Drei Gedanken zu: The Smashing Machine
Ihre Karriere als Filmemacher haben die Brüder Josh und Benny Safdie bis zu Uncut Gems aus dem Jahr 2019 als Doppel verbracht. Mit Marty Supreme respektive The Smashing Machine gehen sie ab 2025 getrennte Wege. Josh‘ Tischtennis-Film erscheint im Dezember des Jahres in den nordamerikanischen Kinos, während Bennys The Smashing Machine vor Kurzem den Silbernen Löwen bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig gewann und Kinostart im Oktober feiert. In seinem zweistündigen Biopic widmet sich Benny Safdie dem Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Mark Kerr, dem im Kampfsport Legendenstatus nachgesagt wird. The Smashing Machine erzählt von Schmerz und Sucht. In Safdies Sportfilm finden sich aufgeputschte Körper, Gewaltexzesse auf der Theatre-in-the-round-Bühne und Hoffnungslosigkeit bei der Suche nach dem Sinn des Lebens in einer Figur zusammen, für die verlieren keine Option ist. Mark Kerr ist Suchtkranker, Kontrollfreak, Einzelkämpfer und -gänger.
Achtung: Der folgende Text enthält Spoiler!

© Leonine
Training mit Fanfare
Rocky hat die Trainingsmontage im Film berühmt gemacht. Damals führte der Weg zum durchtrainierten Körper vom Verzicht auf Essen und Schlaf über Punches auf gefrorene Schweinehälften hin zum Treppenerklimmen, bis die Oberschenkel brennen. Das Ganze wurde noch untermalt von Bill Contis stimmungsvollem, dynamischem Blechblasinstrument-Thema und das US-Kino hatte eine seiner ikonischsten Bewegtbildsequenzen gefunden, die einen emotionalen Höhepunkt der menschlichen Ausdauer abbildet. Die Filmreihe um den titelgebenden Amateur-Boxer hat diesen Filmtrick selbst immer weiter fortgeführt: Sie hat The Italian Stallion zunächst gut wattiert im grauen Jogginganzug passend zu den kühlen Morgenstunden des winterlichen Philadelphias auftreten lassen, bis es irgendwann zu Wettrennen am Strand oben ohne und mit anderen glänzend eingeölten Männerkörpern kam, die nahezu als Werbung für Dehydrierungstechniken bei Bodybuilding-Competitions durchgehen könnten. Hochstilisierte Körperbilder, die von Stallone über Schwarzenegger, von Tom Cruise beim Beach-Volleyball untermalt von Kenny Loggins bis hin zu den Superhelden-Filmen der MCUs und DCEUs dieser Welt die Kinogeschichte begleiten.___STEADY_PAYWALL___
Auch Benny Safdie zitiert diese Inszenierung von Kämpferkörpern, ergänzt sie aber um neue Kniffe. Denn während Old Blue Eyes‘ „My Way” neu aufgemischt zu hören ist, hält Maceo Bishops Kamera nahe auf Mark Kerrs Bewegungen drauf. Zwar weicht The Smashing Machine bis zum Schluss dem Thema Steroide aus, inszeniert Körper aber auch ohne detaillierte Ausarbeitung der body politics um leistungsfördernde Mittel als überlebensgroß, nahezu unnatürlich und wie einer Superheldenfantasie entsprungen. Und dennoch ist der von Safdie dargestellte Kämpferkörper irgendwie anders: Im Setting der Trainingshalle wirkt Mark Kerr trotz seiner alles überragenden Körperform, die er mit übergroßen T-Shirts und Wrestling-Trunks bekleidet, wie verloren. Er jubelt nicht, weil er, wie Rocky oben auf der Treppe, sein Trainingsziel erreicht hat, sondern sitzt zusammengesackt und ausgelaugt auf dem Boden. Sein Oberkörper glänzt nicht im Sonnenlicht, sondern der Schweiß läuft nur so durch Furchen und Falten.

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Denn The Smashing Machine ist auch ein Film über einen Verlierer. Und das ist durchaus außergewöhnlich. Nicht nur mit Blick auf die Traditionen des Sport-Biopics, das oft mehr Heldenmythos als wahrhafte Nacherzählung ist, sondern weil Leben im toxischen Superlativ auch bedeutet, dass nur über die Sieger gesprochen wird. The Smashing Machine versucht einen anderen Weg, führt sein Publikum an einen Sportler heran, der der Idee verfallen ist, dass Männer wie er nicht verlieren. Und wenn er es dann unausweichlich doch tut, wird klar, dass Leib und Seele des noch so aufgeputschten Kämpfers auf einem wackeligen Fundament stehen. Safdie nähert sich dieser instabilen Substanz, indem er Verletzungen Raum einräumt: sichtbare Wunden, die verarztet werden, hörbare Schläge in der MMA-Arena, Schmerzen, die im Moment wie auch noch Jahre später quälen. Anders als Rocky, Maverick, Batman uvm. haben diese Erlebnisse Konsequenzen für Kerrs Körper, die ihn in eine Entzugsklinik wegen Schmerzmittelabhängigkeit führen. In seiner Darstellung von Sucht dreht sich das Biopic um Kontrolle und – untrennbar verbunden – deren Verlust über den durch zahllose Trainingseinheiten geformten Körper wie auch Emotionen.
Kontrolle und Schweigen
Der Mark Kerr, der den Zuschauenden präsentiert wird, ist kein großer Redner. Er lebt in sich gekehrt, ignoriert Gegebenheiten außerhalb des Sports, grenzt aus, was und wer nichts mit dem MMA-Ring zu tun hat. Dies wird besonders in seiner Beziehung zu seiner späteren Ehefrau Dawn Staples (Emily Blunt) deutlich. Das Paar lebt zunächst scheinbar symbiotisch und harmonisch, er ist oft für längere Zeit in Japan für Kämpfe, Dawn bleibt in den USA und kümmert sich dort um den gemeinsamen Haushalt. Wenn Mark dann doch mal zurück in Phoenix, Arizona ist, dann umsorgt Dawn auch ihn. Den Wunsch nach Kontrolle über seinen Körper, der für den Sport, der alles in seinem Leben bestimmt, so sehr wichtig ist, kann er nicht von seinem Privatleben trennen.
Das Publikum lernt das Paar in einer Szene kennen, in der sie ihm einen Proteinshake in der gemeinsamen Küche macht. Was auf den ersten Blick als liebevolle Routine erscheint, ist das Abbild einer abusiven Beziehung. Denn Mark Kerr ist ein abwesender Partner, die Beziehung läuft und pausiert nach seinen Bedingungen. Wenn er zu Hause ist, sind es seine Vorstellungen, die den Alltag bestimmen: Die Milch für den Proteinshake muss eine bestimmte sein, der Garten immer ordentlich hergerichtet, die Familienplanung hinten anstehen.

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Safdie lässt diesen Kontrollzwang nach und nach eskalieren, zeigt das Alltägliche wie auch Übergriffe. Auf beiden Ebenen wird die Angst, die Dawn vor ihrem Partner hat – Angst, verlassen zu werden, nicht wahrgenommen zu werden, etwas falsch zu machen – deutlich. Als Mark in seiner von Schweigen geprägten existentiellen Sinnkrise schließlich in Anwesenheit von Dawn die Hauseinrichtung zerstört, zeigt die emotional angespannte und dennoch unaufgeregte Reaktion beider Parteien, dass dies nicht das erste Mal war, dass so etwas passiert ist und solche und ähnliche Missbrauchssituationen die Beziehung schon lange bestimmen.
Außerhalb des Biopics
Es gehört zu den größten Kritikpunkten des Biopic-Genres, dass es oft nur eine Sichtweise zulässt, wenig kritisch mit seiner Hauptfigur umgeht und Held*innengeschichten schafft, wo es eigentlich keine gibt. Während sich The Smashing Machine Mark Kerr durchaus ambivalent nähert, ist auch Safdies Film von Auslassungen geprägt. Dies wird vor allem bei der Figur der Dawn Staples deutlich. Wenn sich der Film Kerrs langem Aufenthalt in Japan für MMA-Wettkämpfe widmet, dann pausiert er seine Erzählung um die Beziehung zwischen Dawn und Mark nahezu komplett. Wenn Dawn wieder in der Geschichte auftaucht, dann eingewoben in Konflikte zwischen dem Paar, aber auch zwischen Mark und seinen Trainern. So erfährt das Publikum wenig über Dawn, nicht nur von ihr selbst, sondern auch durch den schweigsamen Mark. In den Augen seiner Trainer ist sie allerdings Ablenkung, Eindringling, Unruhe. So ist es einfach für das Publikum, Dawn zunächst als die zeternde Freundin, als fiese und gemeine Streitsüchtige und als Person, die sich aufdrängt und runterzieht, wahrzunehmen. Die Vorstellung, dass eben gerade Trainerteams ihr Zugpferd nicht einfach ziehen lassen, sondern lieber kontrollieren wollen, greift The Smashing Machine nicht auf.

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Wenn Dawn schließlich zum Ende des Films hin gegenüber Mark äußert, dass dieser sie ja auch nach Jahren der Beziehung eigentlich gar nicht kenne, kann ausgerechnet The Smashing Machine selbst – als eine aus dem Blickwinkel der Hauptfigur erzählte Geschichte – als Beweis für eben diese Aussage herangezogen werden. Denn während in der Erzählung Mark die Bedingungen des Zusammenlebens bestimmt, bleiben Dawns Wünsche außen vor. Was es bedeutet, mit einem Suchtkranken zusammenzuleben, der wenig bis nie zu Hause ist, wenn Wettkämpfe und Trainingspläne immer vorgehen, oder welche Anstrengungen und Sorgen Dawns Leben bestimmen (zum Beispiel war die echte Staples alkoholkrank), erfährt das Publikum kaum bis gar nicht. Nur hier und da tritt Dawns Gefühlslage zutage. Es geht darum, dass sie sich außen vor fühlt, dass Mark sich ihr nicht mitteilt, dass sie einerseits von Trainern beim Training oder Kämpfen nicht gerne gesehen wird, aber gleichzeitig von eben diesen Personen erwartet wird, dass sie sich im Privatleben wie seine Aufpasserin verhalten soll.
So überwiegt das Narrativ der unsympathischen, nörgelnden Freundin. Dass Dawn als Care-Arbeiterin emotionale Stütze ist und unter Marks Überlebensgröße unterzugehen scheint, bleibt bis zum Schluss eine Randerzählung. Es ist eine Beziehungsdynamik, die Safdies Film nie vollständig zu fassen bekommt. Dies wirft Fragen auf, wie das Publikum mit fehlenden Komplexitäten um wahre Figuren im Biopic umgehen sollte.
Kinostart: 2. Oktober 2025
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