FID Marseille 36: Macdo
„Die Regeln in diesem Haus sind langweilig“. Zwei ungleiche Paare mit ihren Kindern kommen am Weihnachtsabend in Mexiko-Stadt im Jahr 1997 zusammen. Das scheinbar harmlose Rahmenprogramm aus Essen, Getränken und Geschenken, eingeübten Gewohnheiten und Traditionen legt mit fortschreitender Stunde die Untiefen hinter dem wohl orchestrierten Festtagsglanz frei. Die Konstellation: Alejandro und seine deutlich jüngere Ehefrau Estelle laden Alejandros Bruder Octavio und dessen Ehefrau Lisbet ein. Mit ihm Fokus: die Tochter der Gastgeber*innen Alicia sowie der Sohn der Gäst*innen, Lalo, beide etwa vier Jahre alt. Alejandros Videokamera fängt das Geschehen fast ohne Unterbrechung ein. Sie wandert aus seinen Händen, die den Zoomknopf unermüdlich zu bedienen wissen und Einrichtungsgegenstände sowie Gesichter in haltlosen Großaufnahmen zu sich heranholen, in die der Angestellten. Die Bildsprache und spielerische Spontanität Macdos erzeugen intime, von Unmittelbarkeit geprägte Momente, die nach und nach die Machtdynamiken einer Kernfamilie hervorkehren.
Negin Khazaees Kamera steht nie still, ebenso wie die Darsteller*innen in Racornelias Debütfilm, der beim FIDMarseille, dem internationalen Festival für unabhängiges Kino im Süden Frankreichs, seine Weltpremiere feierte. Als Estelle verkörpert Racornelia eine junge Mutter, die den Vorgaben ihres Mannes mit einem geübten Lächeln nachkommt und seine verhätschelnden Kommentare auf dieselbe Weise duldet. Richtige Konfrontationen meidet sie um der Harmonie willen. Alejandros Maßregeln trifft vor allem die Erziehung Alicias, die er hinterrücks anleitet, aber sich gleichzeitig aus der Verantwortung zieht – schließlich sei das Großziehen des Kindes als Brotverdiener nicht sein Job. Wenn die extrovertierte Lisbet ihre Nichte dazu ermuntert, ihr Getränk zu gurgeln, lässt sein Ausdruck von Missfallen nicht lange auf sich warten. Das Kind habe den Benimmregeln zu folgen, alle abweichenden Einflüsse solle seine Frau Estelle von ihr fern halten. Was in Estelle vorgeht, bleibt großteils verborgen und zeigt sich nur in leisen Bemerkungen oder Mimiken.

© FIDMarseille
Gesprächsfetzen zwischen Kindern und Erwachsenen, Erwachsenen und Erwachsenen, Kindern und Kindern, das Hin und Her zwischen Küche und Wohnzimmer, vereinzelte Aussagen, die im sozialen Trubel in der Luft hängen bleiben. Die kleinen Momente formen das feingliedrige Ganze in Macdo. Lisbets hintergründige Feststellungen etwa, dass ihr eigener Weihnachtsbaum größer sei oder der Sekt billig schmecke, verdeutlichen das implizite Konkurrenzverhältnis zwischen den Familien. Alejandros Retourkutsche ist die Missbilligung von Lalos schüchternen Weihnachtswünschen, bevor der riesige Truthahn als feierliches Abendmahl angeschnitten wird. Die Größe des geschlachteten Tieres muss sich sehen lassen. Ansehen übertrifft Herzlichkeit, das Fest wird zum Zelebrieren des äußeren Status funktionalisiert, statt als Gelegenheit für ein warmes Miteinander Bedeutung zu erlangen. Wesen Kind ist smarter, benimmt sich regelkonformer? Wer besitzt wertvollere Statussymbole? Wer hat eine Beförderung bekommen? Wer bringt die nächsten Nachkommen hervor? Es sind die Lebensziele des Kapitalismus, dessen etablierte Wertigkeiten in der patriarchal-postkolonialen Ordnung der wohl situierten oberen Mittelklasse aufrechterhalten werden. ___STEADY_PAYWALL___
Die Hausangestellte hingegen bleibt nur anfangs sichtbar, als Trostspendende an der Seite der weinenden Alicia, später ist sie als Filmende im Spiegel erkennbar. Zu Beginn thematisieren auch die beiden Brüder Alejandro und Octavio ihre Vereinbarungen als Arbeitgeber mit Kapital und Macht: Während Alejandro die doppelte Gage an Weihnachten zahlt, bietet Octavio seiner Angestellten die Alternative, sich freizunehmen. Die Kürze und Beiläufigkeit des Gesprächs verdeutlicht die Selbstverständlichkeit der Klassenverhältnisse. Auch bahnt sich an, dass Alejandros Reglements eng und streng seinem Willen und Anspruch folgen, um seine Autorität nicht zu untergraben. Nach einem – vorhersehbaren – Eklat kulminiert dessen ungebrochener Anspruch auf Recht und Herrschaft in einer Szene im Schlafzimmer des Paares, die als Höhepunkt von Macdo gelten kann. Estelle hört sich Anschuldigungen ihres Ehemannes an, doch ihre Reaktion lässt ihn im Verlaufe der Szene zunehmend an Integrität verlieren. Estelles teilweise sprachloses Lachen ist die einzige Reaktion, die auf Alejandros Arroganz folgen kann. Kann er das ernst meinen? Macdo führt deutlich vor Augen, dass das Missverständnis von Liebe als ungleicher Vertrag zwischen zwei Eheleuten in einer fatalen Zementierung von Machtverhältnissen resultieren kann. Damals war ich nur ein Baby, das einen Daddy gebraucht hat, aber jetzt, jetzt haben sich die Dinge geändert, stellt Estelle fest. Soll diese Ehe noch gerettet werden, fragen wir uns als Publikum, oder kann der Weihnachtsabend ihr getrostes Ende herbeirufen?
Neben der schauspielerischen Vielfalt – die das Ergebnis längerer Probenarbeit darstellt – und der visuellen Detailarbeit verweben Racornelia und Khazaee auch noch Splitscreens und Passagen, die mit der vierten Wand und der etablierten Zeitordnung brechen in den letzten Teil des Filmes hinein. Das Kammerspiel soll nicht für sich stehen bleiben, sondern eine weitere Ebene erhalten, die über das Gezeigte hinausgeht und explosives Potential mit sich bringt. Das Publikum wird mit Entschleunigung und Überforderung zugleich konfrontiert. Ziffern und Fragezeichen drängen sich mit neuen Bildern in den Film. Hier öffnet sich die Handlung, ohne eindeutig zu machen, wohin sie damit geht. Was nach der Kinovorstellung, neben dieser befreienden Sprengung – „I release control“ – , feststeht – von Racornelia möchte ich in Zukunft mehr sehen, als Regisseur*in, multidisziplinäre Künstler*in und Darsteller*in.
Macdo war beim FIDMarseille als Teil der First Film Competition zu sehen.
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