Herr(en) über das Schicksal – The Last Journey

Die Rettung der Welt ist Männersache … ihre Zerstörung aber auch. Kaum ein Film exerziert die Abhängigkeit der Zukunft der Menschheit von instabilen, männlichen Empfindlichkeiten so gut wie The Last Journey von Romain Quirot. Im französischen Originaltitel Le Dernier Voyage de Paul W.R. wird dies auch nochmal deutlicher, als im deutschen Untertitel: Die letzte Reise der Menschheit. Alles dreht sich hier um den Ausnahmeastronauten Paul W.R. (Hugo Becker), der als letzte Hoffnung der Menschheit gilt. In einer nicht näher bezifferten Zukunft steht diese nämliche kurz vor ihrer Auslöschung; ein bedrohlicher roter Mond ist auf Crashkurs mit der Erde, die aufgrund von Ressourcenknappheit und Klimawandel eh schon zu einer kaum noch bewohnten Einöde geworden ist. In einer letzten Raumfahrtmission soll der Mond aufgehalten werden, doch kurz vor Start verschwindet Paul, der aufgrund von außerordentlich gemessener körperlicher Widerstandskraft der einzige ist, der diese Mission ausführen kann.

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Warum? Wieso? Unklar. Der Film deutet einige Motive für Pauls selbstgewählten Rückzug an, aber formuliert keinen so richtig aus. Er scheint Angst zu haben irgendwie. Er scheint sich gegen seinen Vater Henri (Jean Reno), der federführend an der Planung der Mission mitgearbeitet hat, auflehnen zu wollen. Er scheint aber auch kindheitsbedingt eine besondere Beziehung zum roten Mond zu haben. In Rückblenden sieht man ihn in unnötig mystischer Manier mit dem roten Mond reden, sich von ihm beeinflussen zu lassen. In der Gegenwart ist er um einiges wortkarger. Resigniert hat er den Himmelskörper als Schicksal der Menschheit akzeptiert. Warum er sich in erster Linie zum Astronauten und speziell für diese Mission hat ausbilden lassen, bleibt ein Geheimnis des Films ‒ Sinn in Pauls (Helden-)Reise sucht eins hier vergebens. Wo kein Motiv für seine Handlungen zu finden ist, bleibt seine Entscheidung, die Menschheit nicht retten zu wollen, letztendlich als folgenschwere Trotzreaktion zurück. 

© Eurovideo

Die Zukunft der Menschheit und des ganzen Planeten liegen also in den Händen eines emotional unzugänglichen Mannes, der nicht bereit ist, über seine Probleme zu reden. Das hat schon Meme-Potenzial, ist aber bei genauerer Betrachtung ein oft gebrauchtes Motiv im Katastrophenfilm. Schon in Klassikern des Genres wie Armageddon oder Sunshine, müssen sich heldenhafte Männer gegen weniger heldenhafte Männer erwehren, um die Erde schließlich retten zu können. Auch in Tenet versucht der Antagonist seinen verletzten Stolz und sein gebrochenes Herz dadurch zu heilen, die komplette menschliche Existenz mit sich selbst in den Tod zu reißen. Radikale Visionen, aber nicht ohne zumindest ein bisschen in der Realität verankert zu sein. Laut dem Kriminalpsychologen Jens Hoffmann ist bei Männern in Krisensituationen öfter zu beobachten, dass sie das für selbst gewählte Schicksal auf andere ‒ oft ihre Familie ‒ ausweiten; aus Selbstüberhöhung und weil es ihnen fern liegt therapeutische Hilfe aufzusuchen.

Geschichten wie in The Last Journey sind also erst recht keine Heldengeschichten, selbst wenn der Untergang am Ende abgewehrt werden kann. In dem vermeintlichen Anspruch, eine ambivalente und interessante Heldenfigur zu schaffen ‒ einen modernen Antihelden, wie er in den Katastrophenfilmen der Vergangenheit eher selten zu finden ist ‒ wird der Film zum Symptom eines problematischen Umgangs mit männlichen Krisen. Die Heroisierung dieses Umgangs und damit die Reproduktion von Männlichkeitskonzepten, in dem diese Charakterzüge affirmativ angelegt sind, offenbaren eine grundsätzlich zu hinterfragende Geschlechtervorstellung. Der Mann als Macher, als ultimativer Entscheider, als machtvoller Einflussnehmer ‒ die Frau als Faktor und Variable. In The Last Journey ist es die junge Elma (Lya Ouassadit Lessert), die diese Rolle einnimmt. Ihrer lebensbejahenden Energie wird Paul unfreiwillig ausgesetzt. Erfreulicherweise verweigert sich der Film hier dem Klischee einer epiphanischen Liebesbeziehung und ermöglicht Elma somit eine Daseinsberechtigung in seinem Kosmos, die ohne romantische Abhängigkeit zum Protagonisten funktioniert. Nichtsdestotrotz wirkt ihre Figur nicht konsequent zu Ende gezeichnet und ihr Potenzial als technikversierte Überlebenskünstlerin nicht komplett ausgeschöpft. Ihre Rolle endet als Mittel zum Zweck für Pauls Charakterentwicklung, als Knackpunkt für seinen Sinneswandel ‒ und wird darüber hinaus vernachlässigt.

© Eurovideo

Romain Quirot hatte die Wahl, als er sich dafür entschied, seinen schon 2015 entstandenen Kurzfilm Le Dernier Voyage de l’énigmatique Paul W.R nochmal als Langfilm umzusetzen: die längere Laufzeit des Films nutzen, um Paul W.R.s Motive besser zu ergründen und seine ambivalente Beziehung zur Welt nachvollziehbar darzulegen ‒ oder den Film mit visuellen und narrativen Versatzstücken füllen, die nicht nur eine verwirrende Geschichte erzählen, sondern auch eine problematische Heldenfigur unterstützen. Das Ergebnis seiner Entscheidung ist ein ästhetisch ansprechender, aber inhaltlich enttäuschender und feministisch zu kritisierender Science Fiction- und Katastrophenfilm geworden, der glücklicherweise ‒ im Gegensatz zu seiner Hauptfigur ‒ kaum Einfluss auf Kommendes haben wird.

The Last Journey erscheint am 30.09.2021 auf DVD und Bluray.

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
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