Das Zweigeschlechtersystem ist ungesund! – Trans – I got life von Imogen Kimmel und Doris Metz

Während im US-amerikanischen Raum schon länger der Begriff des Transgender Tipping Point umher geht, mit dem die zunehmende Sichtbarkeit von trans* Personen auch mit zunehmender Gewalt vor allem gegen ökonomisch benachteiligte und transweibliche Personen of Color in Verbindung gebracht wird, scheint die Darstellung von trans* unter anderen Vorzeichen nun auch im EUropäischen Kontext zuzunehmen. Imogen Kimmels und Doris Metz Dokumentarfilm Trans – I got life reiht sich hier in eine Reihe von Filmen und Serien ein, die in den letzten Jahren trans* thematisiert haben, wie Neubau, Zuhurs Töchter, Lola und das Meer, Kleines Mädchen, Feel Good oder Eine total normale Familie.___STEADY_PAYWALL___

Ich habe mir beim Ansehen von Trans – I got life folgende Fragen gestellt: Wer repräsentiert da eigentlich wen? Wer wird dargestellt und was wird damit sichtbar gemacht? Was wird durch Auslassungen auch unsichtbar gemacht?

Im Bild ist Julius beim Fahren eines Linienbusses zu sehen

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Kimmel und Metz porträtieren sieben trans* Personen, die an unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben stehen und unterschiedliche Hintergründe haben: Conny ist ehemalige Rennfahrerin und Besitzerin einer Autowerkstatt. Jana, die jüngste Porträtierte, lebt bei ihrer Mutter und begeistert sich für Fotografie und Instagram als Medium der Selbstdarstellung. Rikku lehnt die Bezeichnung trans* für sich selbst ab, lebt in den USA und reist im Film für medizinische Behandlungen nach Deutschland. Julius arbeitet als Busfahrer, seine Leidenschaft gilt der Musik und seine Songs sind immer wieder auch Soundtrack für die Szenen, in denen er zu sehen ist. Mik ist ehemaliger Profisportler und wird als motivierender und umsichtiger Eishockeytrainer dargestellt. Verena ist sowohl in dem Dorf zu sehen, in dem sie aufgewachsen ist, als auch in ihrer aktuellen Wohnung, in der sie als Tischlerin alle Möbel selbst gebaut hat. Elisabeth, die bei der Bundeswehr arbeitet, spricht über ihre aristokratischen Vorbilder Elisabeth von Österreich und Elisabeth von Thüringen, die sie für ihren Widerstand gegen Konventionen bewundert, ein Aspekt, den sie auch in ihrer eigenen Biographie wieder findet. Im Film zu sehen ist auch, dass die meisten der Dargestellten liebevolle und unterstützende partnerschaftliche und familiäre Beziehungen haben.

Elisabeths Partnerin lehnt sich an Elisabeths Schulter, beide lächeln mit geschlossenen Augen.

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Eine große Stärke des Films sind seine sieben Protagonist:innen. Sie werden durch die Einbettung in ihren Arbeits- und Beziehungsalltag und das Thematisieren ihrer Interessen und Leidenschaften als Charaktere greifbar. So werden sie weniger als in vergleichbaren Dokumentationen auf ihr trans* sein reduziert und als sympathische und komplexe Persönlichkeiten dargestellt.

Ein für mich sehr irritierender Aspekt im Film ist allerdings die Art und Weise, wie geschlechtsbestärkende Operationen thematisiert werden. Diese spielen für alle sieben Dargestellten eine Rolle und alle wurden auch vom gleichen Chirurgen behandelt. Trans – I got life gibt diesem Chirurgen und seiner Operationspraxis sehr viel Raum. Operationsszenen werden sehr plastisch dargestellt, es sind immer wieder abgetrennte Körperteile und viel Blut zu sehen. Ich vermute, dass die explizite Darstellung von blutenden Körperteilen nicht nur bei mir Ekel hervorruft und ich frage mich, was die Regisseurinnen damit bezwecken, wenn sie in Kauf nehmen, das Gefühl von Ekel in Zusammenhang mit trans* Körpern hervorzurufen.

Vier Personen operieren im Operationssaal, die weißen Kittel sind blutbespritzt.

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Ich frage mich auch, ob das explizite Thematisieren von Genitaloperationen, auf der Bildebene, aber auch in Interviews nicht mit dazu beiträgt, dass Zuseher:innen, die nicht trans* sind, den Eindruck bekommen, es wäre in Ordnung oder sie hätten ein Recht darauf, trans* Personen explizit auf ihre Genitalien oder ihren Wunsch nach geschlechtsbestärkenden Maßnahmen wie Operationen anzusprechen.

Im Film gibt es dazu zwei sehr eindringliche Szenen: Connys Partnerin berichtet in einem Interview von Komplikationen nach einer von Connys Operationen. Conny schweigt zuerst dazu und beginnt dann zu weinen. In einer anderen Szene spricht Janas Mutter über Janas Genitalien, während diese immer unruhiger wird, mit den Augen rollt, zu gähnen beginnt und schließlich in bestimmten Ton zu ihrer Mutter sagt: “Das wird mir jetzt aber zu persönlich!” Während ich die Bestimmtheit und den Mut von Jana, in dieser unangenehmen Situation für sich einzustehen, bewundere, frage ich mich auch, warum es notwendig war, diese Szene im Film zu behalten.

Der Chirurg erscheint im Film als der Experte, der das „Phänomen“ trans* erklärt oder besser erklären kann als trans* Personen selbst. Hier ist auch schade dass die Chirurgin Dr. Marci Bowers im Film nicht mehr Raum einnimmt. Als erste trans* Frau, die selbst geschlechtsbestätigende Operationen durchführt, kommen von ihr spannendere Beiträge als von ihrem Kollegen, zum Beispiel, wenn sie darauf hinweist: Das Zweigeschlechtersystem ist ungesund!

Mik lächelt sich selbst im Spiegel an.

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Bowers Kollege hingegen bedient vereinfachende und vereinheitlichende Erzählungen über trans* mit Aussagen wie: „99% dieser Patienten kommen auf die Welt und haben das Problem, das sie sich eigentlich im falschen Körper fühlen und sie leiden darunter.“

Die trans* Aktivistin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin Janet Mock hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die Erzählung des vom im falschen Körper geboren Seins vereinfachend und viktimisierend ist. Mock erklärt, dass diese Erzählung in medialen Darstellungen sehr stark bedient wird. Außerdem konzentriert sich die überwiegende Mehrheit der medialen Darstellungen zu trans* auf medizinische Maßnahmen von Transitions. Das macht trans* Personen unsichtbar, die keine medizinischen Maßnahmen wünschen oder keinen Zugang dazu haben, zum Beispiel, weil sie sich diese nicht leisten können oder keine Krankenversicherung haben oder weil ihr Aufenthaltsstatus nicht sicher ist.

Verena tanzt.

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Eine Frage, die Janet Mock aufwirft und die mich auch beschäftigt ist, wie mediale Darstellungen unter anderem das Narrativ des „im falschen Körper geboren seins“ die Wahrnehmung von trans* Personen über sich selbst beeinflusst. Mit Janet Mock möchte ich auch fragen, wie die Selbstwahrnehmung von trans* Personen ausschauen würde, wäre sie nicht geprägt von den Darstellungen durch Personen, die nicht mit und in trans* Körpern leben. Fragen, die Trans – I got life leider auch nicht beantworten kann.

Obwohl der Film seine Protagonist:innen als komplexe Persönlichkeiten greifbar macht, die liebevolle und unterstützende Beziehungen haben, fokussiert er doch stark auf ihre medizinischen Transitions und wiederholt problematische Inszenierungen, die von Aktivist:innen wie Janet Mock schon lange kritisiert werden.

Kinostart: 23. 9. 2021

Autor

  • Jul Tirler forscht und schreibt zu Repräsentationspolitiken, Repräsentationskritik und feministischen Praxen und Theorien. Meistens in Wien, gerne aber auch in Paris, Madrid oder mit Blick auf die Berge. Jul interessiert sich besonders für kollektiv produzierte Filme und Film als aktivistische Praxis.