Berlinale 2021: Genderation

Mit Genderation kehrt Monika Treut nach mehr als zwei Jahrzehnten zu einigen der legendären Protagonist:innen ihres Dokumentarfilms Gendernauts in die Bay Area um San Francisco zurück.

© Salzgeber

Mit Gendernauts gewährte Monika Treut 1999 Einblick in die genderqueere Szene San Franciscos um die Medien- und Performancekünstler:innen Jordy Jones, Stafford, Texas Tomboy, der Trans Studies Theoretikerinnen Sandy Stone und Susan Stryker, inter Aktivist:in Hida Viloria sowie dem Schriftsteller Max Wolf Valerio, der Sexarbeitsaktivistin und Künstlerin Annie Sprinkle und der Nachtclubikone Cindy Lee „Tornado“ Terhune. Mit Genderation kehrt sie über zwanzig Jahre später zu fünf der ursprünglichen Protagonist:innen zurück: Annie Sprinkle lebt heute mit ihrer Partnerin Beth Stephens und dem Hund Butch im Süden von San Francisco, beide verbinden in ihren ökosexuellen Kunstprojekten Umweltaktivismus und sexpositiven Feminismus. Stafford, der Ende der 1990er Jahre als Model und Fotograf:in gearbeitet hatte und gemeinsam mit Jordy Jones die legendäre queere Performance-Reihe Club Confidential organisiert hatte, gründete in der Zwischenzeit in Oakland ein Umzugsunternehmen und ist in die Fußstapfen seines Vaters, eines gewerkschaftlich organisierten LKW-Fahrers, getreten. Susan Stryker, eine der Gründungsfiguren der Trans Studies, lebt mit ihrer Partnerin Mimi Klausner heute wieder in San Francisco. Max Wolf Valerio hat in der Zwischenzeit ein Buch veröffentlicht, in dem er über seine Transition schreibt und ist in die Gegend von Denver gezogen. Sandy Stone, die mit ihrem Text The Empire Strikes Back: A Postranssexual Manifesto 1987 ebenfalls die Trans Studies mit begründet hat, engagiert sich inzwischen bei einem alternativen Radiosender und lebt in Santa Cruz.___STEADY_PAYWALL___

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Monika Treut beginnt Genderation mit einem Hinweis auf ihre tiefe Verbindung zu trans* Personen. Während ihre Ausführungen dazu anhand von zwei Kindheitsfotos seltsam plump anmuten, ist die Nähe zu ihren Protagonist:innen im Folgenden durch Archivmaterial aus Gendernauts und Treuts einführenden Kommentaren gut nachvollziehbar. Interviews in Wohn- und Arbeitssettings und aus fahrenden Autos gefilmte Stadtlandschaften, unterlegt mit atmosphärischer Musik von Mona Mur, geben einen Eindruck davon, wie sich die genderqueere Szene San Franciscos und mit ihr die Biographien der Protagonist:innen verändert und entwickelt haben. So wird schnell klar, dass es die legendäre Szene aus Gendernauts  so nicht mehr gibt. Der Technologieboom der letzten zwanzig Jahre und das Geld der Boomgewinner:innen aus dem Silicon Valley haben San Francisco gentrifiziert und die lebendige künstlerische und genderqueere Szene der 1990er Jahre langsam zersetzt. Steigende Mieten und Lebenskosten haben Künstler:innen, gendernauts und alle, die sich das nicht leisten können, aus der Stadt, die Annie Sprinkle die „Klitoris Amerikas“ nennt, vertrieben und San Francisco damit reicher und weißer gemacht. In einer tragisch-komischen Szene unterstreichen Susan Stryker und ihre Partnerin Mimi Klausner, wie die Präsenz finanzstarker Geschäftsleute das Stadtbild verändert. Vor einem Haus in ihrem Viertel bemerken Stryker und Klausner, wie sich mit dem Zuzug der neuen Nachbar:innen langsam ein eigener Stil ausbreitet, erkennbar an der schwarzen Wandfarbe über den ehemals bunten Fassaden, die jetzt bis hin zur Schriftart der Hausnummern vereinheitlicht sind.

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Genderation changiert zwischen längeren Interviewsequenzen, die vom Charisma und der sprachlichen Präzision der Protagonist:innen leben und kürzeren Alltagsszenen, die in ihrer Konstruiertheit teilweise nicht überzeugen: Wenn Max Wolf Valerio beispielsweise in einer Buchhandlung nach seinem Buch The Testosterone Files fragt und der Buchhändler es sofort aus dem Regal hinter der Kasse zieht. Die Wechsel zwischen den Interviewabschnitten markieren lange, musikunterlegten Szenen, in und aus fahrenden Autos gefilmt. Die so erzeugten Eindrücke langer einsamer Autofahrten, ob Max Wolf Valerios Fahrten nach Boulder, wo dieser sein in den 1970er Jahren abgebrochenes Studium wieder aufgenommen hat oder Staffords Fahrten in die Wüste, wo er aufgrund der geringeren Grundstückspreise ein Haus baut, evozieren ein Bild von Vereinzelung und Individualisierung. Stafford kontrastiert im Interview auch die Bedeutung, die die genderqueere Szene San Franciscos in den 1990ern für ihn persönlich hatte und wie mit zunehmendem Alter die Sorge um seine ökonomische Absicherung sein Sozialleben stark in den Hintergrund rücken ließ.

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Genderation thematisiert neben Gentrifizierung und der jahrelangen Prekarität seiner Protagonist:innen auch Themen wie queere und trans* Wahl/Verwandtschaften, Alter, Krankheit und die katastrophalen Folgen der Trump-Rregierung für Transrechte, wie Einschnitte beim Zugang zu medizinischer Versorgung, den Abbau des Diskriminierungsschutzes am Arbeitsplatz und der Zurücknahme des Rechts auf sicheren Zugang zu öffentlichen Toiletten. Während der Film auch die Auswirkungen von Trumps Politik auf Klima und Umwelt, und auf weitere minorisierte Bevölkerungsgruppen thematisiert, wird auch klar, dass die Protagonist:innen mit ungebrochener Energie weiterhin politisch aktiv sind. Stafford mit, wie er es nennt, Guerilla Marketing für trans* Personen, Max Wolf Valerio in einem bürokratischen Kampf um seine Rechte als Sohn einer indigenen Kanadierin, Sandy Stone und Susan Stryker als Vorreiterinnen der Trans Studies und Annie Sprinkle und Beth Stephens mit ihren ökosexuellen Kunstprojekten. So zeigt Genderation Sprinkle und Stephens in fantasievollen Kostümen bei Performances, in denen sie in Venedig das Meer oder in Finnland den Kallavesisee heiraten, während Sprinkle ihre Vorstellung einer Sexualität beschreibt, die frei ist von den Normen und Stereotypen, welche uninteressant sind für genderqueere Menschen, aber auch für Menschen in und nach ihrenden Wechseljahren, für Menschen, die sich in Krebsbehandlung befinden oder im Gefängnis. Eine Sexualität also, die alle Sinne sowie die Erotik der Natur mit einbezieht. Sprinkle und Stephens sind sich durchaus im Klaren darüber, dass es auch ihre weißen Privilegien sind, die es ihnen ermöglichen, seit über zwanzig Jahren künstlerisch tätig sein zu können, während ein Großteil ihrer Bekannten im Lauf der Zeit ihre künstlerische Praxis aufgeben mussten.

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Während die Protagonist:innen von Genderation eine klare politische Position beziehen, stellt sich die Frage, warum bestimmte aktuelle Kämpfe im Film nicht thematisiert werden. So fehlt beispielsweise Hida Vilorias’ Stimme als inter Aktivist:in, eine Auslassung, die nicht nachvollziehbar wird. Im Gegensatz zu Tornado, Jordy Jones und Texas Tomboy, deren Abwesenheit Monika Treut in einem Interview mit Tod, Umzug beziehungsweise Gesundheitszustand erklärt, wird Viloria, inzwischen preisgekrönte:r Autor:in und international bekannte:r Aktivist:in, an keiner Stelle erwähnt.

Trotz Auslassungen hinterlässt Genderation einen bestärkenden Eindruck der widerständigen Kraft von genderqueeren und trans* Politiken als, wie es Susan Stryker beschreibt, eingebunden in breitere gesellschaftliche Kämpfe. Stryker erwähnt im Interview den menschlich verursachten Klimawandel als Beispiel, aber auch trans* Politiken im Sinne eines Verstehens davon, was passiert, wenn rechte Kräfte Staatsapparate übernehmen und Minderheiten und Migrant:innen ausgrenzen. Trans* bedeutet in diesem Sinne nicht nur ein radikales in Frage stellen biologistischer und essenzialisierender Körpervorstellungen, sondern auch eine Kritik daran wie vor allem mehrfach marginalisierte Körper vom Staat als Ressource verwendet werden. Dass diese Politiken durchaus auch humorvoll sein können, wird gegen Ende des Films deutlich, wenn Stone, Sprinkle und Stephens bei der Walbeobachtung darüber witzeln, eigentlich „Wale, gefangen in Frauenkörpern zu sein“.

 

Autor

  • Jul Tirler forscht und schreibt zu Repräsentationspolitiken, Repräsentationskritik und feministischen Praxen und Theorien. Meistens in Wien, gerne aber auch in Paris, Madrid oder mit Blick auf die Berge. Jul interessiert sich besonders für kollektiv produzierte Filme und Film als aktivistische Praxis.