Kein Mann für leichte Stunden – Revisited

Damien (Vincent Elbaz), ein Pariser Startup-Macho (seine Freunde finden ihn „charmant“) lernt Alexandra (Marie-Sophie Ferdane) bei der Lesung seines Schriftsteller-Freundes kennen. „Sie sind aber groß“, stellt er fest. „Ist das ein Problem?“, kontert sie, woraufhin er die Form ihrer Lippen kommentiert. Am Ende fragt Damien Alexandra, wann sie sich wiedersehen. „In einem anderen Leben“, antwortet diese trocken. Die Komödie Kein Mann für leichte Stunden von Éléonore Pourriat (im französischen Original weniger pseudo-humorig betitelt, Je ne suis pas un homme facile – wörtlich: „Ich bin kein leichter Mann“ wie in „leichtes Mädchen“), die Netflix seit 2018 im Programm hat, denkt den Wunsch von Alexandra weiter: Die andere Welt, in der die beiden sich wiederbegegnen, ist eine, in der Damien keine Chance mehr damit hat, ihre Würde zu untergraben, weil ihm das Macho-Sein durch umgekehrte Genderrollen unmöglich gemacht wird. Es ist ein Film, den ich mir in regelmäßigen Abständen noch einmal ansehe, denn er hat einen therapeutischen, befreienden Effekt.

Nach der Lesung seines Freundes ruft Damien auf der Straße einer Frau in bester Catcalling-Manier hinterher, läuft gegen eine Straßenlaterne (mensch gönnt es ihm aus tiefstem Herzen), wird bewusstlos und wacht im Matriarchat wieder auf. Hier heißt der berühmte Pariser Friedhof nicht Père Lachaise, sondern Mère Lachaise. Frankreich hat eine Präsidentin. Die Mülltonnen werden von Müllfrauen abgeholt. Frauen gelten als die körperlich Stärkeren. Sie sprechen Männern gegenüber ungeniert über ihr Sodbrennen und ihre Bierbäuche, finden aber Brustbehaarung bei Männern unsexy. Bei One-Night-Stands kommen die Frauen laut und unästhetisch zum Orgasmus und rollen sich dann von den Männern herunter, die nicht gekommen sind. Ehemänner leisten in ihren Beziehungen die emotionale Arbeit. Die literarischen Klassiker sind allesamt von Frauen verfasst, in Filmen wandert die Kamera genüsslich über nackte Männerkörper. 

© Céline Nieszawer/Netflix

Als Damien nach seiner Kollision mit der Straßenlaterne dämmert, dass sich die Genderrollen umgekehrt haben, nimmt er seine Situation zunächst mit Humor und freut sich darüber, auf offener Straße von Frauen angebaggert zu werden. Doch nach und nach wird es ihm unangenehm. Im Startup platzt ihm der Kragen gegenüber seiner Chefin, die nun seine Frau ist und ihren Vorrat an Tampons in einer Schüssel auf ihrem Schreibtisch lagert. Er wird gefeuert. Sein Freund, der nun nicht mehr Schriftsteller, sondern der Assistent der Schriftstellerin Alexandra ist, vermittelt ihm einen neuen Job: Damien soll ihn vertreten, solange er sich um sein neugeborenes Kind kümmert. Als Alexandra Damien sieht, sagt sie zu ihm: „Sie sind aber echt groß.“

Frauen legen in Pourriats Film ihren Partnern beim gemeinsamen Flanieren den Arm um die Schultern, und nicht nur deshalb ist es gern gesehen, wenn der Mann kleiner ist als die Frau. Der Film erfindet ein „starkes Geschlecht“, das an unsere Erfahrungen mit „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ anknüpft – so tragen die Frauen außerdem Anzüge und einige der Männer haben ellenlange Haare. Dem feministischen Anliegen, in der patriarchalen Gesellschaft als „weiblich“ gedeutete Eigenschaften ins Positive umzudeuten, verschreibt sich diese Erzählung nicht. Zwar wird das Gebären beispielsweise als Akt der körperlichen Stärke dargestellt, aber Eigenschaften wie Sanftheit und emotionale Intelligenz sind demgegenüber in der Gesellschaft des Films zugeschriebene Eigenschaften des „schwachen Geschlechts“, also der Männer. Eine Utopie ist diese Geschichte nicht; auf der Basis von Gender wird hier immer noch der eine Teil der Bevölkerung unterdrückt. Bei einer stumpfen Umkehr der Genderrollen bleibt es aber wiederum auch nicht vollends. Die genialen Kostüme von Laurence Forgue Lockhart und Alice Cambournac, das ebenso geniale Setdesign (Philippe Hezard) sowie das hervorragende Ensemble, das bis in die kleinste Nebenrolle on point gecastet ist (u. a. Pierre Bénézit, Christophe Blanche Gardin, Céline Menville), erschaffen vielmehr ein Stück weit eine eigene, fiktive Weiblichkeit – und Männlichkeit.___STEADY_PAYWALL___

© Céline Nieszawer/Netflix

Das Vertauschen der Genderrollen hat Regisseurin und Co-Drehbuchautorin Pourriat bereits 2010 in ihrem Kurzfilm Oppressed Majority effektiv genutzt, in dem es noch vornehmlich um sexuelle Gewalt ging. Der Kurzfilm ging 2014 viral, wurde in verschiedenen Medien breit diskutiert. Damals wurde zu Recht die Kritik geäußert, dass dieser zum einen das Kopftuch einseitig als Mittel der Unterdrückung und zum anderen eine Gruppe migrantisierter Personen als einzige Aggressorinnen in den Fokus rückt. Der Langfilm Kein Mann für leichte Stunden ist zwar immer noch weder in Bezug auf den Cast noch in Bezug auf die Figuren wirklich divers – auch hier ist der Feminismus ein weißer –, greift aber immerhin den Rassismus des Kurzfilms in Bezug auf die einseitige Erzählung auf, dass das Kopftuch ein Mittel der Unterdrückung wäre. In einer Szene sitzen zwei hijabtragende Männer in einer Bar, die Wirtin weigert sich, sie zu bedienen. Einer der Männer ruft: „Entweder sind es die Kopftücher, oder die kurzen Hosen! Wir Männer machen immer etwas falsch.“ Anders als der eher düstere, bedrohlich inszenierte Kurzfilm ist Kein Mann für leichte Stunden zwar eine Komödie, weist aber viele solcher ernsten und zum Teil aufwühlenden Szenen auf. So erzählt der Sohn seines besten Freundes Damien, dass er in der Schule von einem Mädchen sexuelle Gewalt erfahren hat, woraufhin Damien lediglich ein verlegenes Lachen hervorbringt. Klamaukig wird der Film nie, der Humor ist fein austariert und offenbart die Absurditäten der binären Genderkategorien, ohne sie allzu sehr zu überzeichnen.

Ungleichheit, Sexismen, Normen und Machtverhältnisse sind in Pourriats matriarchaler Welt genauso wie im Patriarchat bisweilen offensichtlich und bisweilen subtil. Der Trick, die Genderrollen bis ins letzte Detail umzukehren und umzudeuten, befördert sie konsequent zutage: Als Zuschauerin nehme ich sie nun verstärkt und mit frischem Blick wahr, weil meine Sehgewohnheiten, meine angelernten Kategorien, die Selbstverständlichkeiten meiner patriarchalen Welt hier nicht mehr greifen. Im Patriarchat fallen sie mir zwar ebenfalls auf, zermürben und frustrieren mich. Doch dieser Film kehrt so präzise die Erwartungen um, dass Gender Expressions und genderbezogene Zuschreibungen umso deutlicher hervorstechen. Gerade auch die, die wir im Alltag dann doch nicht mehr in ihrer Schwere wahrnehmen und abseits von theoretischen Diskursen nicht hinterfragen. Das funktioniert für zentraleuropäische Sehgewohnheiten umso mehr, da die Protagonist*innen des Films der vermeintlich besonders emanzipierten Pariser Bildungselite angehören, wo man meint, den Sexismus längst hinter sich gelassen zu haben. Anders als beispielsweise bei der ebenfalls aus Frankreich stammenden Satire Jacky im Königreich der Frauen von Riad Sattouf, die den Tausch der Genderrollen einfachheitshalber in ein erfundenes „fernes“ Fantasieland verfrachtet, in das Elemente aus verschiedenen Kulturen und Religionen gemischt werden und in dem die Männer Tschador tragen.

© Céline Nieszawer/Netflix

Dass sich Damien und Alexandra im Verlauf der Geschichte natürlich ineinander verlieben und das in einer recht konventionell erzählten Liebesgeschichte mündet, könnte als Wermutstropfen betrachtet werden und nimmt zwischendurch tatsächlich etwas Tempo aus der mal witzigen, mal ernsten und ansonsten gut getakteten Satire. Allerdings sind ja gerade Hetero-Paarbeziehungen ein Ort, an dem Gender besonders akut und essenziell verhandelt wird. In der schönsten Szene des Films halten Alexandra und Damien einander an den Händen, als sie in einen queeren Nachtclub hinabsteigen. Im violetten Licht tanzen dort Frauen in glitzernden Kleidern und hohen Schuhen – die ja in ihrer Welt sonst den Männern zugeteilt werden. Manche der tanzenden Männer tragen Hüte und Anzüge, andere so wie sonst lange Haare und Röcke. Als Zuschauer*in ist mensch verwirrt, welche Person da nun welches Gender performt. Waren lange Haare und Pailletten in dieser Welt „weiblich“ oder „männlich“? In dem Gewirr von tanzenden Körpern fällt es schwer, Kleidung, Körperschmuck, Gesten und Bewegungen den Genderkategorien zuzuordnen. Zwar besteht der Charme dieses Films – die für mich geradezu heilsame Wirkung – darin, ein eineinhalbstündiger Racheakt zu sein, im Zuge dessen den im Patriarchat Dominanten ihre eigene Dominanz angetan wird. In dieser Szene jedoch wird sämtliche Unterscheidung in Genderkategorien kurz aufgelöst, und das ist der Moment, in dem der Film dann doch kurz eine Utopie durchscheinen lässt.

Kein Mann für leichte Stunden ist am 31. Mai 2018 auf Netflix erschienen.


© Foto: privat

Über die Gast-Löwin:

Lena Völkening schreibt als freiberufliche Journalistin am liebsten über gesellschaftliche Themen. An der Uni Oldenburg arbeitet sie gerade als Dozentin für Historische Linguistik und schreibt eine Doktorarbeit über den Genderstern. Sie hat außerdem mehrere Sachbücher und Comics aus dem Französischen übersetzt und macht veganen Aktivismus.