Glory to the Queen

Als Das Damengambit im vergangenen Jahr Streaming-Rekorde brach, blieb auch die Suche nach Vorbildern und Parallelen zu realen Schachlegenden nicht aus. Russische und US-amerikanische Berühmtheiten wurden vielfach erwähnt, doch die großen georgischen Schachmeisterinnen des 20. Jahrhunderts blieben in den Erwähnungen v.a. außerhalb des postsowjetischen Raums außen vor. Mit Tatia Skhirtladzes Dokumentarfilm Glory to the Queen ändert sich dies: Er erzählt davon, wie vier Frauen die männerdominierte Schachwelt eroberten und im ganzen Land gefeiert wurden.

© filmdelights

Es war die Georgierin Nona Gaprindaschwili, die 1962 mit nur 19 Jahren zur Schwachweltmeisterin wurde – und für für großes Aufsehen sorgte. Erst 1978 musste sie ihren Titel an ihre Landsfrau Maia Tschiburdanidze abtreten. Mittlerweile sind einige Jahrzehnte vergangen, Gaprindaschwili ist noch in den Senior:innenmeister:innenschaften aktiv, während Tschiburdanidze ihren Nachbar:innen manchmal Unterhaltung bietet, indem sie das Riesenschachfeld auf ihrem Terrassenboden bespielt. Gemeinsam mit Nana Alexandria und Nana Iosseliani, die ebenso in der höchsten Liga spielten, verkörperten die vier lange Zeit wichtige role models (Vorbilder) für viele Georgier:innen. Diese vier Frauen stehen im Zentrum des Films. Regisseurin Skhirtladze begleitet sie heute an verschiedene Orte und kombiniert mit Archivmaterial von den 1970er bis 1990er Jahren. ___STEADY_PAYWALL___

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Daneben lässt der Dokumentarfilm auch eine neue Generation von Georgierinnen zu Wort kommen – alle sind sie Namensvetterinnen der sowjetischen Legenden. Denn Maia, Nona und Nana heißen heute viele Georgier:innen, deren Eltern von den Schachspieler:innen inspiriert waren oder die den Wünschen der schachbegeisterten Parteigenosse:innen bei der Namensnennung Folge trugen. Glory to the Queen lässt diese jungen Frauen vor der Kamera ihre Lebensläufe und die Bedeutung der Spieler:innen für ihre eigenen Wege berichten – so unterschiedlich diese auch verlaufen sind. Manch eine verschlug es ebenso in den Wettbewerb, der Traum einer anderen Schach zu lernen, musste unerfüllt bleiben. Oft ist nur eine zufällige Begegnung ausschlaggebend, um einer neue Möglichkeiten im Leben zu ebnen. Nona Gaprindaschwili erkennt viele Parallelen zwischen dem Schachspielen und dem Lauf des Lebens.

Sie ist es auch, die als erste Frau 1978 den Grandmaster (dt. Großmeister:intitel) erwarb. Ein Titel, der, einmal verliehen, auf Lebenszeit gilt und bis dato nur Männern vorbehalten gewesen war. Gaprindaschwili mischte die Domäne eindeutig auf und betont pragmatisch: Es war nicht immer einfach aber so war es nun einmal: sie war viel auf Reisen, ihre Familie blieb zuhause. Ihre Erfolge brachten ihr aber auch gegenüber der Partei kleinere Vorteile. Das gehört nun der Vergangenheit an. Nicht aber die Sportlichkeit der Schachspielerinnen. Die Qualifikationskriterien für den Großmeister:intitel machen nachvollziehbar, was Gaprindaschwili wiederholt betont: Schach ist eine sportliche Leistung und verlangt körperliche Fitness, nicht zuletzt da Turniere Durchhaltevermögen erfordern. Kein Wunder – bei 18 Trillionen möglichen Zügen auf dem Brett könnte auch die Meisterin nach Jahrzehnten noch überrascht werden. Diese und ähnliche Fakten erfahren wir beim Sehen des Films auch über das begleitende Voice-Over.

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Die Stimme der Regisseurin begleitet zum Teil die Archivaufnahmen. Hier sehen wir etwa Ausschnitte von vergangenen Turnieren oder von sowjetischen Imagefilmen aus den 1970/80ern, die die vier Schachspielerinnen vorstellten. Dabei kommentiert Tatia Skhirtladzes metareflexiv auch die Inszenierung der Frauen in diesen Zeitdokumenten: Etwa die Szene wie Nona hausmütterlich Essen zubereitet, obwohl sie in Wahrheit nicht kochte oder wie die Schachweltmeisterin Maia als Blumenmädchen durch das Bild spaziert. Auch Nana springt für die sowjetischen Filmaufnahmen durch üppige Wiesen, kurz nachdem sie den Rekord des bekannten US-Amerikaners Bobby Fischer (der in Zusammenhang mit dem Damengambit häufig erwähnt wurde) geschlagen hat. Dazwischen begleitet der Film die vier in Schulen, auf Turnieren, bei der Familie, in Cafés und nimmt uns so auf eine abwechslungsreiche Reise mit. Ungezwungene Gespräche bringen Charme und Witz mit sich.

In Interviewsequenzen zu Wort kommt auch die serbische Journalistin Milunka Lazarević, die die Aktivitäten der vier selbst nah mitverfolgte. Auch wenn die georgischen Frauen emanzipiert wirkten und viele Mädchen inspirierten, sich ebenfalls in der Männerdomäne Schach zu behaupten, zeigt Glory to the Queen auch, dass es hinsichtlich Gleichberechtigung keinesfalls stets rosig lief. Gaprindaschwili erzählt anekdotenhaft, der Kosmonaut Gagarin hätte Angst gehabt gegen sie im Billard zu verlieren. In einem kurzen Ausflug nach Wien erfahren wir, wie Frauen bis 1920 systematisch aus Schachklubs ausgeschlossen wurden. Umso relevanter sind die Aktionen von Maia und ihren Kolleg:innen, indem sie etwa Schulen besuchen und junge Menschen ermutigen, an sich zu glauben, ihre Konzentrationsfähigkeit und Willensstärke zu trainieren. 

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Doch, dass auch frühes Konkurrenzieren sich von freudigem Spiel in stressige Versagensangst verwandeln kann, thematisieren manche der Frauen ebenso. In Norwegen werden die Kinder erst ab 12 Jahren in Wettkämpfe geschickt, sagt jemand zu Nana Iosseliani, während sie ihre Enkelin beim Schlittschuh-Training beobachtet. Ihre Mutter wiederum erzählt, sie sei in den Schachclub aufgenommen worden, weil sie nach einer ihrer ersten verlorenen Partien geweint hatte. Ihre starke Reaktion gefiel dem Lehrer, da Nana wohl alles geben würde, um nicht wieder zu verlieren. Geschichten wie diese klingen fast wie aus einem Roman oder der besagten Serie. Heute lassen die vier Meister:innen ihr Erlebtes mit gelassener Miene und einem leichten Lächeln Revue passieren. Auch wenn sie unterschiedliche politische und religiöse Einstellungen haben, hat das Schachspiel etwas Verbindendes – nicht zuletzt durch ihre weibliche Solidarität innerhalb dieser Männerdomäne.

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Die selbst in Tiflis geborene Regisseurin Tatia Skhirtladze lebt heute in Wien, wo sie an der Universität für Angewandte Kunst Videokunst unterrichtet. Ihr Filmteam bestand großteils aus Frauen – auch dies ein wesentlicher Unterschied zur gehypten Netflix-Serie. Skhirtladze bringt uns mit ihrem Langfilmdebüt Glory to the Queen nicht nur die Welt des Schachs und das Leben von vier beeindruckenden starken Frauen näher, sondern führt uns auch an verschiedene Orte und Zeiten, die uns mit Georgien einst und heute vertrauter machen. Die vielgestaltigen Aufnahmen liefern auf visueller und auditiver Ebene viele Informationen und erfordern ein aufmerksames Publikum (in der bald im Kino erscheinenden Fassung sprechen u.a. die Schauspielerinnen Maria Happel und Maria Hofstätter). Nach der Sichtung bekommt eins Neugier auf noch mehr – mehr Geschichten über die Vier und mehr Informationen über die georgische Schachwelt, die bis zum Zerfall der Sowjetunion gleich vier herausragende Spielerinnen hervorbrachte. Schade, dass Glory to the Queen nicht aus einer ganzen Dokustaffel/serie besteht.

Glory to the Queen ist bis 28.04 beim goEast 2021 zu streamen.
Der Kinostart ist noch nicht festgelegt.

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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