Reeperbahn Festival 2021

Zum 16. Mal präsentierte das Hamburger Reeperbahn Festival diesen September eine große Auswahl von Konzerten, Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen und ein Programm von neun Filmen und drei Serien. Über Dokumentationen mit zum Festival passenden Musikschwerpunkt hinaus gab es vom 22. bis 25. September auch einige Spielfilmdebüts zu sehen, um ‒ dem Kern des Gesamtprogramms entsprechend ‒ Newcomer:innen eine Plattform zu bieten. Die dieses Jahr von Filmwissenschaftlerin Elena Baumeister gemeinsam mit Peter Preisser und Milena Kan, der Leiterin des Arts, Word & Film Programms, kuratierte Reihe rückte vermehrt das Filmschaffen von Frauen in den Vordergrund. Souad von Ayten Amin, Nico von Eline Gehring, Tahara von Olivia Peace und die Pionierinnen der Elektronikmusik in Lisa Rovners Sisters with Transistors: Sie alle sind junge Frauen, die ihren eigenen Weg inmitten eines einschränkenden und diskriminierenden Systems zu beschreiten suchen. In Dasha Nekrasovas The Scary of Sixty-First hingegen werden zwei Freundinnen von einer perfiden Personifikation patriarchaler Misogynie und Triebtäterschaft vereinnahmt: Der millionenschwere Sexualstraftäter Jeffrey Epstein belagert auch nach seinem offiziellen Tod noch neue Opfer. Agency, Herstory, Queerness und Okkultismus.

© Circle Collective

Geschwungene Lettern in hellrosa Tönen auf körniger 16mm-Filmoptik: in die Jahre gekommene, graue Hausfassaden und eine elektronische Musik, die uns in Spekulation und wachsamen Schwung zugleich versetzt – gleich passiert hier mit Sicherheit etwas Unangenehmes. Die Freundinnen Addie und Noelle beziehen ein neues Apartment, das einmal der pädophile, milliardenschwere Sexualstraftäter Jeffrey Epstein bewohnt haben soll ‒ der Rest der Handlung von The Scary of Sixty-First erklärt sich genre-gerecht bald selbst: Der Geist des Verstorbenen vereinnahmt eine der beiden Frauen und treibt sie zur kultischen Verehrung des Täters, der sich tatsächlich im Jahr 2019 vor seinem Prozess in seiner Gefängniszelle erhängte. Regisseurin Dasha Nekrasova bedient sich viraler Verschwörungstheorien des Internetzeitalters, um sie im filmischen Retrolook zu verarbeiten. Diesen Behauptungen zufolge habe Epstein nicht, wie offiziell verlautbart, Suizid begangen, sondern sei ermordet worden, da seine Aussagen vor Gericht Personen aus seinen Kreisen, z.B. Donald Trump, hätten schaden  können.

Für ihren Psychothriller spielt Nekrasova von Anfang an stark mit Elementen des B-Movies, des 1970er-Jahre Giallo, erinnert manchmal an Rosemary’s Baby und setzt auf abrupte Zooms und Überblendungen, die den Horror des verwunschenen Hauses in der Sixty-First visuell forcieren. Die Optik, die Musik und die überzeugenden Performances (Betsey Brown, Madeline Quinn und Dasha Nekrasova selbst) vermischt sie mit trashigen Dialogen und Symboliken. Hinzu kommt das schaurige Spiel mit Porträts des US-amerikanischen Milliardärs. Dieser reale Bezug macht die Szenen, in denen sich die Besessene zwischen okkulten Symbolen und Zeitungsausschnitten des Täters gierig zwischen den Beinen reibt, besonders unangenehm. Dass es hier kein Happy End geben kann, scheint in sich ebenso konsequent wie das obligatorische Blutgemetzel selbst. Nekrasova liegt Provokation nicht fern, wie sie auch in ihrem Podcast Red Scare beweist. Doch lässt sich in ihrem Film eine feministische Haltung finden? Die Antwort darauf ist diskussionswürdig. ___STEADY_PAYWALL___

© Peggy Weil

Akustisch passend dazu, aber weit entfernt davon weibliche Opfernarrative zu reproduzieren, erzählt Sisters with Transistors von einer Reihe von Pionierinnen, die sich ihren Platz in der Welt der elektronischen Musik erkämpften: Clara Rockmore, Daphne Oram, Bebe Barron, Suzanne Ciani u.a. (Details zu einigen hier). Nicht nur wandten sie sich seit den 1950ern von einem Musikbegriff ab, der Klänge, die nicht aus akustischen Instrumenten dringen sondern durch Maschinen generiert werden, nicht anerkannte. Sie kehrten auch einem Kanon den Rücken, der lediglich das Werk weißer Männer emporhob und keinen weiblichen role models Status zuschrieb. Komponistinnen der elektronischen Musik wie Laurie Spiegel bauten sich selbst ihre  Instrumentalmaschinen und realisierten damit eine kompromisslose Art der Emanzipation. DIY als Selbstermächtigung in seiner schönsten Form. Diese Frauen schufen sich ihren Platz und ihre Mittel selbst und gewannen durch ihre Hartnäckigkeit und Experimentierfreude letztlich auch weit über die eigenen Kreise hinaus Anerkennung (öffentlichkeitswirksame Auftritte z.B. Daphne Orams BBC-Studio, Suzanne Ciani in der Letterman Show).

Mit ihrer Dokumentation öffnet Lisa Rovner ihrem Publikum den Blick für einen Musikzweig, der lange genug selbst nach Anerkennung innerhalb der Branchen suchen musste. Mit zahlreichem Archivmaterial bebildert erzählt Sisters with Transistors wie sich elektronische Musik aus den Veränderungen durch das voranschreitende industrielle Zeitalter entwickelte und die Komponistinnen die Wahrnehmung von Motorengeräuschen und Fliegeralarmen in ihren akustischen Werken verarbeiteten. Aufgrund der Entscheidung Porträts von mehr als zehn verschiedenen Frauen zu präsentieren, kann die Dokumentation allerdings nur kleine Einblicke gewähren und wird stellenweise bruchstückhaft. Rovner setzt mit dieser breiten Fächerung andererseits auch mehr Frauen ein filmisches Denkmal ‒ herstory! Einige Titel sind auch auf der Sisters with Transistors Playlist nachzuhören, Bebe und Louis Barrons Soundtrack zu Forbidden Planet (1965), der erste elektronische Filmsoundtrack, lässt sich hier anhören.

© Alameda Entertainment Inc.

Wenn die Darstellerin Rachel Sennott ihre Präsenz auf einer Schiwa eher als soziale Spielwiese für eventuelle Techtelmechtels zu nutzen weiß, statt wahrhaftig ihre Trauer zu verarbeiten, scheint es, als wären wir in Shiva Baby von Emma Seligmann gelandet. Doch das diesjährige Reeperbahnfestival zeigte ein anderes Spielfilmdebüt desselben Jahres: Tahara der US-Amerikanerin Olivia Peace. In der auch auf einen einzigen Tag beschränkten Erzählung verkörpert Hannah (Rachel Sennott) eine Teenagerin, deren Begehren nach ihrem Mitschüler Tristan (Daniel Taveras) Tagesordnungspunkt Nummer eins ist. Sie ist schrecklich gelangweilt von der Trauerfeier, was Darstellerin Rachel Sennott nicht nur verbal sondern auch durch die übertrieben genervte Körpersprache deutlich macht. Zurück in der hebräischen Schule schmiedet sie den Plan ihren Mitschüler rumzukriegen und übersieht wie sie ihre beste Freundin Carrie (Madeline Grey DeFreece) dabei emotional ausnutzt. Im Verlaufe der Handlung changieren die Verhältnisse zwischen den Teenager:innen der Klasse und stellen die Freund:innenschaft von Hannah und Carrie auf die Probe. In Tahara (Bezeichnung für die rituelle Reinigung des Körpers im Judentum) fokussiert sich alles auf die Verhältnisse zwischen den Figuren, sexuelle Orientierung und Geschlecht spielen dabei auf den ersten Blick keine Rolle ‒ nur auf den ersten allerdings. Denn der Grund für den Suizid der verstorbenen Mitschülerin schließt deren Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Identität nicht aus. Es werden Wahrheiten in einem Halbdunkel sichtbar, das die gläubige Klassenlehrerin besser nicht beleuchten möchte.

In 78 Minuten schafft Olivia Peace (Regie und Schnitt, Drehbuch von Jess Zeidman) einen Film, dessen heitere Grundstimmung mit tiefergehenden Momenten ganz vom Spiel seiner Darsteller:innen lebt. Tehillah De Castros Kamera rahmt die Personen meist ganz nah, ganz in Manier eines Kammerspiels, das den Darsteller:innen, allen voran deren Mimik, den größten Raum gibt. Die wenigen Schüler:innen der Klasse, die wenigen Räume, die der Film nützt und der angespannte Halbtag nach der Beerdigung machen das 1:1 Bildverhältnis nur allzu passend. Es entspricht dem Format von Instagramvideos, in dessen Stilistik auch anfangs die Figuren eingeführt werden. Sennotts Spiel erinnert ebenso an das Gebärden von TikTok und Instagram-Influencer:innen, die sich im Kampf um Aufmerksamkeit auf den kleinen Bildschirmen groß selbst inszenieren. Ihre übertriebenen Gesten ironisieren weiblich codierte Darstellungen von Begehrlichkeit: die offensive Mimik mit halb geschlossenen Augen, halb-geöffneten Mund und hoch erhobenem Kinn fordert die Blicke ihres Mitschülers Tristan ein. DeFreece Charakter repräsentiert hingegen den ruhigeren Konterpart: Carrie kommuniziert ihr Begehren nicht auf dieselbe extrovertierte Weise wie ihre Freundin, ihre Blicke sind eher verhalten aber aufrichtig. Als Publikum erfahren wir durch diese Close-Ups von Carrie, wen sie wirklich begehrt. Tahara punktet mit seinem facettenreichen Geflecht aus Beziehungsverhältnissen, das sich mal als schwarze Komödie, mal als Highschooldrama präsentiert, ohne dabei nur ins Tragische, Lächerliche oder Belanglose zu driften.

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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