Berlinale 2026: Lilly Grote & Konstanze Binder über Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990
Am letzten Berlinale-Sonntag hat sich Filmlöwin Lea Lünenborg in der Deutschen Kinemathek angestellt, um eine der seltenen Vorführungen von Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 über den Umbruch nach dem Mauerfall zu sehen. In der Schlange hat sie Lilly Grote und Konstanze Binder getroffen, zwei der Regisseurinnen des Films, und sich für ein kurzes Gespräch nach dem Film mit den beiden verabredet. Dabei sprechen sie über den Bahnhof Friedrichstraße als Drehort, das Arbeiten als Regie-Kollektiv und die Veränderungen und Widersprüche der Wiedervereinigung.
Lea: Könnt ihr einmal beschreiben, wie ihr dazu gekommen seid, euren Film Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 zu machen? Ihr wart total schnell mit der Umsetzung und natürlich mit eurer Idee, die so gut funktioniert, euch diesen einen Ort zu suchen und darüber so viele unterschiedliche Geschichten zu erzählen.
Lilly Grote: Es war der 9. November, wir wissen alle, es war die Maueröffnung und gleichzeitig war es Ulrike Herdins Geburtstag. Wir waren auf ihrer Geburtstagsfeier und da ist die Idee entstanden, dass wir einen Film machen wollen, über die Ereignisse in Berlin. Wir sind ja alle aus Berlin und haben alle Film und Kamera gelernt. Und dann haben wir uns entschlossen, dass wir das auf dem Bahnhof Friedrichstraße machen, als Nadelöhr, weil das eben ein Durchgangsbahnhof ist, der bestbewachte Bahnhof der Welt. Und wir wollten diese Demontage zeigen.
Konstanze Binder: Wir hatten natürlich alle Erfahrungen mit diesem Bahnhof, weil wir als West-Berliner gerne mal aus dieser doch irgendwie abgeschlossenen Situation in West-Berlin raus wollten. Und dann war der Übergang nach Ost-Berlin immer wie eine Reise in ein anderes Land erstmal.

© Deutsche Kinemathek / Lilly Grote
Lea: Und ihr seid alle West-Berlinerinnen? ___STEADY_PAYWALL___
Lilly Grote: Nein. Also, die Cutterin Yvonne Loquens kommt aus dem Osten, Julia Kunert hat in Babelsberg Kamera studiert und kommt aus dem Osten und wir beide aus dem Westen. Und Ulrike Herdin war ursprünglich mal im Osten, ist aber sehr früh in den Westen geflüchtet. Aber was wir alle hatten, was Konstanze schon sagt, war die Erinnerung, dass dieser Grenzübergang mit Ängsten und Schweiß verbunden war. Irgendwie waren wir immer angespannt, denn die Macht der Männer mit Maschinengewehren und allem Drum und Dran, die wir auch im Film zeigen, war doch sehr einschüchternd.
Lea: Bei vielen der Männer, die über ihren Job erzählt haben, entsteht das Gefühl, dass sie gar nicht selbst sprechen.
Konstanze Binder: Sie haben ihren Text auswendig gelernt, die Majore, die Grenzbeamten und die Zollbeamten waren präpariert.
Lilly Grote: Wir haben viele Interviewteilnehmende spontan gefragt, aber die Gespräche mit einigen der Bahnhofsmitarbeitenden waren vorbereitet, das waren keine spontanen Gespräche. Aber man hat natürlich gemerkt, dass die Mitarbeitenden am Bahnhof immer gelernt haben, zu sagen: „Wir möchten gerne mit Menschen arbeiten“.
Lea: In der Berlinale Retrospektive lief auch der Film „Im Glanze dieses Glückes“ des ost-westdeutschen Dokumentarfilmkollektivs „Blick ins Land“. Wie ist es überhaupt möglich, dass ihr euch so organisiert habt, auch schon vor dem Mauerfall?
Lilly Grote: Wir beide kennen uns, wir haben zusammen studiert und wenn man an der Deutschen Film- und Fernsehakademie studiert, dann lernt man ja Kamera, Ton, Regie. Wir wussten handwerklich, wie das geht. Wir beide kannten uns schon lange und Julia kannte ich aus anderen, privaten Zusammenhängen. Und weil wir unbedingt mit Leuten, unbedingt mit Frauen aus dem Osten arbeiten wollten, war das Julia. Julia wiederum kannte Yvonne. So kamen wir zusammen.

© Deutsche Kinemathek / Lilly Grote
Lea: Ich finde es ein bisschen schade, dass Regiegruppen einem heute kaum noch begegnen. Wie hat das für euch funktioniert?
Lilly Grote: Gut! Das hat wirklich gut funktioniert. Wir hatten ein Drehbuch, das auf drei Säulen basierte. Den Fokus haben wir uns aufgeteilt, wer guckt wo hin. Konstanze hatte ganz eindeutig das Thema: Die Grenzen hier sind geöffnet, aber im Osten sind sie geschlossen.
Konstanze Binder: Wir sind auch im Vorfeld der Dreharbeiten immer wieder an den Bahnhof Friedrichstraße gegangen, auch unabhängig voneinander. Und ich war auf eine ganz gruselige Weise davon fasziniert, wie stark der Sog des kapitalistischen Westens war. Der Konsumdrang, wie der die Leute anzieht, wie sie in Massen immer runter und rauf sind mit Koffern und Kartons. Das ist auch im Film zu sehen.
Lilly Grote: Die Leute haben damals wahrscheinlich ihre 100 Mark umgesetzt.
Konstanze Binder: Es gab natürlich das Begrüßungsgeld. Ich wollte das in den Gesprächen ein bisschen erkunden, was bedeutet es den Menschen, warum ist ihnen das Geld so wichtig?
Lilly Grote: Und ich wollte auf die Arbeit gucken im Bahnhof, also auf die Menschen, die da arbeiten und die natürlich mit Grenzöffnung ihren Job verlieren. Ich habe mich also auf die Grenzer fokussiert, die den ganzen Grenzapparat im Bahnhof abbauen. Julia hat vor allem die Handkamera gemacht, die Aufnahmen des Zuges, der zum ersten Mal durch den Bahnhof fährt, zum Beispiel. Wir haben uns die Arbeit ziemlich klar aufgeteilt in die Beobachtungen, die unglaublichen Mengen an Durchgangsverkehr und die Arbeiter und Arbeiterinnen.
Konstanze Binder: Ich war bei der Initialzündung zum Film nicht dabei und ich hatte auch ein ganz anderes Erlebnis von der Maueröffnung als die anderen Regisseurinnen. Am Abend selbst habe ich sie verpasst und am nächsten Tag bin ich dann abends über den Ku’damm gelaufen, der war gesperrt und es war total graues Wetter. Und dann habe ich eine wirklich schweigsame Menschenmenge gesehen, die offensichtlich aus dem Osten kam. Sie sind ganz langsam an den teuren Geschäften vorbeiflaniert, das hat mich irgendwie traurig gestimmt damals. Sie haben alle in die Schaufenster geschaut und gewusst: Wir können uns das erstmal überhaupt nicht leisten, was da angeboten wird. So hatten wir alle ganz unterschiedliche Erfahrungen und Blickwinkel auf dieses Geschehen. Und dann hat sich natürlich die Frage gestellt: Sollen wir einen Episodenfilm drehen oder können wir versuchen, einen Film zu machen, der aus einem Guss besteht? Und deshalb war auch der Bahnhof Friedrichstraße als Ort ideal, weil er das Ganze zusammenhält.
Lilly Grote: Der Bahnhof ist einfach ein interessanter Ort, weil die Menschen da nicht verweilen, sondern sie gehen von Ost nach West und von West nach Ost, in beide Richtungen. Und das ist faszinierend an jedem Bahnhof. Das Besondere am Bahnhof Friedrichstraße ist natürlich, dass er so bewacht war, dass da immer die Gewalt statisch steht und guckt, ob keiner irgendwas macht, was strafbar werden könnte.
Lea: Die Meinungen zum Mauerfall unterscheiden sich sehr klar zwischen den Leuten, die am Bahnhof arbeiten und für die das eigentlich ein statischer Ort ist und die traurig sind.
Konstanze Binder: Die Leute sind sehr verunsichert, der Mauerfall bedeutet Arbeitsverlust.
Lea: Und für die Leute, die den Bahnhof als Reiseort nutzen, ist es das große Glück, weil die Reise plötzlich wieder möglich wird.
Lilly Grote: Natürlich, der Mann aus Odessa oder die beiden jungen Frauen aus Ost-Berlin. Das sind völlig andere Wahrnehmungen, wie der Bahnhof genutzt wurde. Das von der Ostseite konnten wir uns gar nicht ausdenken, die beiden jungen Frauen haben wir gefunden und ad hoc angesprochen und gefragt, ob sie für den Film etwas erzählen. Wir haben uns aufgeteilt, dass immer jemand von uns überall ist und mitbekommt, wann wo was passiert und wann wo etwas abgebaut wird. Niemand wusste, was passierte.

© Deutsche Kinemathek / Lilly Grote
Lea: Die metaphorischen Bilder, die ihr verwendet, waren sehr eindrücklich.
Lilly Grote: Wir wollten unbedingt einen Film aus einem Guss schaffen. Und dazu muss man sagen, dass Yvonne Loquens den Film supergut geschnitten hat in einer Chronologie der Ereignisse. Sie kommt aus der Dokumentarfilmschule der DDR.
Konstanze Binder: Mir ist im Grunde jetzt erst, nachdem ich den Film nach langer Zeit wieder gesehen habe, klar geworden, was für ein existenzieller Umbruch das war. Und ich finde auch, irgendwie trägt der Film dazu bei, wenn man ihn mit offenen Augen anschaut, dass man den heutigen politischen und gesellschaftlichen Strömungen anders nachspüren kann, wenn man den Film gesehen hat. Der Film verdichtet die Ereignisse.
Lilly Grote: Zu dem Zeitpunkt, als wir drehten, freuten sich alle: Endlich war die Mauer auf. Damals wurde der Film von der Presse sehr stark angegriffen, weil er melancholisch war. Weil wir nicht gezeigt haben, wie toll die Wiedervereinigung war. Aber das hängt natürlich auch mit dem Bahnhof zusammen, weil die Leute, die da sprechen, wussten, dass sie arbeitslos werden. Während andere anders damit umgehen konnten.
Lea: Einer der Grenzbeamten behauptet ziemlich zu Ende des Films, dass die Grenze auch dafür da war, um negative Dinge aus der DDR rauszuhalten.
Konstanze Binder: Das hat natürlich auch so nicht gestimmt, es gab in der DDR auch vor der Grenzöffnung ziemlich heftige rechtsradikale Ereignisse, die damals unter den Tisch gekehrt wurden.
Lilly Grote: Aber wahr ist natürlich auch, was die Intershop-Frauen sagen: „Wir müssen lernen, was Recht und was Unrecht ist, und da sind wir naiv drin.“ Das stimmt auch, und das können ideologische Gruppen, rechte Gruppen für sich nutzen.
Konstanze Binder: Zum Ende des Films spricht einer der Grenzbeamten nochmal über seine Arbeit und da habe ich heute gedacht, das ist auch wahnsinnig, dieser Widerspruch: Einerseits sagt er: „Das war eine tolle Arbeit, wir konnten mit Menschen arbeiten“, und gleichzeitig sagt er, es war wie eine Fließbandarbeit, die sehr anstrengend war. Also es gibt diese Widersprüche, die man auch sieht.
Lilly Grote: Der andere sagt auch: Nicht alleine zu sein. Dem waren die Menschenmassen lieber, aber bloß nicht alleine sein. Ich weiß gar nicht, wie viele Jahrzehnte die dort gearbeitet haben.
Lilly Grote: Was mich beeindruckt hat, ist dieser Staub unter den Häuschen, die da abgebaut wurden. So viel Staub und dann im selben Moment gehen die Menschen völlig unbewusst darüber hinweg und wissen schon jetzt nicht mehr, dass da ein Grenzhäuschen stand und dass da eine Grenze war. Das ist schon erstaunlich. So schnell ist dann alles wieder vergessen.
Lea: Vielen Dank für eure Zeit und euren beeindruckenden Film.
Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 war in der Retrospektive bei der 76. Berlinale zu sehen.
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