Berlinale 2026: Queen at Sea – Kurzkritik

CN: Sexueller Übergriff

Nach einer friedvollen Eröffnungsszene des Films, in der Leslie (Anna Calder-Marshall) und Martin (Tom Courtenay) bei einem Spaziergang zu sehen sind, werden die Zuschauer*innen jedoch schnell mit der harschen Realität der Geschichte von Queen At Sea konfrontiert. Amanda (Juliette Binoche) und ihre Teenagerin-Tochter Sara (Florence Hunt) überraschen das ältere Paar beim Sex. In Leslies Blick ist Unbehagen zu sehen, und durch Amandas Reaktion wird schnell klar, dass dies weit mehr als nur ein unangenehmer Überraschungsmoment ist.

Amanda konfrontiert Martin damit, dass die demenzkranke Leslie aufgrund ihrer Krankheit keine Zustimmung zum Sex mehr geben kann. Nachdem eine Polizeiermittlung initiiert wird, knüpft die Geschichte an die Frage an, wie viel Autonomie Betroffene in solch einem Prozess tatsächlich haben. Zwar folgen die Fachkräfte nur ihrem regulären Arbeitsprotokoll und Amanda ist konstant an Leslies Seite, trotzdem werden alle Entscheidungen für Leslie aus dem Blickwinkel anderer getroffen.

Nach und nach entfaltet sich ein komplexes Szenario, in dem Martins tatsächliche Fähigkeit, Leslie zu pflegen, infrage gestellt wird. Martin liebt Leslie sehr, ist aber gleichermaßen mit der Pflege überfordert, was im Laufe der Zeit auch für ihn immer deutlicher wird.___STEADY_PAYWALL___ 

Inzwischen beginnt Sara, ihr eigenes autonomes Handeln zu entwickeln, als sich die Romanze zwischen ihr und James (Cody Molko), einem weiteren Mitglied der Freundesgruppe, immer weiter vertieft. Als Amanda sie eines Tages darauf anspricht, das Familienheim im Umland aufzugeben, um für Leslies Pflege nach London zu ziehen, entsteht ein Konflikt zwischen Mutter und Tochter. In einem Gespräch der beiden kommt zutage, dass Sara die Trennung ihrer Eltern bisher nicht verarbeitet hat und diese nun für sie zur Realität wird. Für Sara fühlt sich der Umzug wie der Verlust ihres früheren Lebens an.

Schließlich entscheidet sich Amanda, ihre Mutter in ein Pflegeheim zu bringen. Doch schon nach 2 Tagen lässt sich Leslie auf eine sexuelle Beziehung mit einem Bewohner ein, woraufhin Martin sie zurück nach Hause holt. Martin ist nun bereit, eine Pflegekraft zu involvieren, und willigt in den Verzicht auf physische Intimität ein. Später jedoch ist es Leslie, die versucht, mit Martin intim zu werden.

Im Verlauf des gesamten Films befindet sich Amanda in dem Spannungsfeld im Interesse des Wohlbefindens aller Menschen um sie herum zu handeln, während sie gleichzeitig die alleinige Verantwortung für die Entscheidungen auf ihren Schultern. Dabei muss Amanda erkennen, dass sie nicht immer allen gerecht werden kann und manche Entschlüsse sogar schwerwiegende Folgen haben können.

Lance Hammer (Drehbuch und Regie) stellt sich mit Queen At Sea der komplexen Frage nach dem Umgang mit den Themen Selbstbestimmung und Konsent. Der Film gibt damit Raum, darüber nachzudenken, was passiert, wenn einem Individuum das Selbstbestimmungsrecht entzogen wird – entweder durch Institutionen oder durch eine Krankheit. Auch wird die Frage aufgeworfen, wie Entscheidungen getroffen werden und wer die richtige Person ist, diese Entscheidung zu treffen.

Queen at Sea war Teil des Wettbewerbs der Berlinale 2026.

Dieser Text ist als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.

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