen Umgang mit der Thematik suchen. Das erleichtert nicht nur den empathischen Zugang zur Hauptfigur, sondern auch zu den unterschiedlichen Reaktionen von Jooins Umfeld, das sich zum Teil hintergangen oder auch hilflos fühlt. In dieser gemeinsamen Suche werden wir auf unsere eigene Sprachlosigkeit zurückgeworfen, die in starkem Kontrast mit der unangenehm bekannten Geschichte steckt: Vielfach gesehen, zu oft gesehen vielleicht, direkt oder indirekt erlebt und doch voller Zweifel, wie wir uns verhalten, was wir sagen würden und wie eine „richtige“ Reaktion aussähe.

Ohne Antworten zu liefern, verweist Yoon Ga-eun durchaus auf Ansatzpunkte. In der den Konflikt auslösenden Petition wird die Problematik fehlender Betroffenenstimmen deutlich, die den Diskurs um sexualisierte Gewalt allzu oft dominiert. Der Autor des Pamphlets hat nach eigener Aussage viel zum Thema recherchiert und ist doch ahnungslos, weil Recherche eben nicht dasselbe ist wie Zuhören. Jooin wiederum findet erst Gehör, als sie sich als Betroffene zu erkennen gibt. Allerdings verschiebt sich der Diskurs dadurch sowohl  zunehmend auf ihr Individualschicksal als auch auf die Frage nach ihrer  Glaubwürdigkeit. Darin zeigt sich eines der grundlegenden Probleme der gesellschaftlichen Verhandlung sexualisierter Gewalt. Einerseits gilt die persönliche Betroffenheit als stärkste Expertise, andererseits erscheint eben jene Betroffenheit zu subjektiv und in ihrem Wahrheitsgehalt zu fragil, um ernst genommen zu werden. Wie soll innerhalb dieses Paradoxes ein produktiver Diskurs entstehen?___STEADY_PAYWALL___

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The World of Love löst dieses Problem, indem er den Fokus eben nicht auf eine einzige Person legt, sondern mehrere Betroffene mit verschiedenen Geschichten und Bewältigungsstrategien sicht- und hörbar macht. Indem sich der Film niemals in der Frage um die Wahrhaftigkeit der Aussagen verrennt, sondern das individuelle Empfinden der Überlebenden zentriert. Und indem er nicht nur einen emotionalen Zugang zu den Gewaltbetroffenen, sondern auch zu ihrem Umfeld schafft. 

Da alle thematisierten sexuellen Übergriffe in der Vergangenheit liegen, besteht für Yoon Ga-eun keine Notwendigkeit einer Reinszenierung. Ohnehin geht es ihr weniger um die konkrete Gewalt einzelner Taten, sondern deren Spuren – in Menschen wie auch in Räumen. Spuren, die sichtbar sein dürfen, vielleicht sogar müssen, die Namen verdienen, um besprechbar zu sein. Durch die Veranschaulichung von Spuren statt der ursächlichen Tat verschiebt sich die Narration auf den Prozess der Heilung, transformiert die Figuren von Opfern zu Überlebenden. Und den Film von der Darstellung sexualisierter Gewalt hin zu ihrer Diskussion. 

© Barunson E&A

So gelingt The World of Love eine äußert sensible und zugleich drängende Annäherung an sein Thema. Den Zuschauer*innen wird nichts „geboten“, keine Schauwerte und keine Antworten, sondern es wird herausgefordert. Vor allem dazu, anzuerkennen, dass es in diesem Film wie auch in seinem Publikum keine Nicht-Betroffenen gibt, sondern nur unterschiedliche Positionen und Perspektiven innerhalb desselben systemischen Problems. 

Die aktuelle Dunkelfeldforschung in Deutschland geht davon aus, dass jedes siebte bis achte Kind im Laufe seines Lebens Opfer sexueller Ausbeutung* wird. Das sind etwa zwei Kinder pro Schulklasse. Auch in meiner, auch in Deiner. Wie haben wir reagiert, wie hätten wir reagiert, wie sollten wir reagieren? 

The World of Love lässt uns keine andere Chance, als uns diese Fragen zu stellen. Doch die Antworten können wir nur selbst finden.

The World of Love is Teil des Programms des FFHH 2026.

*Ich verwende in Anlehnung an u.a. Laura Leupi den Begriff sexuelle Ausbeutung anstelle des häufig verwendeten Begriffs des sexuellen Missbrauchs, da es keinen richtigen sexuellen GEbrauch von Kindern geben kann.

Sophie Charlotte Rieger
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