NO MERCY – Monika Treut im Interview 

Im neuen Dokumentarfilm No Mercy unternimmt Isa Willinger eine Bestandsaufnahme des weiblichen Filmemachens und untersucht die Beobachtung Kira Muratovas, dass Frauen eigentlich die härteren Filme machen. In Interviews mit großen Filmemacher*innen wie Céline Sciamma, Alice Diop, Joey Soloway und weiteren entsteht ein gemeinsamer Dialog über Feminismus im Allgemeinen und auf der Leinwand im Besonderen. Filmlöwin Lea Lünenborg konnte mit Monika Treut, einer der Protagonistinnen des Films, über weibliches Filmemachen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sprechen. 

Lea: Liebe Monika, du machst seit den achtziger Jahren radikale feministische Videokunst und Filme und bist als Mitgründerin des New Queer Cinema bekannt. Wie hat sich im Laufe der Zeit das weibliche Filmemachen verändert? 

Monika Treut: Als ich anfing Filme zu machen, gab es erst wenige weibliche Vorbilder wie Ulrike Ottinger, Helma Sanders-Brahms, Elfi Mikesch, Helke Sander, Margarete von Trotta. Sie haben die Aufbruchszeit der siebziger Jahre geprägt, damit ging es in Westdeutschland eigentlich erst los. In der DDR war es etwas besser, weil es bei der DEFA insgesamt mehr Regisseurinnen gab.  In Westdeutschland war das Gewerbe sehr männlich geprägt. Die großen Filmkünstler, das waren Männer: Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff , Wim Wenders. Der Frauenfilm wurde als Genre deklariert. In No Mercy sieht man ganz klar, wie unterschiedlich die Stimmen sind, und das unter ein Genre zu packen, ist natürlich eine Frechheit. 

Lea: Im Film No Mercy wurde der Female Gaze als Begriff genannt und kritisiert. Du hast eigentlich von vornherein Filme gemacht, die mit Sexualität und Geschlecht als Konzept aufbrechen. Warum reden wir noch über Filme von Frauen, über den Female Gaze? ___STEADY_PAYWALL___

Monika Treut: Ich habe sehr viel zu Transgender, Transsexualität, zu fließenden Identitäten gearbeitet. Das sind die Themen, die mich am meisten interessieren. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch erstmal männliche und weibliche Perspektiven in sich trägt. Als ich jung war, gab es in den Medien fast nur den männlichen Blick, den ich auch angewandt habe, weil ich Frauen immer schon erotisch fand. Mittlerweile arbeiten viele Regisseurinnen mit dem Female Gaze, was auch in No Mercy thematisiert wird. Aber noch spannender wird es eigentlich, wenn der Blick sich auffächert und jenseits der binären Perspektive so etwas wie einen Queer Gaze einnimmt.

Weil ich mit meinen ersten Filmen in Deutschland so viel Widerstand erlebt habe, bin ich in die USA gegangen. In Nordamerika wurden die Filme umarmt und ich konnte mir Verleiher aussuchen. Also habe ich mich entschieden, dorthin zu gehen, wo meine Arbeit geschätzt wird und bin nach New York gezogen, wo ich vier Jahre gelebt habe. Das war eine tolle Erfahrung, da habe ich sehr viel gelernt, weil die Kolleg*innen dort anders gearbeitet haben als wir. Es gab viel mehr Unterstützung und gegenseitige Hilfe in der Szene, von der ich auch profitieren konnte. 

© Real Fiction Filmverleih

Lea: Und sind die Filme, die du da gemacht hast, in Deutschland angekommen? 

Monika Treut: Ja. Ich habe zwei Filme in New York gedreht, einen Spielfilm My Father Is Coming und den vierteiligen Dokumentarfilm Female Misbehavior. Die sind nach einer guten Auswertung in den USA auch über die Berlinale nach Deutschland gekommen.
Ich habe immer im Low-Buget-Bereich gearbeitet, und konnte auch deshalb immer weitermachen. Meine Filme Didn’t Do It For Love und Gendernauts sind auch in dieser Zeit entstanden. 2001, nach 9/11, als schon zu spüren war, wohin sich die USA politisch bewegte, bin ich dann wieder endgültig nach Hamburg zurück gekehrt. 

Lea: Deine Filme sind sehr radikal, deine Themen haben angeeckt. Heutzutage hat sich diese Radikalität etwas mehr etabliert. 

Monika Treut: Verglichen zu den 80er Jahren ist das gesellschaftliche Klima viel offener geworden, aber jetzt sind wir an einem Scheidepunkt, an dem die Freiheiten wieder in Gefahr sind. Die sogenannte Wokeness wird angegriffen, DEI (Diversity, Equity and Inclusion, Anm. d. R.) wird verboten in den USA und auch hier haben die Leute langsam Angst davor, dass sich unsere liberale Haltung gegenüber vielen Themen in der Zukunft anders gestalten wird. Rechte Kräfte sind am Werk, die die erkämpfte Rechte wieder zurück nehmen möchten.  

Lea: Was glaubst du welche Rolle spielt das Publikum dabei? Ist Film hinter der Gesellschaft hinterher oder der Gesellschaft voraus? 

Monika Treut: Ich denke, ich gehöre eher zu den Filmemacherinnen, die der Gesellschaft ein Stück weit voraus waren. Ich habe schon Anfang der 90er ein Portrait über einen trans Mann gemacht, Max. Ich habe auch früh angefangen, Filme über Taiwan zu drehen, als noch Taiwan mit Thailand verwechselt wurde. Weil ich mit kleinen Budgets Nischenfilme mache, bin ich freier in meiner Themenwahl.  Das ist dann nicht unbedingt das, was in der Gesellschaft schon diskutiert wird, sondern teilweise bin ich den Debatten dann voraus. 

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Lea: Du arbeitest gerade auch an einem neuen Dokumentarfilm über die Demokratiebewegung in Taiwan. 

Monika Treut: Ja, Cooking Up Democracy. Da es geht um die Aktivistinnen, die die Demokratie in Taiwan entwickeln. Die queere Community ist sehr groß, sehr aktivistisch und engagiert sich für die Erhaltung und Verbesserung der Demokratie. Taiwan hatte eine nonbinäre Digitalministerin, Audrey Tang, die dafür gesorgt hat, dass die Pandemie dort so smooth verlaufen ist. Sie hat Apps entwerfen lassen, die nicht die Privatsphäre beschädigen, sondern dazu dienen, dass die Leute geschützt sind vor Ansteckungen. Dadurch ist dort das Leben ganz normal weiter verlaufen, ohne Shutdowns. Audrey Tang hat gerade den Alternativen Nobelpreis gewonnen. Sie ist die Hauptprotagonistin von unserem Film. 

Lea: Wie ist es für dich als deutsche Filmemacherin in Taiwan Filme zu machen? 

Monika Treut: Weil ich seit über zwanzig Jahren in Taiwan drehe konnte ich ein Netzwerk von Freund*innen dort aufbauen. Die Koproduzenten von Cooking Up Democracy sind auch selbst Filmemacher*innen und haben auch die Produktionsleitung gemacht, das war eine wunderbare Arbeit. Wir haben die Inhalte zusammen diskutiert und dadurch wurde es eine lebendige Gemeinschaftsarbeit. 

Lea: Wie ist gerade dein Gefühl zum deutschen Kino? Gibt es aktuelle Filme, die du als progressiv feministisch beschreiben würdest? 

Monika Treut: In Deutschland hat das Fernsehen leider zu viel Einfluss auf das Kino. Ich bin immer skeptisch, wenn ich in den Credits sehe, dass der Film mit Senderbeteiligung entstanden ist. Außerdem wünsche ich mir mehr neue Gesichter. Z.B. ist das skandinavische Kino häufig mutiger, frischer, auch in Bezug auf die Diversität der Figuren. In den letzten zwanzig Jahren hat sich auch in Deutschland viel getan, davor gab es ja wirklich nur weiße Mainstream-Gesichter zu sehen. Im deutschen Erzählkino gibt es immer nur Ausnahmen, die ich spannend finde. Der Dokumentarfilm hingegen ist in Deutschland schon interessanter, weil er mehr am Puls der Zeit ist. Die meisten Dokumentarfilme, die ich sehe, zuletzt zum Beispiel in Die Möllner Briefe oder in Noch bin ich nicht wer ich sein möchte, finde ich thematisch spannender und kann beim Zuschauen etwas lernen. 

Lea: Das Leben wird teurer und dadurch wird es auch schwieriger, radikale Filme zu machen, die sich nicht dem Mainstream unterordnen. Es wird schwieriger, mutig zu sein und Risiken einzugehen, aber das ist natürlich eine totale Gefahr für den Film, auch als Mittel der Demokratie. 

Monika Treut: Es gibt immer noch ein Underground-Kino, das unabhängig von Förderung und Sendern funktioniert. Vor allem in Berlin gibt es immer wieder Menschen, die sich zusammentun und dann mit wenig Geld etwas auf die Beine stellen, da habe ich viel Respekt vor. Die Filmförderungen machen leider auch viel kaputt, weil du deine Idee, dein Drehbuch, oft umschreiben musst. Dieser Prozess sorgt dafür, dass viel Energie verschwindet. Gleichzeitig sind die Förderungen thematisch auch eher konservativ, Filme wie z.B. der  Body-Horror-Film von Julia Ducournau, Raw, in dem es um Kannibalismus geht, hätte es bei deutschen Förderungen schwer gehabt.

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Lea: Hast du persönlich auch schonmal gedacht, dass du, um erfolgreich zu sein, weniger radikal sein darfst, dass du dein Filmemachen verändern musst? 

Monika Treut: Ja, klar. Ich hatte eine große Krise, das war um 2000, als die sogenannte digitale Revolution losging. Da kam The Blair Witch Project in die Kinos, die erste große Low Budget Produktion, die sehr günstig mit Digitalkameras produziert wurde. Der Film wurde für 10.000 Dollar gemacht und hat ca. 15 Millionen Dollar eingespielt. Das hat die Szene sehr verändert. Plötzlich wollten alle Filme machen, um Geld zu verdienen. 

Ich habe mich gefragt, wo das alles hinführt und war ziemlich unglücklich. Als dann noch 9/11 dazukam hatte ich eine Zeit lang überhaupt keine Lust, weiterzumachen. Freund*innen in New York  haben mich dann wieder auf den Teppich geholt und mir ein Projekt in Brasilien angetragen. So habe ich einen aktivistischen Film gedreht: Kriegerin des Lichts. Er handelt von Projeto Uere, einem Projekt in der Favela von Rio, das eine brasilianische Menschenrechtlerin gegründet hat. Sie hat eine Schule aufgebaut für Kinder in der Favela, die nicht lernen können, weil sie durch die alltägliche Gewalt dort traumatisiert sind. Die Zusammenarbeit mit den Kindern des Projekts war heilend und durch den Film hat es eine nachhaltige Welle von Unterstützung für das Projekt gegeben, wodurch die Schule viele Jahre finanziert werden konnte. Es war sehr befriedigend zu erfahren, dass so ein kleiner Dokumentarfilm wirklich etwas verändern kann. 

Lea: Glaubst du, dass Film als Mittel auch in der aktuellen Krise wieder eine Veränderung hervorrufen kann? 

Monika Treut: Das ist eine große Frage. Die Weltlage stimmt ja eher pessimistisch. In den USA wird die Demokratie gerade vor unseren Augen zerstört. Viel zerstörerisches Potential ist schon nach Europa gekommen. Ich sehe mehr, dass es darum geht, uns zusammenzutun, Solidarität mit unterschiedlichsten progressiven Gruppen zu üben, um diesen Backlash aufzuhalten. Ich bin ja auch viel in der Queer Community unterwegs, wo ich immer wieder sagen muss: Feministinnen gegen trans Frauen, das geht gar nicht. Wir müssen zusammenhalten. Erst geht es gegen trans Menschen, dann sind die Frauen dran. Vor allem der Kampf für die Trans-Community ist extrem wichtig und steht auf der Kippe. Was Donald Trump und die Maga-Bewegung in den USA veranstalten, ist unfassbar und gefährlich. 

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Gegenbewegungen, die Hoffnung machen. Gerade die queeren Filmfestivals in den USA sind Orte des Widerstands: RESIST! Es entstehen auch wieder neue Verleihe und Kinos, wo sich der kulturelle Widerstand trifft. Z.B. der Verleih Muscle Distribution, gegründet von einer jungen trans Frau, macht gerade einen Re-release meiner Filme in den Zentren des Widerstands. Es gibt eine richtig spannende Underground-Bewegung von trans Menschen und Feministinnen, gerade weil die Situation so angespannt ist. Die Kinokultur in den USA wird widerständig.  

Lea: Vielen Dank für deine Zeit! 

 

No Mercy startet am 5. März 2026 in den Kinos.