Waren einmal Revoluzzer

Ursprünglich erschienen in kolik.film 34 “Die Priorität der eigenen KomfortzoneWaren einmal Revoluzzer von Johanna Moder.”

Endlich mal etwas Gutes für andere zu tun, hört sich richtig an. Ideale und moralische Werte zu haben, ist ja eine vernünftige Sache. Diese Maximen dann aber auch real umzusetzen, wenn es mal hart auf hart kommt, ist schon etwas anderes – vor allem, wenn die Mantren unserer Zeit und Gesellschaft zuallererst zur Selbstoptimierung aufrufen. Nicht umsonst lautet der Titel des Buches, auf dem der gestresste Psychotherapeut Volker (Marcel Mohab) eine Line Kokain zieht, um sich in der Mitte von Waren einmal Revoluzzer vom zwischenmenschlichen Chaos zu erholen, Ab jetzt ich. Dieses Bild bündelt die Gebote einer von neoliberalen Werten geprägten, euro-amerikanischen, wohl-situierten Generation, die Johanna Moders Filmfiguren nicht zum ersten Mal umtreiben: Individualismus und die eigene high performance stehen ganz oben, andere Werte haben weniger Erfolg, finden sich eher in (Hippie-)Nischen und klettern nicht die Karriereleiter mit hinauf. 

Die Frage „Hat sich schon mal wer politisch engagiert?“, mit der die Lehrerin in Moders Kurzfilm Her mit dem schönen Leben (2007) ihre Schüler:innen konfrontiert, könnten sich auch die zwei Wiener Bobo-Paare in Moders neuestem Film stellen. Die alten Freund:innen waren wohl mal Revoluzzer, anno dazumal, aber jetzt, mit Ende Dreißig, breitet sich der weiche Schleier des aus Designerlampen, Wellensittichen und Zweitwohnsitzen bestehenden Lebensabschnitts aus. Die To Dos erfolgreicher Lebensführung werden nach und nach abgearbeitet, der Punkt Revolution und Rebellion wurde schon als abgehakt betrachtet, bevor Karriere, Kinder und Altbauwohnung nachgerückt sind. Sprüche wie „it is good to escape my comfort zone“ fungieren nur mehr als Schablonen und verleihen dem Leben einen Soundtrack für die Feierabende am weichen, sepia-gräulich-pastellenen Sofa – passend zum Farbschema des Films. Durch die plötzlich bedrohte Lebenssituation eines Freundes realisiert sich inmitten des gemütlichen Settings schließlich doch eine Form des politischen Engagements: Die Richterin Helene (Julia Jentsch) lässt Pavel (Tambet Tuisk), ihrer alten Liebe, der in Moskau als politisch Verfolgter in Gefahr ist, über ihren Ex-Freund Volker ein Päckchen Bargeld zukommen. Volker hält als Psychotherapeut in der russischen Hauptstadt eine Vortragsreihe, überbringt die Scheine und leitet kurz darauf spontan Pavels Einreise nach Wien ein – gefälschte Dokumente inklusive. Helene möchte Pavel bei sich aufnehmen, während ihr Partner Jakob (Manuel Rubey) in der winterlichen Kreativenklave im Waldviertler Domizil an seinem neuen Album arbeitet. Die Kinder kommen zu den Großeltern. Perfekt. Das nervöse Kribbeln ist Helene – Julia Jentsch überzeugt – deutlich anzusehen. Die Kälte und Dunkelheit draußen lassen das Bedürfnis nach nostalgischer Zweisamkeit in ihren schmucken vier Wänden umso mehr steigen.

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© jip film

„Es hat sich gut angefühlt, etwas Konkretes machen zu können“, bemerkt Volkers aktuelle Freundin Tina (Aenne Schwarz) kurz vor Pavels Ankunft, als wäre die Rettungsaktion mit seiner Einreise bereits abgeschlossen. Doch als dieser mit seiner Partnerin Eugenia (Yelena Tronina) und dem gemeinsamen Kind eintrifft, ist Helene irritiert, enttäuscht, hatte sie doch eindeutig ihn allein herbei gesehnt. Frau und Kind mit zu beherbergen, bereitet ihr schnell Unbehagen, sodass sie die drei ohne Vorankündigung zu Volker und Tina bringt, die sie dann ebenso schnell ins Waldviertler Haus abschieben, wo sich Jakob in seiner Arbeitsklausur überfallen fühlt. Tina bleibt aus Hilfsbreitschaft kurzerhand am Lande, Helene fährt hin und her, immer im Wintermantel, stets und überall am Sprung. 

Es entsteht eine Art Zwischen-den-Kammern-Spiel, in dem sich die zwischenmenschlichen Verhältnisse und Situationen neu mischen und hochschaukeln, verschiedene Standpunkte prallen gegeneinander. Die Möglichkeit, zu helfen und aktiv etwas Gutes zu tun, klang im ersten Augenblick erfüllend, abenteuerlich, romantisch – aber eben nur, bis das Ganze doch ungemütlich wurde. Wie war das mit der Komfortzone?

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Johanna Moder stellt in ihrem zweiten abendfüllenden Spielfilm ihre Charaktere härter auf die Probe als zuvor. Ging es in High Performance (2014) noch vordergründig um Rudis (Manuel Rubey) Profitmaximierung auf Kosten seines Bruders (Marcel Mohab) und seiner Arbeitskollegin (Katharina Pizzera), steht für Pavel mehr als nur Geld auf dem Spiel. Die Erzählung stellt das Verhalten der österreichischen Figuren ins Zentrum, während die russischen Charaktere eher als Katalysatoren dienen, um erstere auf zwischenmenschlicher Ebene an ihre Grenzen zu bringen. Zugleich bleiben Pavel und Eugenia, auf die ein internationaler Haftbefehl ausgeschrieben ist, aber keine dankbaren, passiven Spielbälle oder Abziehbilder, sondern intervenieren nach einiger Zeit selbst und bestehen darauf, über ihre Unterbringung mitzubestimmen. Als Sprachrohr für beide agiert aber stets Pavel, da Eugenia keine gemeinsame Sprache mit den Gastgeber:innen teilt. Ihre Bedürfnisse bleiben so meist außen vor. Helene wirft wiederholt strenge Blicke auf die Partnerin ihrer verflossenen Liebschaft, etwa wenn diese das Kind zum Wickeln aufs Designersofa legt oder ihre Unterhose auf dem Waschbecken liegen lässt – Konkurrenzgefühle machen sich bemerkbar. 

Einen solidarischen Moment unter Frauen zeigt Moder hingegen zwischen Tina und Eugenia, die gemeinsam eine der stärksten Szenen des Films haben: als Eugenia sich aufrichtig bei Tina für ihre Hilfe bedankt, winkt diese unbedeutend und bescheiden ab. Eugenia beharrt aber nachdrücklich auf ihrem „Thank you“ und fordert Tina ermutigend dazu auf, sich selbst nicht immer klein zu machen. Tina trägt als Figur Charakteristika – Bescheidenheit und Zurückhaltung –, mit denen Frauenfiguren im Erzählkino häufig ausgestattet werden. Durch den kurzen Dialog zwischen den beiden hinterfragt Moder diese jedoch und reflektiert darüber hinaus subtil gesellschaftlich dominierende Genderrollen. 

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Dass Tina die einzige Figur ist, die schließlich einen richtig kritischen Blick auf die Ereignisse und ihre Mitmenschen einnimmt, lässt sie eindeutig aus dem Figurenensemble hervortreten. Achtet sie anfangs noch auf die Entscheidungen ihres Partners Volker und antwortet auf seine Witze über ihre Tätigkeit als Kunstvermittlerin mit einem Lachen, steht sie im Laufe der Geschichte dessen egoistischen Handlungen sowie Ratschlägen zur erfolgreichen Lebensführung („Verdrängen, verdrängen, verdrängen“) zusehends zweifelnd gegenüber, sodass nur ein radikaler Bruch folgen kann.

Ähnlich wie in High Performance stellt Moder auch in Waren einmal Revoluzzer selbstständige Künstler:innen Charakteren gegenüber, die in ökonomisch weniger prekär situierten Berufssparten tätig sind – Helene als Richterin und Volker als Psychotherapeut – und die lediglich diejenigen als erfolgreich und als gesellschaftlichen Mehrwert betrachten, die im existierenden System klare Ergebnisse liefern, funktionieren. Manchmal gar zu überdreht und deutlich in seinem Zynismus gibt sich dabei Marcel Mohab, der wie Manuel Rubey am Drehbuch mitarbeitete. Nichtsdestotrotz gelingt dem Film die Balance zwischen Drama und komödiantischem Ton, der nicht ins Lächerliche abdriftet, sondern einen kritischen Blick auf die bequeme Lebenswelt einer Mittelschichtsblase schafft. „There’s no way out once you are in, nobody knows where circles begin“ singt Clara Luzia passend dazu.

Kinostart: 09.09.2021

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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