Lesestoff: Frauenkino Xenia – Zürich
Um räumliche, finanzielle und zeitliche Ressourcen kämpften die „Xenias“, um Gemeinschaftlichkeit und politische Bewusstseinsbildung. Einen Ort zu schaffen, in dem sich Zuschauer*innen kritisch mit Kino auseinandersetzen, in dem Filme gezeigt werden, die in regulären Programmen keinen Eingang finden – darum ging es den Zürcher Kinofrauen. Doris Senn widmet sich der Geschichte des feministischen Filmclubs Xenia, der von 1988 bis 2003 existierte. Während das bis heute bestehende Xenix-Kino auch über die Schweiz hinaus vielen bekannt ist, zählt die Geschichte des Xenia wohl eher zum Insider(*)innenwissen. Als Filmwissenschaftlerin und -kritikerin und selbst aktiv(istisch)er Teil der Xenias hat Senn, gut 20 Jahre nach der letzten Vorstellung, zu dem kollektiv organisierten Projekt eine ebenso vielstimmige Publikation herausgebracht. Diese Hommage in Buchform präsentiert sich im Einklang mit dem Bestreben eines feministisch-filmhistorischen Projekts: für Sichtbarkeit und gegen das Vergessen anzutreten. Denn in knalligem Blau mit pinker Schrift geht der im Schüren Verlag erschienene Leinenband Frauenkino Xenia – Zürich haptisch und visuell nicht so schnell unter. Auf dem Cover prangt ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem Menschen vor dem Barackenkino ein Banner halten: „Frauen Kino für Frauen“. Als solches verstand sich das Xenia und als solches hatte es auch immer wieder um seine Existenz zu kämpfen.

© Schüren Verlag
Die Publikation besteht aus formal unterschiedlich gestalteten Teilen. Zunächst führt eine historische Kontextualisierung in die Entstehung ein und zeichnet die politischen und kulturellen Ereignisse von den 1970ern bis zur Auflösung nach. Darauf folgt der umfangreichste Block, bestehend aus Gesprächen mit ehemaligen Xenias, und zuletzt kommen vier weitere Einzelbeiträge, etwa über die Programmzyklen zu Mutter-Tochter-Beziehungen und zu Sexarbeit oder über die Bar des Kinos als wichtigen Begegnungsort. Am Ende finden sich noch eine Übersicht aller Programmplakate und ein Verzeichnis der Filme, die das Xenia über die Jahre hinweg gezeigt hat, was einen besonders schönen Teil der historischen Aufarbeitung darstellt und eine inspirierende Schatzkiste für die feministische Film(weiter)bildung der Leser*innen öffnet. Während die Filmplakate in der Cinémathèque suisse archiviert sind, stammen viele der Fotos, die die Texte begleiten, aus Privatbesitz – so setzt sich die Kollektivität des Projekts auch in seiner materiellen Geschichtsschreibung fort.
Auf gut 20 Seiten setzt Senn die Geschichte des Xenia mit jener der Zürcher Frauenbefreiungsbewegung (FBB) und mit gesellschaftspolitischen Transformationen in Beziehung. Die FBB gründete 1974 das erste Frauenzentrum in der Schweiz, in dem sich in der Homosexuellen Frauengruppe auch lesbische Frauen erstmals gemeinsam nach außen hin positionierten. Das Zentrum wuchs rasch und vereinte verschiedene Interessengruppen beziehungsweise Dienstleistungen, darunter ein Ambulatorium, Redaktionen, eine Bibliothek und eine Bar, unter einem Dach. Nach jahrelangen Protesten und Forderungen von Jugendbewegungen nach alternativen Räumen stellte die Stadt zunächst die Rote Fabrik für die Nutzung als Kulturzentrum zur Verfügung. Dort fand auch ein Kino Platz, in dem 1981 erstmals feministische Programme liefen. Doch es kam zu wiederholten Schließungen und Umzügen, bis 1984 das ehemalige Kanzleiareal um ein ehemaliges Schulgebäude von mehreren Gruppen bezogen werden durfte. Hier, in einer ehemaligen Kindergartenbaracke, richtete sich auch das Kino Xenix ein, das dort bis heute besteht. Als 1988 die Xenix-Männer zur Berlinale fuhren und die Xenix-Frauen eine ganze Kinowoche nur für Frauen veranstalteten, trafen sie die Entscheidung, mit einem solchen Veranstaltungskonzept fortzufahren – bald einmal pro Woche.
Doch nach dieser legendären Gründung hörten die Kämpfe so schnell nicht auf. Einerseits mussten sich das Zentrum und seine Gruppen stets gegen eine Schließung einsetzen, andererseits hatte das Xenia seine Existenz gegenüber dem Xenix zu behaupten, bei dem es sich nur einmietete und dem es somit verwaltungstechnisch und finanziell unterstand. Dass das Kino und seine sehr beliebte Bar am Donnerstag nur für Frauen offenstanden, stieß immer wieder auf Widerstand und mag auch zur Ablehnung vieler geführt haben. Umso wichtiger allerdings war die Rolle des Xenia als Safe Space, in dem Frauen sich austauschten und vernetzten und wo ihnen keine Männer ins Wort fallen konnten. Nach einer Abstimmung im Jahr 1999 fiel allerdings das Xenia um seine Subventionen um, was schon das Ende einläutete. Während das Xenix von seinen laufenden Einnahmen profitierte und langsam auf ein Betriebsmodell umstellte, kündigte es dem basisdemokratisch strukturierten und nicht gewinnorientierten Xenia, dessen Abschied 2003 mit einer letzten Veranstaltung gefeiert wurde.
Die sechs mehrköpfigen Gespräche mit ehemaligen Xenias sind chronologisch nach deren Mitarbeit im Filmclub angeordnet. Vorangestellt ist jeweils ein „Vorspann“, der den historischen Rahmen der besprochenen Zeitperioden absteckt und in den Unterhaltungen fallende Bemerkungen bereits vorweg kontextualisiert. Die jeweilige Tätigkeit der Gesprächsteilnehmerinnen wird ebenfalls in kurzen Absätzen beschrieben. Es ergibt sich ein Kaleidoskop von Stimmen und Erinnerungen, die sich, so bemerkt auch die Autorin, nicht immer decken. In Hinblick darauf mag auch der Ansatz passend erscheinen, häufig dieselben Fragen zu stellen. So erklären die Frauen immer wieder, wie sie zum Xenia gestoßen sind – manche wegen der Bar, andere wegen der Filme oder der queeren Vernetzung –, wie sie das Verhältnis zu Xenix wahrgenommen haben oder wie die Filmbeschaffung vonstatten ging und welche Formate gespielt wurden. Hier fallen auch die Antworten manchmal ähnlich aus, andere Male erweitern neue Aspekte diese Oral Herstory des Xenia. Das „Wie war es damals?“ ermöglicht ein Eintauchen in die Vergangenheit, das von Herausforderungen erzählt, die in digitalen Zeiten nicht für allen Leser*innen auf der Hand liegen mögen. Etwa dass Filme, die programmiert wurden, vorher oft nicht visioniert – wie es in der Schweiz genannt wird – werden konnten oder dass die gute und günstige Zusammenarbeit mit einer nahe gelegenen Druckerei vonnöten war.
Auch reflektieren Senn und die anderen Beteiligten, dass das Projekt sich letztlich nicht in unübersehbare Weiten erstreckte und in erster Linie weiße Frauen ohne Migrationshintergrund involvierte. Trotzdem steht die Bedeutung des Xenia für die Zürcher Kulturlandschaft außer Frage. Auch kollaborative Projekte und Verbindungen etwa zur Berner Frauenfilmgruppe Melusine oder zur Berliner Blickpilotin finden Eingang in die Publikation. In vielerlei Hinsicht einzigartig gestaltete sich auch das Programm, mit dem die unterschiedlich zusammengesetzten Kollektive neben vielen sowohl mainstreamigen wie experimentellen Titeln der Filmgeschichte (etwa von Marguerite Duras, Trin T. Minh-ha, Yvonne Rainer, Ulrike Ottinger oder Donna Deitch) eine große Zahl von Schweizer Kurzfilmen und Videoarbeiten zeigten. Das wiederum schließt den Kreis zu Workshops fürs Filmemachen, die zuweilen im Zentrum abgehalten wurden. Frauenkino Xenia – Zürich erweist sich somit nicht nur als viel- stimmige Hommage an einen wichtigen Ort des Schweizer (Kino-)Feminismus, sondern auch als inspirierende filmhistorische Quelle, die den persönlichen und politischen Wert von Kino wieder einmal verdeutlicht.
Dieser Artikel ist ursprünglich erschienen in der kolik.film 43 im April 2025.
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