Drei Gedanken zu: Marty Supreme

Drei Gedanken zu: Marty Supreme

Nach jahrelanger Zusammenarbeit drehen die Brüder Josh und Benny Safdie seit dem letzten Jahr erst mal solo. Bennys The Smashing Machine war 2025 in den Kinos zu sehen, der deutsche Kinostart von Joshs Marty Supreme folgt nun. Wenn auch stark inspiriert von den Erfolgen und dem Auftreten des echten Tischtennisspielers Marty Reisman, beansprucht Marty Supreme nicht den Titel „Biopic“ für sich. Eher stolpert der Film diffus durch Genres und Erzählstränge, um den Plot um die Hauptfigur Marty Mauser (Timothée Chalamet) und seinen unbedingten Willen, alles zu gewinnen, was der Tischtennissport herzugeben hat, voranzubringen. Bei Josh Safdies Sportfilm handelt es sich vor allem um ein zweistündiges, anachronistisches Chaos, das sich bis zum Überdruss auf die Absurditäten der Selbstüberschätzung und -täuschung seines Protagonisten einlässt, um dann in den letzten inkonsequenten Zügen – wenn aus abschreckendem Beispiel ein zweistündiges Plädoyer zu werden scheint – in Banalität aufzugehen. Neben Sport geht es in Marty Supreme auch ein bisschen um Kapitalismus, den American Dream, Wahnwitz, jugendlichen Eifer und viel verbrannte Erde. Das von Safdie und Co-Autor Ronald Bronstein verfasste Drehbuch ist Musterbeispiel einer „See what sticks“-Geisteshaltung. Eine gut erzählte und schlüssige Charakterstudie macht das noch lange nicht.

Achtung: Der folgende Text enthält Spoiler!

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Neues vom Sport

Es ist leicht an der Oberfläche auszumachen, was Marty Supreme an Interessantem abzugewinnen ist: genreuntypisches Erzählen. Auffällig ist, dass Marty Supreme, anders als Sportfilme über gestählte Körper von Boxern, Kämpfern oder Wrestlern, eine Sportart zentriert, die fitte Körper nicht mit riesigen Muskeln gleichsetzt. Der Film arbeitet sich nicht an hochstilisierten Athlet*innenkörpern ab. Der reale Reisman war als „the Needle“ bekannt, in Anspielung auf seinen schlaksigen Körperbau und seine wortgewaltigen Sticheleien. Ausdauer, Schnelligkeit und Flexibilität stehen beim Tischtennis im Vordergrund. Nicht wer am härtesten zuschlagen kann, gewinnt unbedingt, sondern wer am spitzfindigsten die Lücke für den Ball findet. 

Marty Supreme erzählt diesen trickreichen Sportlertyp über das körperliche Auftreten seiner Hauptfigur. Jugend und Geldnot stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Das Maskenbild von Kyra Panchenko und Michael Fontaine zeichnet Lippenbärtchen und Akne- und Schnittwundennarben hier als Markierungen einer Postadoleszenz wie auch der Rücksichtslosigkeit im Umgang mit der eigenen körperlichen Unversehrtheit zwischen stumpfen Rasierklingen, Handgreiflichkeiten und waghalsigen Fluchtversuchen.

Ähnlich auffällig ist, dass Marty Supreme sich dem Sportfilm-Dreiakter um Aufstieg, Fall und Wiedergutmachung verweigert. Der Film macht den Schritt weg von gängigen Tropes und Erzählstrategien des Genres um chancenlose Underdogs und Körperkult der Trainingsmontagen, weg von Held*innengeschichten und Sympathieträger*innen, deren große Träume wohlverdient in Erfüllung gehen. Vielmehr geht es in Marty Supreme um einen Blender und Verblendeten, dessen Grandeur schon lange mit ihm durchgegangen ist. Sein American Dream ist reine „Me first“-Mentalität.___STEADY_PAYWALL___ 

Kurzum: Marty Supreme ist keine Underdog-Story. Bereits zu Beginn des Films ist Marty Mauser der beste Tischtennisspieler der USA im Jahr 1952. Natürlich befindet sich der Sport damals im Land noch in den Kinderschuhen, der Verband besteht laut Marty aus zwei Typen an einem Tisch. Dennoch warten sowohl die British Open als auch die Weltmeisterschaft in den kommenden Monaten. Beide Wettbewerbe will er gewinnen, ihm werden gute Chancen eingeräumt. Außerdem ist Marty erfolgreich im Beruf, wurde gerade erst im Schuhgeschäft seines Onkels zum Manager befördert. Zuschauer*innen erfahren direkt in der ersten Szene, dass Marty durchaus Verkaufstalent hat, Kund*innen mit Charme um den Finger wickelt und mit Wissen über Material und Marken beeindruckt. Die Früchte seiner Arbeit spiegeln sich in dem in wenigen Monaten erwirtschafteten Gehalt von $700 (was in 2026 so etwa das zwölffache ist) wider. Also eigentlich eine gute Ausgangslage für jegliche Herausforderungen, die noch kommen könnten.

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Doch es wäre kein Safdie-Film – auch auf Solo-Wegen –, würde sich die Hauptfigur nicht in einer Art Fiebertraum befinden, in dem „schneller, höher, weiter“ das Nonplusultra zu sein scheint. The Hustle is real. In Marty Supreme ist er außerdem konstant. Und so ist Safdies Film nicht einfach nur ein Sportfilm, sondern auch irgendwie Krimi-Posse und immer Thriller, in dem Marty von einem sich überschlagenden Ereignis zum anderen poltert. Die Dynamik dieses Genre-Mix ist klar auf der Leinwand auszumachen. Bei zweieinhalb Stunden Laufzeit ist aber auch diese irgendwann ausgeschöpft. Denn sich immer weiter ausdehnende Erzählstränge und -mechanismen führen bei Marty Supreme auch dazu, dass der Film das Thema Sport und Tischtennis zu Gunsten von Nebenschauplätzen aus den Augen verliert. Zwar mögen einige dieser erzählerischen Entscheidungen mit den Tropes des Genres brechen, Safdie und Bronstein scheinen dennoch offensichtlich einen Film geschrieben zu haben, in dem kohärentes Erzählen eher zweitrangig ist. 

Yay, Capitalism!

Wer in Marty Supreme nach einer Underdog-Schreibung sucht, wird gar nicht so sehr in der Geschichte, die im Film erzählt wird, fündig, sondern vielmehr in dem, was er ausspart. Koto Endo (Koto Kawaguchi) ist Japans Tischtennis-Superstar. Das damals geltende Reiseverbot wird speziell für ihn aufgehoben, sodass er an den British Open teilnehmen kann. Jahre nach der Kapitulation Japans am 2. September 1945 befinden sich Japan und die USA in einer angespannten Situation. Japans Souveränität ist mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags von San Francisco seit dem 8. September 1951 beschlossen, das Ende der Besatzung durch die Alliierten wird am 28. April 1952 in Kraft treten. Die USA befinden sich zu diesem Zeitpunkt in den Anfängen des Kalten Krieges, Japan drängt darauf, dass sich das amerikanische Militär aus dem Land zurückzieht.

Koto Endos Tischtenniserfolge, darunter der Gewinn des britischen Tischtennis-Wettbewerbs gegen Marty, fallen in diese Zeit. Nach dem Sieg bei den British Open kehrt er als Held in seine Heimat zurück, die Landesnachrichten überschlagen sich. Dass er während der Luftangriffe auf Tokio 1945 durch eine Bombenexplosion einen Hörverlust erlitten hat, macht den Sieg über den Spieler aus den USA noch bedeutsamer für das japanische Publikum. 

Safdie reißt die geopolitischen Beziehungen zwischen Japan und den USA in den Jahren nach Ende des 2. Weltkriegs nur knapp an, positioniert vor allem den japanischen Blick auf Sport als explizit propagandistisch, und arbeitet sich am kapitalistischen Gedanken der Superreichen Amerikas ab. Denn auch der amerikanische Kapitalismus drängt darauf, die Gegenüberstellung von Gut gegen Böse auszuschlachten: Der Magnat und Schreibstifte-Produzent Milton Rockwell will sein Produkt auch in Japan für den Markt attraktiv machen. Dabei helfen soll ein Freundschaftsspiel zwischen Marty und Koto Endo noch vor den eigentlichen Weltmeisterschaften in Tokio, das der Amerikaner absichtlich verlieren soll. 

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Koto Endo, der aktuell per Wettkampf beste Spieler des Sports, ist nichts mehr als eine Randnotiz in Martys Bestreben, Erfolge zu feiern. Ihm wird eine vollständige Sprachlosigkeit zugeschrieben (Safdie zieht hier außerdem falsche Rückschlüsse, dass Hörschädigung auch gleich Stummheit bedeutet), was im Vergleich zum ununterbrochenen Redefluss des Protagonisten besonders auffällt. So zeichnet Safdie das Bild eines ruhigen, gehorsamen Japans, das einem lauten, die Bühne für sich einnehmenden USA gegenübersteht. Lust, diese einfallslosen Bilder aufzubrechen, hat Safdie dann auch nicht wirklich. Zusätzlich mag seine und Bronsteins Drehbuchentscheidung, dass Marty zwar ein Unsympath sein mag, es aber im Gefälle der Machtstrukturen und Privilegien um Reichtum, Herkunft und Klasse immer noch mindestens eine andere Person gibt, die schlimmer als er ist, dann auch nicht aufgehen. Eher befeuert Marty Supreme die Idee, dass Ausbeutung und Vereinnahmung nicht nur für Stift-Magnate und Superreiche von Interesse sind. 

Denn tatsächlich befindet sich Marty in keinster Weise im Klassenkampf mit Rockwell. Vielmehr ist beider American Dream auch ein kapitalistischer, durch den Mauser wildgeworden stolpert, in dem er lügt, betrügt, stiehlt – unberührt dessen, ob es Familie, Freundschaften, Kolleg*innen, Mafiagangster, die oberen Zehntausend oder vollkommen Unbeteiligte betrifft. Ein Scammer, wie er im Buche steht, der nicht einfach dazugehören, sondern alles und jeden überragen will. Martys immer verzweifelnd werdende Situation ist laut Film mehr seinem Unvermögen zur Selbstreflexion und zum Innehalten, als einem sozioökonomischen Ungleichgewicht in der Klassengesellschaft geschuldet. Wenn Marty beim Freundschaftsspiel dann seinen Rivalen schließlich um eine Art von Entgegenkommen bittet, die Marty Koto selbst nie gewährt hat, schlägt sich Safdies Film schließlich auf die Seite dessen, was er eigentlich den Großteil seiner Laufzeit kritisieren will: Ausbeutung derer, die einem mit gutem Willen gegenübertreten, die keine Chance haben, zu widersprechen, die einem in Abhängigkeit verbunden sind – denn kapitalistische Hustle Culture lohnt eben doch.

Marty und die Frauen

Marty Supreme ist ein weiterer Eintrag im Safdie-Filmuniversum, der an seinen Frauenfiguren scheitert. Der Film folgt Martys Fiebertraum  durchaus geduldig. Er positioniert seine Eskapaden der Geldbeschaffung irgendwo zwischen schwarzem Humor und Existenzangst, betrachtet seine Grandeur durchaus kritisch und beleuchtet gleichzeitig, dass $700 (oder im späteren Verlauf des Films $1500) eine aberwitzige Summe für einen 23-jährigen aus der Arbeiterklasse New Yorks im Jahr 1952 ist – und liefert somit einen Grund für Lug und Betrug, den eigenen Träumen zu folgen. Dieselbe Art von Geduld bringt er gleichwertigen Figuren aber nicht entgegen.

Ähnlich wie seine Auseinandersetzung mit Klasse eher eine Randbemerkung ist, hat Marty Supreme auch kein wahres Interesse, in seinen über zwei Stunden Laufzeit tiefer in die Beziehung von Marty zu den Frauen in seinem Leben einzutauchen. Und das, obwohl sie durchaus viel Raum einnehmen.

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Marty lebt noch in seinem Kinderzimmer in der Wohnung seiner Mutter (Fran Drescher). Einen weiteren Elternteil gibt es nicht. Von Marty wird erwartet, dass er sich finanziell um die Mutter kümmert, Unterstützung erfährt diese aber nur durch Verwandte wie Onkel Murray oder die Nachbarin Judy. Es ist der eng verbundenen jüdisch-amerikanischen New Yorker Community des Films zu verdanken, dass die Mutter auch während der unvorhersehbaren, sporadischen Abwesenheit ihres Sohnes über die Runden kommt. Aus Martys Sicht ist seine Mutter manipulativ – emotional wie auch in ihren Taten (angeblich soll sie Geld vor ihm verstecken) –, erdrückend und kontrollierend. Safdies Mutterfigur darf bis zum Schluss nur dieser Archetyp sein. 

Ähnlich verhält es sich auch mit Martys Freundin Rachel (Odessa A‘zion), die vielleicht oder vielleicht auch nicht in einer abusiven Ehe lebt (warum Safdie diese Ambiguität zulässt, ist neben der Schlussszene eines der größten Fragezeichen des Films). Sie ist anhänglich, aufdringlich und, weil sie ein Kind von Marty erwartet, ein Hindernis in Martys Lebensplan. Warum beide Frauen von ihm erwarten, dass er sich seiner Aufgaben als Sohn und als Partner bewusst sein muss und welche genauen Gründe sie dafür haben, ist für Safdie nicht interessant. Vor allem, da der Regisseur Rachel im hinteren Teil seines Films zu einer deutlich wichtigeren Nebenrolle macht, hätten ihrer Charakterzeichnung umfangreichere Beweggründe als „alles nur aus Liebe“ gutgetan. 

Dass und auf welche Art Frauen im Jahr 1952 abhängig von Männern in ihren Rollen als Ehemänner, Väter oder Söhne sind, dass sie zwar arbeiten dürfen, aber nicht fair bezahlt werden, dass sie in vielen Bereichen diskriminiert werden, oft nicht selbstständig Verträge unterschreiben oder Kredite aufnehmen können, warum zum Beispiel Rachel mit einem Mann verheiratet ist, den sie nicht liebt, der ihr aber ein Dach über dem Kopf sichert, warum Martys Mutter ihn lieber zu Hause in seinem Zimmer sieht, als ständig mit seiner unvorhersehbaren Abwesenheit klarkommen zu müssen – all das will Sadie nicht beleuchten. Vielmehr wirft der Regisseur mit Fragen um sich, die zum Augenrollen einladen: Ist Marty Mauser ein schlechter Mann wegen seiner schlechten Mutter? Ist er mehr in seinen Sport verliebt als in seine schwangere Freundin – und das zurecht? Ist Rachel etwa genauso schlimm wie Marty, wenn sie sich aus Verzweiflung, statt wie Marty aus Selbstüberschätzung, auf Betrügereien einlässt? 

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Am Ende ist die den Zuschauenden bekannteste Frauenfigur die einst berühmte Schauspielerin und Rockwells Ehefrau Kay Stone (Gwyneth Paltrow), denn über ihre Familiensituation, ihr Berufsleben und ihre Gedankenwelt erfahren diese am meisten. Es ist aber auch sie, die, anders als seine Mutter oder Rachel, über die Geschehnisse des Films hinaus nicht in Martys Leben involviert war oder sein wird. Nur nach Safdies Lust und Laune wird sie relevant für Martys Vorhaben, bis sie schließlich abrupt aus dem Film verschwindet. Und weil zwischen „Mutter“ und „Verführerin“ natürlich keine anderen Figureninterpretationen für Schauspielerinnen bei diesem Regisseur zulässig sind, haben Kay und Marty eine Affäre. Dass Kay zum Filmende hin auf ein paar Paddelschläge in einem Akt der Rache – die Pointe für einen Pubertierendenwitz – reduziert wird, ist dann eigentlich nur die logische Schlussfolgerung einer Verweigerung, Frauenfiguren als Charaktere statt Karikaturen zu zeichnen.

Kinostart: 26. Februar 2026

Sabrina Vetter
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