Kurzkritik: Shiva Baby

Der folgende Text zu Shiva Baby ist zuerst als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen und ist dementsprechend gestaltet.

Mit Shiva Baby gelingt der Kanadierin Emma Seligman eine Coming-of-Age Komödie, die schwarzen Humor, Gesellschaftskritik und Situationskomik auf selten stimmige Weise vereint. Wir fiebern, lachen und leiden mit der Protagonistin von Anfang bis Ende mit.

Inhalt

Die Studentin Danielle (Rachel Sennott) partizipiert mit ihrer Familie pflichtbewusst an einer Schiwa-Feier – diese ist Teil jüdischer Trauerfeierlichkeiten. Wer verstorben ist, spielt für dieses Kammerspiel und die Kernfamilie keine Rolle, denn alles dreht sich um Selbstinszenierung und die Wirkung auf die anderen Gäste. So leitet ihre Mutter (Jackie Hoffman) Danielle vorher dazu an, von ihrer – in Wahrheit nicht existenten – Karriere zu erzählen und mahnt sie zugleich davor, sich ihrer ebenso anwesenden Ex-Freundin wieder zu nähern. Als ob das und die Kommentare der Verwandten nicht schon genug wären: auf einmal taucht auch noch Danielles Sugar-Daddy-App-Affäre Max mit seiner Bilderbuchfamilie auf. 

© MUBI ___STEADY_PAYWALL___

Perspektive: weibliche, bisexuell, jüdisch

Wie die Protagonistin selbst, identifiziert sich die Autorin und Regisseurin dieses Debüts, Emma Seligman, selbst als bisexuell und jüdisch. Die Geschichte sei von ihrem eigenen Coming-of-Age und ihrer Familie inspiriert, so die Regisseurin in einem Podcast-Gespräch (Pray for Us, Nov. 2020). Seligmans Gespür für Situationen wird in vielen Feinheiten erkennbar. Denn in diesem Kammerspiel gerät die Protagonistin von einer brenzligen Situation in die andere – mal darum bemüht es ihren Eltern Recht zu machen, mal versucht, den Sugar Daddy zu beeindrucken oder doch scharf zu kritisieren.  

Feminismus

Um das Thema Sexualität und Emanzipation bringt Seligman humorvoll einiges auf den Punkt, was andernorts nicht thematisiert, dramatisch seziert oder ablehnend durchdekliniert wird. So ordnet etwa die Mutter die Bisexualität ihrer Tochter als temporäres „Experimentieren“ ein – doch Danielle antwortet klar: Nein, Bisexualität ist keine Phase. Denn meist erklären Filme und Serien Bisexualität als Teil der wilden Vergangenheit eines Charakters oder einer Identitätsverwirrung, die er oder sie überwinden muss. Beide Eltern geben sich sehr tolerant, doch zeigt sich in solchen Momenten auch deren Unverständnis gegenüber dem Leben ihrer Tochter. So spricht Danielles Vater (Fred Melamed) nicht gegen ihre feministische Einstellung, betrachtet Gender Studies aber auch nicht als Karriereplan, der seiner Tochter eine produktive Zukunft ermöglichen kann. Der hier aufgemachte Generationengap umfasst in Shiva Baby weitreichende Diskussionsgrundlagen.

© MUBI

Stimmung

Shiva Baby lässt sich als schnelllebiges Kammerspiel beschreiben: die Handlung spielt sich fast ausschließlich auf der Schiwa ab. Während ein reges Kommen und Gehen sichtbar ist und viele verschiedene Charaktere Danielle in Gespräche über ihren Freund, das Studium, ihr Gewicht und ihre Karriere entwickeln, baut sich zugleich stets zunehmende Spannung auf. Die Musik und nahe Einstellungen kreieren außerdem klaustrophobische Effekte, die über die empathische Perspektive auch Danielles zunehmende Anspannung spürbar werden lassen.

Fazit: Emanzipatorisch wertvoll

Shiva Baby ist ab 11. Juni bei MUBI zu streamen.

 

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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