„… ein Baby der Leidenschaft!“ Interview zur zweiten Ausgabe von Queertactics – Queer_feministisches Filmfestival Wien

2019 hat in Wien erstmals das queer_feministische Filmfestival Queertactics stattgefunden. Dieses Jahr geht das Festival in seine zweite Runde, und ich habe mit den Organisatorinnen Dagmar Fink, Gabi Frimberger und Katja Wiederspahn über Festivalschnulzen, queere Sehgewohnheiten, faire Bezahlung und Filmförderung gesprochen.

Drei Personen stehen eng beeinander an einen hohen Tisch gelehnt. Alle haben ein Glas Sekt in der Hand.

Gabi Frimberger, Dagmar Fink, Katja Wiederspahn © Jana Madzigon

Ich habe die erste Ausgabe von Queertactics 2019 leider verpasst. Könnt ihr mir erzählen, wie Queertactics entstanden ist? Ich bin auch neugierig, was es mit dem Namen auf sich hat!

Gabi Frimberger: Die Idee zu dem Festival kam auf, als das queere Filmfestival Identities aufgehört hat. Ich war Festivalleiterin der Frauenfilmtage und wollte dieses Festival erhalten. Ich wollte es aber nicht alleine machen, sondern auch eine Queer-Spezialistin und eine erfahrene Filmwissenschaftlerin an meiner Seite haben.

Dagmar Fink: Der Name ist abgeleitet von Dyketactics. Eine Referenz an Barbara Hammer fanden wir schön, aber wir wollten das Festival nicht Dyketactics nennen, nicht nur, weil der Name schon vergeben ist, sondern auch, weil wir ein größeres Spektrum ansprechen wollen.

Sechs Personen stehen vor einer Backsteinmauer und lachen. Im Hintergrund ein Hochhaus.

Standbild aus No Straigth Lines © Compadre Media Group

Ihr sprecht die faire Bezahlung von allen an, die „auf, vor und hinter der Kinoleinwand einen Beitrag zum Gelingen des Festivals leisten“, was ich vor dem Hintergrund von Selbst- und Fremdausbeutung im Festivalbereich sehr wichtig finde. Was sind eure Taktiken in Bezug auf faire Bezahlung für alle, gerade auch bei mangelnder öffentlicher Finanzierung von kleinen Festivals?

Katja Wiederspahn: Die Situation ist derzeit beschissen. Wir haben hauptsächlich bei der Stadt Wien um Förderung angesucht und sind mehrfach abgelehnt worden mit dem Hinweis, dass es bereits ein anderes queeres Festival gibt: Transition International Queer & Minorities Film Festival. Der Festivalbeirat der Stadt, der Empfehlungen ausspricht, ob es eine Förderzusage geben soll oder nicht, hat außerdem unsere queer_feministische Perspektive und den Fokus auf queere Weiblichkeiten als nicht zeitgemäß wahrgenommen. Die zweite Ausgabe von Queertactics sollte letztes Jahr zeitgleich mit der Onlinekonferenz „Screenfest – Queer Filmfestivals im Kontext“ stattfinden, musste aber wegen Corona mehrfach verschoben werden. Durch die Konferenz hatten wir die Möglichkeit, Queertactics als Rahmenveranstaltung für die Konferenz minimäßig zu finanzieren. Wir kommen dieses Jahr mit kleineren Förderungen so auf knapp 10.000 Euro. Dagmar und ich arbeiten für gar nichts. Gabi bekommt ein wirklich kleines Honorar, das haben wir so entschieden, weil ich letztes Jahr von der Stadt Wien ein Corona-Arbeitsstipendium bekommen und mit Dagmar geteilt hatte und wir das sozusagen aufwenden für die Arbeit an Queertactics. Praktikant*innen oder andere Personen außer uns, die unbezahlt arbeiten, gibt es bei uns jedoch nicht! Dennoch sind wir Lichtjahre davon entfernt, das umzusetzen, was wir uns vorgenommen haben. Was wir dennoch tun, ist allen Gäst:innen, die keine Filmemacher:innen sind und bei uns auftreten, ein kleines Honorar anzubieten. Wir versuchen, Mini-Standards umzusetzen, obwohl wir uns selbst die eigentlich nicht leisten können. Das heißt, wir würden gerne fair bezahlen, aber haben nicht das Geld dafür. Und wir würden zuallererst auch gerne uns selbst bezahlen.

Dagmar Fink: Der Festivalbeirat der Stadt Wien findet, es gibt genug queeres Kino in Wien und es gibt auch genug queere Filme auf anderen Festivals plus diese wirklich homophobe und misogyne Begründung, queer_feministisch sei zu eng gedacht. Wir haben im Vorfeld den Vizebürgermeister und die Antidiskriminierungsstelle der Stadt Wien um Unterstützung gebeten und gesagt, es gibt Identities nicht mehr, es gibt Transition, die machen tolle Arbeit, aber das ist sehr klein im Verhältnis zu dem, was Identities war. Ihr habt in eurem Regierungsprogramm stehen, ihr wollt für LGBTIQ*-Sichtbarkeit arbeiten, dann unterstützt uns bitte. Daraufhin kam nichts, trotz Hinweis, dass Gelder von queeren Festivals auf andere Festivals umverteilt wurden.

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Mary und Charlotte blicken einander tief in die Augen

Standbild aus Ammonite © Tobis Film

Trotz dieser Ausgangslage habt ihr es geschafft, ein tolles Programm zusammenzustellen! Auf was dürfen sich die Zuschauer:innen beim Festival besonders freuen?

Katja Wiederspahn: Der Eröffnungsfilm ist No Straight Lines: The Rise of Queer Comics von Vivian Kleiman, eine Doku über queere Comics, die uns total mitgerissen hat. Besonders schön an dem Film ist seine vielstimmige Perspektive. Er zeigt ganz unterschiedliche Generationen, von den Older Boys and Girlz bis zur jungen queeren Szene in der US-Comiclandschaft. Am Eröffnungstag gefolgt von unserer Festivalschnulze, Ammonite von Francis Lee. Das ist auch unser ‘mainstreamigster’ Film. Wir waren doch einigermaßen perplex und sehr erfreut, dass der Verleih Tobis uns die Österreichpremiere des Films zur Verfügung stellt.

Gabi Frimberger: Was ich schön finde am Programm ist, dass wir ganz verschiedene Einsichten geben und viele Perspektiven an queerem Leben abdecken und auch explizit nach Filmen aus Regionen gesucht haben, die wenig im Kino vertreten sind. Wir haben uns zum Beispiel mit dem Film Trouble von Mariah Garnett gefragt, wie queere Filme denn eigentlich auch sein könnten und was Queerness auch ästhetisch im Film bedeuten kann.

Es sind das Gesicht einer Person, die eine Gasmaske trägt zu sehen und deren nackte Schultern. Im Hintergrund ist eine Lichterkette an der Wand. Die Beleuchtung ist rosa.

Standbild aus Less Lethal Fetishes © Thirza Cuthand

Wie seid ihr bei der Auswahl vorgegangen mit dem Anspruch, Filme zu zeigen, die in Kontexten entstanden sind, die sonst nicht gut vertreten sind auf Festivals?

Katja Wiederspahn: Wir profitieren da von verschiedenen Aspekten. Die Filme von Thirza Cuthand zum Beispiel waren ein Zufallsfund. Im Rahmen der Berlinale hat das Forum eine Ausstellung mit Bewegtbildern gemacht in der kanadischen Botschaft und da gab es einige Kurzfilme von Thirza Cuthand zu sehen. Ich habe sie gesehen und war blown away, was das für radikale Filme sind. Für uns war auch klar, das funktioniert für unser Publikum nur, wenn wir die Filme untertiteln. 80 Minuten Kurzfilm zu untertiteln ist finanziell ein Hammer. Zum Glück gibt es ein Netzwerk von anderen Festivals, mit denen wir auch durch Screenfest mehr in Kontakt gekommen sind. So gibt es zwei Festivals beziehungsweise Kino-Initiativen, Kinovi[sie]on Innsbruck und Remake – Frankfurter FrauenFilmTage die die Filme nachspielen. So konnten wir es uns leisten, die Filme zu untertiteln und so die Perspektive einer kanadischen First Nations-Filmemacherin und -Künstlerin einzubringen, die total außergewöhnlich ist, sowohl von ihren Themen als auch wie sie damit umgeht.

Alle: Natürlich schauen wir uns auch andere queere Festivals und Verleihe an, die für queere Filme bekannt sind. Und sehr gezielt auch queere Filmfestivals, die nicht in Europa sind, sondern in Südamerika, Afrika oder Festivals, die einen Asienfokus haben. Es ist uns sehr wichtig, Filme aus allen möglichen Regionen zu zeigen und nicht nur europäisches und US-amerikanisches Kino. Allerdings ist uns auch wichtig, dass es zum Teil eine Begleitung braucht. Für Welcome to the USA von Assel Aushakimova, ein Film, der in Almaty, Kasachstan spielt, waren wir sehr darum bemüht, auch einen Kontext für den Film zu schaffen und ein Sprechen im Kino zu ermöglichen.

Was wollt ihr mit Queertactics erreichen?

Alle: Wir wollen neugierig machen. Das ist ein wichtiger Motor unserer Arbeit. Und wir wollen die richtigen Präsentationsformen finden für die Filme und die richtige Einbettung. Uns ist auch wichtig, den Mut zu haben, Filme zu zeigen, die Sehgewohnheiten durchbrechen und einen Ort zu schaffen, um gemeinsam queeres Kino zu sehen und darüber zu sprechen und gemeinsam diese Filme zu feiern. Und es soll Spaß machen, sowohl uns, als auch dem Publikum!

Autor

  • Jul Tirler forscht und schreibt zu Repräsentationspolitiken, Repräsentationskritik und feministischen Praxen und Theorien. Meistens in Wien, gerne aber auch in Paris, Madrid oder mit Blick auf die Berge. Jul interessiert sich besonders für kollektiv produzierte Filme und Film als aktivistische Praxis.