Diagonale 2021 : Weiyena – Ein Heimatfilm

Weina Zhao begibt sich in ihrem Debütfilm über 5 Jahre lang auf Reisen: von Wien aus nach China, dem Herkunftsort ihrer Familie, auf Zeitreise zur Kulturrevolution der 1960er und 70er Jahre und auf eine innere Suche nach ihrer eigenen Identität im Spiegel der familiären und historischen Vergangenheit. Drei Generationen bringt sie mit Co-Regisseurin und Kamerafrau Judith Benedikt vor die Linse und schafft ein wichtiges Zeitdokument, das nicht nur die persönliche Beziehung zwischen der jungen Filmemacherin und ihren Vorfahren verändert, sondern auch die Relevanz dieser Zeitzeug:innenberichte verdeutlicht. Ein transgenerationales Familienportrait, zwischen Peking, Shanghai und Wien, dem 20. und 21. Jahrhundert, zwischen Kulturrevolution und Wirtschaftsboom, Verdrängung und aufkeimenden Emotionen. Gemeinsam u.a. mit Glory to the Queen lief Weiyena  in der diesjährigen Dokumentarfilmsektion der Diagonale in Graz, die nach einem Jahr Pause nun wieder live stattfinden konnte.

© filmdelights

Für „Heimat“ und „Familie“ gibt es im Chinesischen nur ein Wort, so die Regisseurin zu Beginn des Films aus dem Off, über das sie uns bis zum Ende selbstreflexiv begleitet. Zhao wuchs ab ihrem vierten Lebensjahr mit ihrer Mutter Huang Zimin in Wien auf, der Vater zog bald nach China zurück, als der Wirtschaftsboom eintrat und neue Zukunftsperspektiven eröffnete. Die schwersten Schicksalsschläge hatten ihre Eltern zu dem Zeitpunkt bereits hinter sich. Was wäre (gewesen), wenn…? fragt Weina Zhao – die Bedeutung ihres Vornamens bezieht sich auf die österreichische Hauptstadt – stellenweise immer wieder. Was wäre wenn sie in Peking aufgewachsen wäre, wie würde ihr Leben heute aussehen? Ist Heimat dort, wo die Familie ist? Und ist Deutsch die Sprache, mit der sie ihre Emotionen unmittelbarer ausdrücken kann? ___STEADY_PAYWALL___

Über den langen Zeitraum, über den der Film entstand, fand sie mehr über ihre Familie heraus als geahnt, so die Filmemacherin. In diesem Sinne zeigt sich Weiyena nicht nur als die Erforschung einer ereignisreichen (auto-)biografischen Familiengeschichte, sondern bringt auch ein Stück chinesische Filmgeschichte zum Vorschein. Zhaos Urgroßvater Ying Yunwei stellt sich als prominenter Vertreter der frühen Film- und Theaterbranche heraus, sein Verhältnis zu Mao und dessenPartei war gut – bis Intellektuelle und Künstler:innen systematisch verfolgt wurden. Die Dynamik dieser Umbruchszeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist für Außenstehende kaum vorstellbar. In Gesprächen mit ihren Großeltern sucht Weina mehr über die Zeit unter Mao zu erfahren. Ihre angeregte Diskussion über die heutige chinesische Datenverarbeitung als Einschränkung der Freiheiten, prallt an ihrem Großvater ab – ohne Kontrolle hielten sich doch die Leute nicht an Regeln, in Wirklichkeit gäbe es nirgendwo eine frei Welt, so seine Argumentation. Zhaos Vorfahren sind geprägt von der Politik und der Gewalt der vergangenen Jahrzehnte, scheinbar locker sprechen sie über die Gräueltaten, die ihnen im Laufe ihres Lebens widerfahren sind. 

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Die damalige Hoffnung auf Veränderung durch den erstarkenden Kommunismus findet Zhao in den Lebensgeschichten ihrer Familie immer wieder – sie befragt die Großeltern dazu kritisch und ist sich zugleich dieser unfüllbaren Lücke, des Generationgaps bewusst. „Der aktuelle Trendsport für Pensionistinnen ist Revolutionslieder singen“, erklärt die Filmemacherin während sie ihre Großmutter zu einem Treffen begleitet – die Vergangenheit lebt in solchen Tätigkeiten scheinbar unauffällig fort. Die Erklärung derselben auf die Frage, warum sie noch einen Mao-Anstecker in ihrer Schublade habe, wird so auf eine Weise nachvollziehbar, denn eine Vergangenheitsbewältigung fand nie statt.

Das Filmteam schafft eine Atmosphäre, unter der sich die Gesprächspartner:innen offen zeigen und stellenweise tiefe Emotionen hervorkommen lassen. In ihrer Rolle als Familienmitglied und Filmemacherin balanciert Zhao zwischen Nähe und Distanz. Die Bedeutung der Ko-Regie (Judith Benedikt) innerhalb eine solchen Konstellation wird evident. Das Publikum ist dem Prozess der filmischen Entstehung oft auch nahe, so finden etwa Vorbesprechungen des Teams Eingang in den fertigen Film: Eine Metaebene öffnet sich und macht die involvierten Personen nahbarer. Zhaos Mutter selbst ist ein wichtiger Bestandteil des Entstehungsprozesses des Films, sie ist die Brücke zwischen ihrer Tochter und ihren Eltern. Hätten es die Umstände erlaubt, wäre sie als junge Frau in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten, um beim Fernsehen zu arbeiten, erzählt sie. Doch es kam alles anders.

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Filme ermöglichen es das Schweigen zwischen Generationen zu brechen. Sowohl in den Dokuporträts Weiyena und La Primavera (AT/DE/IT 2018, Valentina Primavera) als auch im Spielfilm Futur Drei (DE 2020, Faraz Shariat) nimmt die reale Mutter der Filmemacherinnen bzw. des Filmemachers eine wichtige Rolle für die Exploration der eigenen Vergangenheit ein. Weina Zhaos Mutter schaltet sich auch ungefragt als Ko-Regisseurin ein, wie wir aus dem Off erfahren. Die Wahl-Berlinerin Valentina Primavera reflektiert über die italienische Gemeinschaft ihrer Mutter die vorherrschenden patriarchalen Verhältnisse und Faraz Shariats reale Mutter nimmt für die Identitätssuche des Protagonisten eine wichtige Rolle ein. In allen drei Filmen geht es nicht nur um die Darstellung einer Familie, sondern auch um Haltungen gegenüber Lebensformen und -erfahrungen, die die Filmschaffenden durch und mit ihrer Mutter erleben und reflektieren.

Weiyena kehrt neben den Emotionen die humorvollen Seiten seiner Akteur:innen, allen voran der Mutter, hervor, kleine Momente, die zeigen, was Familie und Vertrautheit bedeuten können. Wir sehen außerdem Archivaufnahmen, zeitweise untermalt mit nostalgische Tönen (Musik: Andreas Hamza), die einst und jetzt verbinden. Wenn der Großvater väterlicherseits sein Sportprogramm macht und den Körper stramm zu den Ansagen und Rhythmen der im Nachhinein montierten Tonspur aus kommunistischen Zeiten bewegt, erzeugt die Filmemacherin auch absurd-komische Momente. 

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Mit seiner Mischung aus persönlicher Geschichte und Gegenwart, Zeitdokument und Situationskomik ist Weiyena ein Film, den eins länger als seine 95 Minuten schauen könnte und der neugierig macht, tiefer in die chinesische Geschichte einzutauchen – am liebsten immer von Zhaos Off-Stimme begleitet. Ihre  Reflexionen hallen nach: Was wäre wenn? Wie sehr bestimmt die Vergangenheit unserer Vorfahren unser heutiges Leben? Wie viel von den Traumata meiner Eltern lebt in mir selbst als transgenerationales Gefühl nach? Den Fragen um Identität, Heimat, Geschichte und Rassismus, denen sich die Filmemacherin in ihrem Debüt widmet, geht sie auch in einem aktuellen Projekt nach. Gemeinsam mit Noo Porvaee widmet sich Weina Zhao in einem aktivistischen Zine der Antirassismusarbeit, um Bewusstsein gegenüber antiasiatischer Diskriminierung zu schaffen. Ganz im Stil analoger Zines sind diese als Print erhältlich, das Kollektiv ist aber genauso digital erreichbar.

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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