DOK Leipzig 2026: Mütter und Töchter zwischen Zusammenleben und Abschied
Im Programm des DOK Leipzig 2026 laufen zwei Dokumentarfilme, die das Zusammenleben von Müttern und Töchtern in den Mittelpunkt stellen. In beiden Produktionen schauen die Regisseurinnen jeweils nicht nur von außen auf diese Konstellationen, sondern zentrieren eigene Familiengeschichten und tauchen selbst auch vor der Kamera auf. In Blossoming hält die polnische Regisseurin Kamila Serwicka mit der Kamera fest, wie sie, ihre beiden Schwestern und Mutter Agnieszka mit den Spuren der psychischen und physischen Gewalt umgehen, die durch den an Alkoholabhängigkeit erkrankten Vater ausgeübt wurde. Nicole Nicole von Lauren Dällenbach porträtiert die Beziehung zwischen ihrer Tante Nicole und Oma Alberte, die gemeinsam in einer Villa am Genfersee wohnen. Seit Nicoles Geburt vor 55 Jahren leben sie zusammen, jetzt ist die Zeit gekommen, in der Nicole von zu Hause ausziehen soll. Es sind zwei Geschichten über Familien zwischen Nähe und Selbstständigkeit

© DOK Leipzig 2026 Blossoming, Kamila Serwicka
Blossoming von Kamila Serwicka
Regisseurin Kamila Serwicka führt als Erzählerin durch ihren Dokumentarfilm Blossoming. Direkt zu Anfang lässt sie die Zusehenden wissen, was und wer das zentrale Thema ihres Werks ist: „I want to tell you about my family“, spricht Serwicka direkt in die Kamera. Ihre folgenden Filmbilder fangen das Zusammenleben der Familie – bestehend aus Mutter Agnieszka, drei Töchtern, Oma und Vater – auf engstem Raum ein. Unbehaglich ist nicht nur der tatsächlich kaum vorhandene Platz in der Wohnung, sondern auch die Atmosphäre dort. Die Doku enthüllt nach und nach, dass der alkoholkranke Vater seit vielen Jahren psychische und physische Gewalt gegen seine Familie ausübt: Betritt er den Raum, verändert sich die Stimmung sofort, Unterhaltungen mit ihm sind von Beleidigungen geprägt, die Eltern streiten für alle hörbar im Nebenzimmer. Oft finden sich Mutter und Töchter eng gedrängt am Küchentisch zusammen, er wird zum Ort der Zuflucht in der Wohnung. Hier können sie unter sich sein, denn einen weiteren Platz für den Vater gibt es nicht.
Serwicka filmt über einen Zeitraum von fünf Jahren, in den auch die COVID-19-Pandemie und der Tod der Großmutter fallen. In diesem halben Jahrzehnt verfolgt Blossoming, wie sich das familiäre Zusammenleben immer weiter zuspitzt, bis hin zur Trennung der Eltern. Die Schwestern begleiten ihre Mutter durch die komplexen emotionalen wie rechtlichen Schritte der Scheidung, versuchen gemeinsam mit dem Kapitel Vater/Ehemann abzuschließen. Für die drei Schwestern und die Mutter beginnt nach dem Weggang des Patriarchen eine neue Trauerphase, in der aufgearbeitet wird, warum Agnieszka so lange bei ihrem Ehemann geblieben ist, dass die Familie nur in einer Art Überlebensmodus existierte und dass Serwicka selbst lange Zeit sich nicht gegenüber anderen Menschen öffnen konnte aufgrund der von Gewalt geprägten Kindheit.
Blossoming ist eine geduldige, nahezu poetische Studie. Lange Kameraeinstellungen von Momenten am Küchentisch, Zooms, die Emotionen des Schmerzes und der Unsicherheit in Gesichtern einfangen und ruhige, unaufgeregte Szenen formen den Dokumentarfilm. Interviews spielen in Blossoming keine Rolle; es sind weniger Worte, die vermitteln, sondern vielmehr ein alles überlagerndes Gefühl der Tauer, das die Familie verfolgt. Serwicka fängt emotionale Prozesse in verschiedenen Stationen ein: bei der Scheidung der Eltern im Gerichtsgebäude, bei der Bestattung der Oma, bei einem klärenden Gespräch zwischen Serwicka und dem Vater mehrere Jahre, nachdem er nicht mehr Teil der Familie ist. So erzählt Blossoming umfassend über Schmerz, Liebe und Solidarität.

© DOK Leipzig 2026 Nicole Nicole, Lauren Dällenbach
Nicole Nicole von Lauren Dällenbach
Tochter Nicole und Mutter Alberte leben seit Nicoles Geburt vor 55 Jahren unter einem Dach. Lauren Dällenbachs Nicole Nicole dokumentiert, wie für Nicole die Zeit gekommen ist, aus dem Elternhaus auszuziehen und Selbstständigkeit zu erfahren. Dällenbach begleitet diesen Prozess auch als Teil der Familie: ihre Mutter Danielle ist Nicoles Schwester. Die Familie war lange überzeugt, dass die neuroatypische Nicole nicht alleine leben kann (z. B. fällt ihr der Umgang mit Finanzen schwer und die Konzentration auf ein Gespräch kommt ihr oft abhanden), gleichzeitig leben Mutter und Tochter nach all den Jahren in so enger Symbiose miteinander, dass ein Auszug der Tochter nicht an erster Stelle stand. Als eine Art Test, unterstützt durch Danielle, soll Nicole nun zum ersten Mal alleine leben: ein Weg, der die Mutter-Tochter-Koexistenz aufwirbelt und schweren Herzens geschieht. Beide haben sich gegenseitig gut umsorgt, sie erfahren Hilfe im Alltag voneinander. Besonders das hohe Alter der Mutter, das es ihr unmöglich macht, sich weiterhin um andere zu kümmern, und die kaum vermeidbare Einsicht, dass der Tod der inzwischen 87-jährigen Alberte nicht mehr Jahrzehnte in der Zukunft liegt, sind Stein des Anstoßes, dass Nicole nun alleine leben soll.
Nicole Nicole bleibt besonders nahe an Nicole dran, begleitet sie in allerlei Momenten: im Wohnzimmer gemütlich auf der Couch, bei der Fahrradtour, bei Gesprächen mit ihrer Schwester. Diese Szenen variieren zwischen freudiger Stimmung (wenn Nicole z. B. fröhlich vor sich hin singt) und Traurigkeit (die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit dem möglichen Tod ihrer Mutter lastet schwer auf Nicole). Dällenbach ist während der gesamten Doku immer wieder von hinter der Kamera zu hören (wenn sie z. B. in Interviews nach den Gefühlen ihrer Familienmitglieder im Moment der Aufnahme fragt) und auch vor der Kamera zu sehen (z. B. beim Umarmen der Tante in einem traurigen Moment). Besonders präsent ist Dällenbach zum Ende von Nicole Nicole, als sie ihrer Tante den Wunsch erfüllt, eine Foto-Love-Story zu erstellen. In diesen Szenen tritt die kreative Vielfalt der Filmemacherin und der Spaß am Kreativen, den sie mit ihrer Tante teilt, hervor. In diesen vielen kleinen wie großen Momenten fügt sich ein Bild zusammen, wie Nicole von der Angst vor dem Leben allein hin zur Freude am Sein in den eigenen vier Wänden findet.
Was in Dällenbachs Dokumentarfilm allerdings untergeht, und dies ist sicher auch der Nähe der Regisseurin zu ihrem Thema geschuldet, sind die Komplexitäten der gegenseitigen Abhängigkeit, die die Mutter-Tochter-Beziehung zu Beginn charakterisieren. Warum hat die Mutter Nicole nicht schon früher gedrängt, auszuziehen? Warum wird erst nach 55 Jahren die Selbstständigkeit der Tochter auf diese Weise gefördert? Warum ist Alleinsein so sehr mit Angst verbunden? Dällenbach lässt diese Fragen offen und bleibt bis zum Schluss nahe bei Nicoles Gefühlswelt, ohne ein allumfassendes Familienporträt zu erstellen.
Blossoming ist im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm, Nicole Nicole im Publikumswettbewerb des DOK Leipzig 2026 zu sehen.
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