Herr Bachmann und seine Klasse – Regisseurin Maria Speth im Interview

Auf der diesjährigen Berlinale war Herr Bachmann und seine Klasse von Maria Speth für viele eine sensationelle Entdeckung und konnte mit dem Silbernen Bären und dem Publikumspreis auch gleich zwei verdiente Preise abräumen. Mit Blick auf die ungewöhnliche Filmlänge von 217 Minuten wirkt dies besonders erstaunlich. Doch wo eine solche Überlänge bei vielen Filmen eher den Zugang erschwert, erweist sie sich hier als Botschafter für Speths schieren Respekt vor dem Gegenstand ihres Films: der multikulturellen Klasse 6b der Georg-Büchner-Schule im mittelhessischen Stadtallendorf und ihrem Lehrer Dieter Bachmann.

© Wolfgang Borrs

Im Interview beantwortet Maria Speth einige Fragen zu ihrem Werk, das weniger ein Film, als mehr eine präzise Studie und ein überwältigend gefühlvolles Erlebnis ist.

Du sagst, du hast Stadtallendorf selbst erst während der Dreharbeiten kennengelernt und im Film selbst beschreibt eine Mutter die Stadt als “einfach unbeschreiblich”. Ist das der Eindruck, den du auch von der Stadt bekommen hast und glaubst du, du hättest die gleichen Beobachtungen auch in anderen Städten machen können? 

Die Frage, ob ich diesen Film woanders hätte drehen können, habe ich mir so nie gestellt. Ich bin ja nicht von einem Thema ausgegangen sondern konkret von Stadtallendorf, weil es ein ganz besonderer Ort ist mit seiner multikulturellen Geschichte und Gegenwart. Den ich bereits während meiner langen Zeit der Recherche kennen gelernt, aber während der Drehzeit im Januar bis Juni 2017 noch mal ganz anders und intensiver erlebt habe. Ich war erstaunt über die offene, gastfreundliche und herzliche Art der Menschen dort und wie sehr sie uns in unserer Arbeit unterstützt haben. Und die Geschichte der Stadt ist ja wahrscheinlich einzigartig für Deutschland, da sich wirklich jede Migrationsbewegung an diesem Ort abbildet. Stadtallendorf war der erste Protagonist des Films. Allein schon das Erscheinungsbild dieses Ortes ist faszinierend: die riesige Industrie in der Stadtmitte, die begrünten Flachdächer aus der NS-Zeit, die türkisch dominierten Einkaufsstraßen und die bäuerlichen Fachwerkhäuser im alten Dorfkern. Und das mitten in Deutschland auf dem Land, mit einer Breite an kultureller und religiöser Vielfalt – das ist wirklich sehr besonders.

Wie ist dann die Idee für den Film entstanden?

Die Frage, die wir uns am Anfang stellten war, wie bringt man die Vergangenheit und Gegenwart dieses Ortes in einen Film. Die Schule hat sich dafür als zentraler Ort angeboten, aber nicht nur, weil Dieter Bachmann dort als Lehrer arbeitete, sondern weil sich dort die Lebensrealitäten Stadtallendorfs spiegeln.

Mich interessierte dann zunächst die Frage: Wie ist es, wenn Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturkreisen sich zum ersten Mal in dieser Stadt verlieben? Dafür wollte ich mit einer zehnten Klasse der Georg Büchner Schule ein Projekt entwickeln. Dieter Bachmann war schon Teil dieses Projekts, es sollte eine Adaption von „Romeo und Julia“ für das heutige Stadtallendorf sein.  Aber wir konnten das Projekt nicht finanzieren und so habe ich entschieden, dass wir den Schulalltag der 6. Klassen drehen. Und das hat sich dann immer mehr fokussiert auf den Unterricht von Dieter Bachmann und seine Klasse. 

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Das heißt also deine Erwartungen an den Dreh waren zum Anfang ganz andere und haben sich dann im Laufe angepasst?

Ich bin von meiner Faszination für diese Stadt ausgegangen. Wegen dieses komplexen Ausgangspunkts war eine eine gewisse Flexibilität im dokumentarischen Arbeiten notwendig. Meine erste Dokumentation war 9 Leben, damals habe ich Gespräche mit jugendlichen Obdachlosen in einem Studio geführt, aber jetzt hatte ich das Bedürfnis beobachtend zu drehen. Am Anfang war ich allerdings noch etwas unsicher, weil ich dadurch kaum eingreifen und etwas beeinflussen konnte. Ich habe dann recht schnell gemerkt, dass das überhaupt nicht nötig und genau der richtige Weg ist, um absichtsfrei dieser Klassen zu begegnen und deren Schulalltag zu dokumentieren. In diesem Sinne war es ein ergebnisoffenes Arbeiten.

In 9 Leben hast du ja auch mit Jugendlichen zusammengearbeitet. Würdest du sagen, dass dir die Erfahrungen geholfen haben?

Sicherlich. Beide Filme befassen sich mit Jugendlichen, die allerdings in 9 Leben schon etwas älter waren, die Jüngste war glaube ich, 15. Ähnlich war, dass ich mich auf diese konkreten Charaktere konzentriert habe. Bei Herr Bachmann und seine Klasse habe ich mich immer mehr in diese Kinder verliebt und sie haben mich immer mehr in ihren Bann gezogen, mit ihrer unverstellten Art. Die Kinder hatten überhaupt keinen Drang sich selbst darzustellen, das war faszinierend, sie haben uns als Filmteam in die Klasse integriert und das war ein schönes Erlebnis.

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Gerade wenn du sagst, du hast dich ein bisschen in die Kinder verliebt, kann ich mir vorstellen, dass es nicht immer leicht war, diese beobachtende Rolle beizubehalten. In einer Szene des Films wird über Homosexualität diskutiert und es werden schwierige Aussagen getätigt. Hattest du manchmal Angst, die Kinder dabei bloßzustellen?

Es ist eine schwierige Gratwanderung, aber es liegt mir natürlich absolut fern, jemanden bloßzustellen. Ich habe mir sehr viel Zeit genommen und habe drei Jahre an der Montage gearbeitet, um das Bild dieser Kinder auszubalancieren. Es ist sehr wichtig, dass man sich die Zeit nimmt, diese Menschen kennenzulernen, so wie ich sie als Filmemacherin kennenlernen durfte. Deswegen gibt es auch diese Filmlänge. Es sollte ein Film sein, in dem alle vorkommen, die in dieser Klassengemeinschaft sind. Es sollte nicht um einzelne Personen gehen, sondern um alle, die in dieser Klasse sind, auch um die Unauffälligeren. Es war mein Anspruch, dass man als Zuschauer:in für jeden ein Gefühl entwickeln kann, denn für diese kleine Gesellschaft, diesen Mikrokosmos ist jeder wertvoll. Und ich denke dieses Gefühl verhindert auch, dass irgendjemand bloßgestellt wird.

Die Zeit die der Film sich für die Kinder nimmt und auch die Zeit, die sich Herr Bachmann für die Kinder nimmt zeugt von sehr viel Respekt. Wann hast du die Entscheidung getroffen, den Film in dieser Länge zu veröffentlichen?

Das war ein langer Prozess. Wir hatten ja über 200 Stunden Material gedreht. Der erste Rohschnitt war dann 20 Stunden. Und da war dann schon klar, dass das wahrscheinlich kein 90-Minuten-Film wird. Als ich das Material schließlich auf 8 Stunden reduziert hatte, war das ein toller Moment, denn ich konnte mir die Schnittfassung endlich mal an einem Tag anschauen. Und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl: Ja, das kann ein Film werden. Es war mir wichtig, dass durch diese extreme Konzentration nichts von dem Multithematischen oder der Energie der einzelnen Unterrichtsstunden, wenn man sie auf wenige Minuten kürzt, verloren geht. Es war viel Arbeit, auszutarieren, was bleiben kann und was gehen muss, vor allem mit dem Anspruch, dass jede Person ihren Platz im Film bekommt. Bei dieser Art von dokumentarischem Erzählen ist die Schwierigkeit, dass man mit jeder Kürzung in der Montage auch immer wichtige Aspekte von Protagonisten oder der Erzählung verliert. Das ist sehr fragil. Für mich war die Länge von 3,5 Stunden dann auch nicht weiter zu reduzieren. Und so hat es sich eben richtig angefühlt.

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Der Film endet ja gerade dann, wenn es für die Kinder gerade sehr spannend wird, denn zu diesem Zeitpunkt sollte sich entscheiden, auf welche weiterführende Schulen es für sie gehen soll und ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war, sich gerade in diesem Moment von den Kindern und Herrn Bachmann wieder verabschieden zu müssen. Hast du den Werdegang der Kinder danach weiterverfolgt?

Da die Montage all meine Konzentration beanspruchte, hatte ich nicht die Kraft, Kontakt nach Stadtallendorf zu halten. Die Schüler:innen und Herrn Bachmann konnte ich erst im Mai 2021, nach fast vier Jahren, wiedersehen. Mittlerweile sind aber aus diesen Kindern junge Erwachsene geworden und das war schon merkwürdig, weil ich selbst nie gedacht hätte, dass ich drei Jahre an der Montage arbeiten würde. Ich habe dann, als die Pandemie es erlaubt hat, in einem Marburger Kino eine Vorführung organisiert, damit wir uns den Film gemeinsam auf der großen Leinwand anschauen. Fast alle sind gekommen und es war ein tolles, sehr emotionales Erlebnis. Wir konnten genau da wieder anknüpfen, wo wir nach den Dreharbeiten aufgehört hatten und auch die Energie von damals war wieder da.

Der Film startet am 16.09.2021 in den Kinos

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
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