DOK.fest München 2026: Ice Women
CN: sexualisierte Gewalt
In dem Dokumentarfilm Ice Women werfen Dorothea Braun und Jens Becker Schlaglichter auf drei Frauen, die als Forscherinnen, Erkunderinnen und Abenteurerinnen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Polarexpeditionen unternommen haben. Anders als ihre männlichen Kollegen tauchen sie in Geschichtsbüchern wenig bis gar nicht auf und gelten laut den Filmemacher*innen als vergessen: In drei Kapiteln, ähnlich den Episoden einer Miniserie, erzählt Ice Women von Josephine Peary, Ada Blackjack und Louise Arner Boyd und ihren Expeditionen in kalten, abgelegenen (Insel-)Landschaften.
Braun und Beckers Film ist durch intensive Archivarbeit entstanden. Aus dem Off vorgelesen werden imaginary letters, also erfundene Briefe, die auf Zitaten, Tagebucheinträgen und Aufzeichnungen der wahren Personen basieren. Durch diese Briefe erfahren Zuschauende eingehende Details über die Lebenswege der drei Erkunderinnen. Ihre unterschiedlichen Perspektiven verweben sich zu Erzählungen über Forschung, Kolonialismus, patriarchale Gewalt und private Enttäuschungen.

© DOOR+BRIDGE Film & strandfilm
Josephine Peary, bekannt als First Lady of the Arctic, war die erste weiße Frau auf einer arktischen Erkundung. Ihre Geschichte ist eng verzahnt mit der ihres Ehemannes, dem Polarforscher Robert Peary, bei dessen Expedition nach Grönland in den Jahren 1891 und 1892 sie Teil der Erkunder*innengruppe war. Da sich ihr Ehemann seiner Rolle als Vater und Partner entzieht, den Großteil der ersten 23 Ehejahre auf arktischen Reisen verbringt und sich als großer Entdecker rühmt, reist Josephine ihm mit den gemeinsamen Kindern vom Familienheim in Neuengland aus immer wieder in die Polarregionen nach. In Ice Women richten sich Josephine Pearys imaginary letters an das Inuit-Mädchen Aleqasina, von dem Robert Peary Nacktfotografien ohne Zustimmung unter dem Deckmantel der anthropologischen Fotografie anfertigt und das er über mehrere Jahre vergewaltigt. Ab dem Alter von 14 Jahren bringt Aleqasina zwei Kinder infolge des Missbrauchs zur Welt.
In ihren Nachrichten an Aleqasina schildert Josephine Peary ihre Einsamkeit, Überforderung und Trauer als Alleinerziehende, schafft Kontext, wie Robert Pearys von Eroberungsgedanken getriebenes Sein das Familienleben zerschlägt. Die Briefinhalte zeigen, wie patriarchale Gewalt, angetrieben durch männliches Ego, Form annimmt. Gleichzeitig tritt in den von Braun und Becker geschaffenen Formulierungen auch Josephine Pearys Ignoranz zutage, vor allem wenn es um die (fehlende) Sichtbarkeit von mehrfach marginalisierten Frauen geht: Josephine Pearys Wahrnehmung der jungen Aleqasina als romantische Konkurrenz um den Ehemann anstatt als Betroffene der von Robert Peary ausgeübten Gewalt ist ein beispielhaftes Zeugnis der Missachtung der Menschenrechte von um das nördliche Polargebiet lebenden indigenen Gruppen.___STEADY_PAYWALL___

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Dass insbesondere indigene Frauen aus der Geschichtsschreibung der arktischen Erkundungen gelöscht wurden, zeigt auch die Geschichte von Ada Blackjack, die Ice Women ebenfalls aufgreift. Die Iñupiaq-Frau ist Teil einer Expedition zu der sibirischen Wrangelinsel im Jahr 1921. Sie ist die einzige Frau und die einzige nicht-weiße Person der Gruppe. Der Dokumentarfilm zentriert Ada Blackjacks Gründe für die Teilnahme an der Expedition, bei der sie vor allem zunächst die Rolle als Care-Arbeiterin als Näherin, Köchin und Pflegende einnimmt. Ada Blackjack selbst sieht in der Expedition eine Chance, Geld zu verdienen, um ihren Sohn zu versorgen. Braun und Becker zentrieren und dramatisieren diesen Blickwinkel in Ada Blackjacks imaginary letters: In ihrer Erzählperspektive dreht sich alles um den unbedingten Überlebenswillen einer Mutter, um mit ihrem Kind wieder vereint zu sein. Denn als einer der Forscher der Gruppe an Skorbut erkrankt und der Erfolg der Mission aussichtslos ist, wird Ada Blackjack mit dem Erkrankten monatelang zurückgelassen. Adas handwerkliche Kenntnisse und ihre Vertrautheit mit den Naturbedingungen der arktischen Regionen lassen sie zur einzigen Überlebenden dieser Expedition werden. In einer Ergänzung des aufgearbeiteten historischen Archivmaterials durch aktuelle Filmaufnahmen erschafft Ice Women zusätzlich ein Bild, wie Ada Blackjacks Geschichte fortwirkt: Sie wird heute noch Iñupiat-Kindern als Zeichen der Resilienz der indigenen Communitys gelehrt.

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Die Amerikanerin Louise Arner Boyd finanziert insgesamt 14 Expeditionen in die Arktis (die meisten davon in den 1930ern), außerdem gilt sie als erste Frau, die bei einem Flug über den Nordpol dabei ist. Das Vermögen ihrer Familie ermöglicht Boyd, diese Pionierinnenstellung unter den arktischen Erkunder*innen einzunehmen. Bei Expeditionen übernimmt sie die Führungsrolle, ihr Fokus auf visuelle Aufzeichnungen durch Kameras und dem Sammeln von Messdaten ist im Bereich der technischen Entwicklungen fortschrittsorientiert. Ihre Forschungsreisen zielen nicht auf Extreme bei der Erschließung von Landschaften ab, sondern sind durchaus deutlich von einem wissenschaftlichen Gedanken geprägt: Louise Arner Boyd dokumentiert die Botanik und Topographie, sie erfasst die Landschaftselemente der Polarregionen um Grönland systematisch. Ihre Untersuchungen spielen noch heute in der Wissenschaft im Bereich des Natur- und Klimaschutzes eine Rolle.
Während Ice Women beim Blick auf Josephine Pearys Geschichte noch auf historische Auslassungen in Bezug auf indigene Lebensrealitäten eingeht, bleiben diese beim Fokus auf Lousie Arner Boyd etwas außen vor. Denn auch ihre wissenschaftlichen Forschungen beanspruchen bereits besetzte Räume: An ihre Rolle als Kolonialistin erinnert heute noch Louise-Boyd-Land, ein Gebiet im Nordost-Grönland-Nationalpark. Ähnlich wie im Fall von König-Christian-X.-Land, das nach dem Kolonialherren benannt ist, mussten auch für diese Region lokale oder beschreibende Bezeichnungen der Inuit für die Ehrung der Expeditionsleiterin Platz machen.

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Den Spuren dieser drei Frauen gehen Braun und Becker in Ice Women nach. Aus Archivmaterial, Interviews und fiktionalen Erzählperspektiven spinnt das Regie-Team eine collageartige Doku. Auf diesem Weg zeigen Braun und Becker, wie Archivarbeit vergessene Pfade nachverfolgt, und auch, mit welchen Techniken Dokumentarfilme erzählen. Denn Ice Women ist nicht unbedingt eine geradlinige Doku und spielt alleine schon durch seine episodenhafte Struktur mit verschiedenen Erzählmöglichkeiten. Off-Erzählerinnen und die Tongestaltung von Lotta Sahlstedt erzeugen an mancher Stelle nahezu Hörspielcharakter. Der Schnitt von Annett Ilijew und Britta Kastern führt durch Archivmaterial in Form von Fotografien und Filmaufnahmen. Ebenso formen neu gefilmte Landschaftseindrücke der Polarregionen heute, die Iñupiat und Inuit in ihrem Alltag begleiten, und animierte Einspieler den Dokumentarfilm. Auch Interviews mit u. a. der Glaziologin Prof. Angelika Humbert und der Vorschullehrerin Maddy Kiminaq Alvanna-Stimpfle, die sich in Nome, Alaska, wo Ada Blackjack ihre Jugend verbracht hat, für die Erhaltung der Iñupiat-Sprache einsetzt, sind Teil von Ice Women. So schlägt der Dokumentarfilm auf verschiedene Weise Brücken zwischen damals und heute und zeigt, dass und wie Leerstellen über (absichtlich) Vergessene gefüllt werden.
Ice Women ist als Weltpremiere in der Reihe „HerStory“ beim DOK.fest München 2026 zu sehen.
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